Ernährung

Hundeernährung Grundlagen: Bedarfsgerecht füttern

6 Min Lesezeit
Hundeernährung Grundlagen: Bedarfsgerecht füttern
Inhalt
  1. Energiebedarf: Vom Ruhewert zum Tagesbedarf
  2. Eiweiss: Mindestens 18 Prozent in der Trockensubstanz
  3. Fett: Energieträger und Sättigung – aber nicht beliebig
  4. Vitamine und Spurenelemente: Pro Kilogramm Futter, nicht pro Kilogramm Hund
  5. Wasser: Die unterschätzte Komponente
  6. Wenn etwas nicht passt: Body-Condition-Score
  7. Häufig gestellte Fragen

Fütterung ist das Thema, bei dem sich Hundehalter am schnellsten verlieren – zwischen BARF-Foren, Trockenfutter-Studien, Influencer-Empfehlungen und Tierarzt-Diäten ist die Versuchung gross, jeder neuen These nachzulaufen. Dieser Beitrag macht es anders. Wir gehen die wenigen Grössen durch, auf die es wirklich ankommt: was dein Hund pro Tag an Energie und Eiweiss braucht, welche Nährstoffe nicht fehlen dürfen, und wie du das in der Praxis umrechnest, ohne jedes Mal ein Studium der Ernährungswissenschaft anfangen zu müssen.

Die regulatorische Basis dafür legen in Europa die FEDIAF Nutritional Guidelines (European Pet Food Industry Federation, Version September 2024). Sie definieren Mindestgehalte für essentielle Aminosäuren, Vitamine und Spurenelemente in jedem Alleinfutter. Wer Trockenfutter, Nassfutter oder selbst gekochte Rationen einsetzt, sollte die FEDIAF-Werte zumindest als Richtschnur kennen.

Energiebedarf: Vom Ruhewert zum Tagesbedarf

Der Energiebedarf eines Hundes besteht aus zwei Teilen. Den Ruhebedarf (Resting Energy Requirement, RER) berechnest du mit der Formel RER = 70 × Körpergewicht in kg0,75. Für einen 25-Kilogramm-Hund ergeben sich 70 × 8,55 ≈ 598 Kilokalorien pro Tag. Das ist die Energie, die der Hund im Ruhezustand verbraucht, ohne jede Aktivität.

Den Tagesbedarf (Maintenance Energy Requirement, MER) bekommst du durch Multiplikation mit einem Aktivitätsfaktor: kastrierte oder wenig aktive Hunde liegen bei 1,2 bis 1,4; normal aktive Familienhunde bei 1,4 bis 1,8; sehr aktive Arbeitshunde oder Junghunde im Wachstum bei 1,8 bis 2,0 und mehr. Senioren und stark sedentäre Tiere können auch unter 1,2 liegen. Für unseren 25-kg-Hund mit normaler Aktivität ergibt sich also ein MER von 600 × 1,6 ≈ 960 Kilokalorien pro Tag. Die Faktoren sind Richtwerte – die Realität korrigiert sich am Körpergewicht: wer wöchentlich rippt und das Body-Condition-Score-System nutzt, sieht früh, ob die Rechnung stimmt.

Eiweiss: Mindestens 18 Prozent in der Trockensubstanz

Der FEDIAF- und AAFCO-Mindestbedarf für erwachsene Hunde liegt bei 18 Prozent Rohprotein in der Trockensubstanz (TS). Welpen im Wachstum brauchen mehr: AAFCO empfiehlt mindestens 22,5 Prozent TS, in der Praxis arbeiten Welpenfutter oft mit 22 bis 32 Prozent TS – das ist die Spanne, in der Wachstum und Knochenaufbau gut versorgt sind, ohne dass die Nieren überlastet werden.

Wichtig ist nicht nur die Menge, sondern die Qualität. Hunde können zehn Aminosäuren nicht selbst herstellen und sind auf die Zufuhr aus dem Futter angewiesen: Arginin, Histidin, Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan und Valin. Hochwertige tierische Eiweisslieferanten – Geflügel, Lamm, Rind, Fisch – decken dieses Profil gut ab. Pflanzliche Quellen wie Soja oder Hülsenfrüchte können einzelne Aminosäuren in geringerer Menge oder Bioverfügbarkeit liefern und sollten in Alleinfuttermitteln ergänzt oder kombiniert werden.

