Rassetyp wichtiger als Gesundheit? Hundeshow-Sieger wirft Tierschutzfragen auf
Quelle: eigene · gem. Pomelli-Lizenzbedingungen Inhalt
- Die „Crufts“: Sieger werden zum Aushängeschild der Rasse
- Sieger der diesjährigen Crufts wirft Fragen auf
- Der Clumber Spaniel: (K)Ein Sinnbild von Gesundheit?
- Die Bewertungsrealität von Hundeausstellungen
- Die Gundog Group: Wenn völlig unterschiedliche Körperkonzepte gegeneinander antreten
- Das verzerrte Ideal der Hundezucht
Es gibt Momente, in denen ein System nicht mehr logisch wirkt. So ging es mir, als ich das Ergebnis der letzten Crufts, eine der bekanntesten Hundeausstellungen der Welt, gesehen habe. Als Sieger ging ein Clumber Spaniel hervor, der selbst mit enorm viel Fantasie meilenweit entfernt von einem gesunden Erscheinungsbild ist. Und obwohl es mir sehr schwer fällt, gehe ich nüchtern an die Recherche: Wie kann es sein, dass ein Hund, der so offenkundig nicht in der besten körperlichen Verfassung ist, vor einem Millionen-TV-Publikum zum „Best in Show“ gekürt wird?
Die „Crufts“: Sieger werden zum Aushängeschild der Rasse
Die Crufts wird seit 1891 vom britischen Kennel Club organisiert und findet jährlich über vier Veranstaltungstage in Birmingham statt. Mit bis zu 155’000 Besuchern vor Ort, rund 20’000 gemeldeten Ausstellungshunden und mehr als 8 Millionen TV-Zuschauern aus aller Welt ist sie auf internationaler Ebene die grösste und bekannteste Hundeausstellung.
Damit reicht die Bedeutung der Crufts weit über die eigentliche Ausstellung hinaus. Wer hier den Titel «Best in Show» gewinnt, gewinnt weit mehr als nur einen Pokal. Siegerhunde geniessen in der Zuchtszene hohes Ansehen und prägen das Zuchtgeschehen über Jahre hinweg. Sie werden verstärkt zur Zucht eingesetzt, ihre Nachkommen sind heiss-begehrt.
Kurzum dient ihr Erscheinungsbild vielen Züchtern als Orientierung für den gewünschten Rassetyp.
Gerade deshalb ist die Wahl des Siegers weit mehr als eine Geschmacksfrage. Sie sendet ein Signal darüber, welche Merkmale in der Rassehundezucht als erstrebenswert gelten. Und wenn ein Idealbild Merkmale fördert, die gesundheitlich problematisch sind, wird es da nicht ethisch heikel?
Sieger der diesjährigen Crufts wirft Fragen auf
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf habe ich mir den Sieger der Crufts 2026 genauer angesehen. Und als ich das Foto des Clumber Spaniels, sowohl Preisträger „Best in Show“ als auch Erstplatzierter in der Grundog Group, gesehen habe, musste ich mir doch nochmal den FCI-Standard zu Gemüte führen. Denn das Bild wollte so gar nicht zu dem passen, dass zu der Rasse vor meinem geistigen Auge und in meiner Erinnerung bestand.
Mir ist klar, dass eine Hundeshow kein Gesundheitswettbewerb ist. Und auch kein Schönheitswettbewerb, denn Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Es geht also nicht darum, welcher Hund am vitalsten wirkt oder am funktionalsten gebaut ist. Die Bewertung richtet sich vor allem nach dem Rassetyp. Der bewertete Hund soll dem „Idealbild“ seiner Rasse möglichst nahe kommen. Und dieses Idealbild steht eben in den Standards der Zuchtverbände beschrieben.
Die Rassestandards wurden historisch entwickelt und fast ausnahmslos alle haben einen stark funktionalen Ursprung. Ein Hund sollte arbeiten, jagen, begleiten, leisten. Rassestandards sind grösstenteils keine „Gesundheitskataloge“ (auch wenn glücklicherweise in vielen Bereichen nachgearbeitet wurde), sondern beschreiben primär Form, Proportionen und typische Merkmale des entsprechenden Hundes.
Der Clumber Spaniel: (K)Ein Sinnbild von Gesundheit?
Im Grunde ist der Clumber Spaniel unabhängig der Crufts bereits ein Fall für sich. Laut Rassestandard ist ein „kräftiger Körperbau“ erwünscht und im geschichtlichen Abriss ist sogar die Rede von „Es ist ein sehr schwerer Hund und sein Arbeitstempo ist geruhsamer als das von anderen Spaniels. Seit den 50iger Jahren hat man es zugelassen, dass er sogar noch schwerer geworden ist und obwohl das Höchstgewicht für Rüden bei 34 kg liegt, sieht es so aus als ob einige noch weit über diesem Maβ liegen.“
Der eigentliche Kern: Rassestandards können durchaus noch Merkmale enthalten, die aus heutiger Sicht problematisch sind. Dazu zählen beispielsweise sehr lose Augenlider, schwere Hautfalten oder zu kompakte Körperformen.
Royal Kennel Club: Breed Standard Clumber Spaniel
Beim Clumber handelt es sich also um einen generell schweren, tief gebauten Hund. Die Grenze zwischen „typisch massig“ und „gesundheitlich übergewichtig“ ist aus der Distanz vermutlich kaum auszumachen.