Eine kleine Besonderheit: Taurin ist für Hunde – anders als für Katzen – nicht essentiell. Hunde synthetisieren es aus den schwefelhaltigen Aminosäuren Cystein und Methionin. Bei getreidefreien Diäten mit hohem Anteil an Hülsenfrüchten und bei einigen prädisponierten Rassen (Golden Retriever, Dobermann) hat die FDA seit 2018 einen möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten Diäten und dilatativer Kardiomyopathie (DCM) untersucht. Die Datenlage ist nicht abschliessend, aber Anlass genug, bei BARF- oder Hülsenfrucht-lastigem Futter den Taurinstatus über den Tierarzt abklären zu lassen, wenn dein Hund zu den Risikorassen gehört.

Fett: Energieträger und Sättigung – aber nicht beliebig

Fett liefert mit 9 Kilokalorien pro Gramm mehr als doppelt so viel Energie wie Eiweiss oder Kohlenhydrate (jeweils 4 kcal/g). Das macht es zum effizienten Energieträger, vor allem bei aktiven Hunden. FEDIAF empfiehlt einen Mindestgehalt von 5,5 Prozent Rohfett in der Trockensubstanz für erwachsene Hunde, 8,5 Prozent für Welpen. Essentiell sind die Omega-6-Fettsäure Linolsäure und in geringerem Mass Alpha-Linolensäure (Omega-3). Fischöl als Quelle für EPA und DHA wird bei manchen Erkrankungen und für die Gelenkgesundheit empfohlen.

Ein übermässiger Fettanteil im Futter kann Übergewicht fördern und bei prädisponierten Rassen wie Schnauzer oder Cocker Spaniel eine Pankreatitis auslösen. Hier gilt: Beobachten und individuell anpassen – nicht das pauschale „je mehr Fett, desto besser“.

Vitamine und Spurenelemente: Pro Kilogramm Futter, nicht pro Kilogramm Hund

Eine häufige Verwechslung in der Hundeernährungsliteratur betrifft die Bezugsgrösse von Vitamin- und Mineralstoffbedarf. Diese Werte gelten pro Kilogramm Futter-Trockensubstanz, nicht pro Kilogramm Hundekörpergewicht. FEDIAF 2024 nennt für Vitamin A einen Mindestgehalt von etwa 5 000 Internationalen Einheiten pro Kilogramm Futter-TS, für Vitamin D einen Mindestgehalt von etwa 500 IE pro kg TS, mit einer sicheren Obergrenze von rund 3 000 IE pro kg TS. Wer Werte „pro kg Körpergewicht“ liest, sollte hellhörig werden – das ist meist eine Übersetzungs- oder Umrechnungsverwechslung und führt schnell zu drastischen Über- oder Unterdosierungen.

Bei den Mineralstoffen ist das Calcium-Phosphor-Verhältnis besonders wichtig. FEDIAF und NRC empfehlen für erwachsene Hunde ein Verhältnis von 1:1 bis 2:1 (Calcium zu Phosphor). Ein inverses Verhältnis – also mehr Phosphor als Calcium – kann langfristig zu einem nutritiven Hyperparathyreoidismus und Knochenproblemen führen. Bei Welpen grosser Rassen ist die absolute Calciummenge zusätzlich kritisch: zu viel führt zu Wachstumsstörungen, zu wenig zu Rachitis und Osteopenie.

Wasser: Die unterschätzte Komponente

Der Wasserbedarf eines gesunden Hundes liegt unter Normalbedingungen bei etwa 40 bis 60 ml pro Kilogramm Körpergewicht und Tag (WSAVA Fluid Therapy Proceedings 2018). Bei Hitze, hoher Aktivität, Stillzeit oder bestimmten Erkrankungen kann der Bedarf bis 70 ml/kg oder höher ansteigen. Trockenfutter erhöht den Trinkbedarf erheblich, weil es mit etwa 8 Prozent Restfeuchte ausgeliefert wird – Nass- oder Frischfütterung trägt deutlich mehr Wasser in die Ration ein.

Permanenter Zugang zu frischem Wasser ist nicht verhandelbar. Wer beim Hund auffällig vermehrtes Trinken (Polydipsie) bemerkt, sollte das tierärztlich abklären – es kann ein Hinweis auf Diabetes, Cushing, Nierenerkrankung oder andere Stoffwechselprobleme sein.

Wenn etwas nicht passt: Body-Condition-Score

Die zuverlässigste Kontrolle, ob deine Rationsberechnung in der Praxis stimmt, ist nicht die Waage allein, sondern der Body-Condition-Score (BCS). Auf einer Skala von 1 bis 9 gilt 4 bis 5 als ideal: Rippen sind ohne Druck zu ertasten, leichte Taille von oben erkennbar, leichter Bauchaufschluss von der Seite. Ein BCS von 6 oder 7 ist Übergewicht, 8 oder 9 ist Adipositas. Wer wöchentlich kurz tastet und alle paar Wochen ein Foto von oben und seitlich macht, sieht schleichende Gewichtszunahmen, bevor sie zum Problem werden.

Häufig gestellte Fragen

Wie viele Kilokalorien braucht mein Hund pro Tag?

Berechne den Ruhebedarf mit RER = 70 × kg0,75 und multipliziere mit dem Aktivitätsfaktor: 1,2–1,4 für wenig aktive, 1,4–1,8 für normal aktive, 1,8–2,0+ für sehr aktive Hunde. Anschliessend am Body-Condition-Score korrigieren.

Wie viel Eiweiss muss in einem guten Hundefutter sein?

Mindestens 18 Prozent Rohprotein in der Trockensubstanz für erwachsene Hunde, 22,5 Prozent oder mehr für Welpen. Qualität (essentielle Aminosäuren, Bioverfügbarkeit) ist mindestens so wichtig wie die reine Menge.

Brauchen Hunde wirklich Taurin?

Nicht zwingend – Hunde synthetisieren Taurin aus Cystein und Methionin. Bei getreidefreien, hülsenfruchtlastigen Diäten und bei prädisponierten Rassen (Golden Retriever, Dobermann) lohnt sich aber ein tierärztlicher Check, weil die FDA seit 2018 einen möglichen DCM-Zusammenhang untersucht.

Wie viel Wasser braucht mein Hund pro Tag?

40 bis 60 ml pro Kilogramm Körpergewicht im Normalfall, bis 70 ml/kg bei Hitze, Aktivität oder Trockenfutter. Auffällig vermehrtes Trinken (Polydipsie) ist ein Anlass für tierärztliche Abklärung.

Wie erkenne ich, ob mein Hund Idealgewicht hat?

Body-Condition-Score auf der 1-bis-9-Skala: Rippen ohne Druck ertastbar, leichte Taille von oben sichtbar, leichter Bauchaufschluss seitlich entspricht BCS 4–5 (ideal). Wöchentlich tasten, alle paar Wochen Fotos – schleichende Veränderungen früh erkennen.

Quellen
  1. FEDIAF: Nutritional Guidelines for Complete and Complementary Pet Food (2024). European Pet Food Industry Federation.
  2. Challenges and Methodologies to Assess Protein Requirement and Quality Across Different Life Stages in Dogs: A Review. PMC / Frontiers in Veterinary Science (2025).
  3. FDA: Investigation into Potential Link between Certain Diets and Canine Dilated Cardiomyopathy (laufend). U.S. Food & Drug Administration.
  4. Animal Medical Center NYC: Understanding the FDA Update on Non-Hereditary DCM in Dogs (2023).
  5. ThePetCalculator: RER/MER Calculator – Veterinary Energy Requirement Tool.
  6. Wilson Veterinary Hospital: Metabolic Food Requirements for Your Pet.
  7. Hatcher J. et al. (2018): Fluid Therapy – The Essentials. World Small Animal Veterinary Association (WSAVA) Congress Proceedings.
  8. Mellanby RJ et al. (2025): Different carbohydrate sources in dog foods and cardiac function – 18-month prospective study. PMC.
  9. FEDIAF: Announces Updated 2024 Nutritional Guidelines (Pressemitteilung, September 2024). European Pet Food Industry Federation.
  10. The Little Carnivore: FEDIAF 2024 – What it is and what's new? (2024).
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