Wenn ich im Rassestandard jedenfalls lese „Der Clumber soll fest, gesund und fähig sein einen ganzen Tag auf dem Feld zu arbeiten“ (bzw. im englischen The Clumber should be firm, fit and capable of a day’s work of beating in heavy cover) oder „Gut ausgewogen, guter Knochenbau, lebhaft, mit einem nachdenklichen Ausdruck. Seine gesamte Erscheinung drückt Kraft aus.“ und mir daneben das Foto der Siegerehrung halte… Tut mir leid, aber weder glaube ich, dass dieser Hund einen ganzen Tag auf dem Feld überstehen würde, noch finde ich seinen Ausdruck lebhaft.
Noch irritierter bin ich, wenn ich dann die weiter hinten platzierten Rassevertreter derselben Gruppe sehe: Ein Cocker Spaniel mit seidig glänzendem Fell, ein quirliger Flat Coated Retriever und der stolze Irish Setter. Während die auf mich alle wie die strahlende Gesundheit wirken, hinterlässt der Clumber Spaniel doch eher einen bitteren Nachgeschmack von Schwermut und Erschöpfung.
Die Bewertungsrealität von Hundeausstellungen
Wer zum ersten Mal eine grosse Hundeausstellung wie die Crufts anschaut, erwartet ein klares Urteilssystem. Ein Hund ist entweder „gut“ oder „schlecht“, gesund oder nicht gesund. Die Realität sieht aber anders aus.
Bewertet wird nicht die allgemeine Gesundheit eines Hundes im medizinischen Sinn. Richter beurteilen, wie nah ein Hund dem jeweiligen Rassestandard entspricht. Dieser Standard beschreibt ein Idealbild. Er umfasst Körperbau, Bewegung, Ausdruck und typische Merkmale einer Rasse. Gesundheit spielt dabei zwar eine Rolle, wird aber im Rahmen dieses Typbildes interpretiert und nicht als eigenständiger medizinischer Check durchgeführt.
Im Ring zählt der Gesamteindruck. Ein Hund wird in wenigen Minuten gezeigt, bewegt sich im Kreis, steht im Stand und wird mit anderen Hunden verglichen. Kleine Abweichungen werden dabei nicht isoliert betrachtet, sondern im Verhältnis zum Gesamtbild der Rasse eingeordnet.
Das führt zu einer besonderen Dynamik. Ein Hund kann sehr typisch für seine Rasse wirken und dadurch Vorteile haben, selbst wenn einzelne Merkmale aus aussenstehender Sicht kritisch erscheinen. Gleichzeitig kann ein Hund, der optisch sportlicher oder funktionaler wirkt, weniger gut abschneiden, weil er nicht exakt dem historischen Rassetyp entspricht.
Diese Bewertungslogik ist der Kern vieler Diskussionen rund um Hundeshows. Denn sie folgt nicht dem einfachen Prinzip „je gesünder, desto besser“, sondern dem Prinzip „je rassetypischer im Rahmen des Standards, desto besser die Bewertung“.
Die Gundog Group: Wenn völlig unterschiedliche Körperkonzepte gegeneinander antreten
Die Gundog Group bei der Crufts ist ein Vergleichssystem zwischen Rassen mit völlig unterschiedlichen Körperkonzepten. In dieser Gruppe treten Jagdhunderassen gegeneinander an, die zwar denselben ursprünglichen Zweck haben, aber körperlich kaum vergleichbar sind.
Zur Gundog Group gehören u.a. verschiedene Retriever (Labrador Retriever, Golden Retriever…), Spaniel (Cocker Spaniel, Clumber Spaniel) und Setter (English Setter, Irish Setter, Gordon Setter).
Retriever sind athletisch und auf Tempo ausgelegt. Setter wirken drahtig und anmutig. Selbst der Cocker Spaniel ist im Vergleich zum Clumber agil und quirlig.
All diese Typen sind historisch funktional. Sie erfüllen ihren ursprünglichen Arbeitsauftrag auf unterschiedliche Weise. Im jeweiligen Kontext ist also sowohl der leichte, schnelle Hund als auch der schwere, kraftvolle absolut „funktional“.
Diese Vielfalt macht die Gruppe einerseits spannend, andererseits aber auch konfliktanfällig. Denn sie zwingt sehr unterschiedliche Hundetypen in denselben Vergleichsrahmen, obwohl ihre Körper und ihre ursprüngliche Arbeitsweise kaum miteinander vergleichbar sind.
Das verzerrte Ideal der Hundezucht
Wenn ein Hund mit einem derart ausgeprägten Erscheinungsbild den höchsten Titel einer der wichtigsten Hundeausstellungen der Welt gewinnt, sendet das ein sehr klares Signal an die Zucht: Genau dieser Typ gilt im Rahmen des Systems als erstrebenswert.
Dieses Ideal orientiert sich allerdings nicht an langfristiger Gesundheit oder funktionaler Belastbarkeit, sondern an einem rassetypischen Erscheinungsbild im Showkontext.
Wer solche Hunde prämiert, prägt Zuchtentscheidungen über Jahre hinweg. Und wer Zuchtentscheidungen prägt, beeinflusst direkt, wie zukünftige Generationen aussehen, sich bewegen und unter welchen körperlichen Bedingungen sie leben.
Ein System, das Übertypisierungen sichtbar belohnt, obwohl sie potenziell mit gesundheitlichen Einschränkungen einhergehen, verfehlt aus meiner Sicht den modernen Anspruch an verantwortungsvolle Hundezucht.