Ein Verbot beruhigt die Schlagzeile. Den Hund interessiert es nicht.
Der Aargau will Kampfhunde verbieten. Doch die Forschung zeigt: Die Rasse erklärt kaum, welcher Hund gefährlich wird. Warum ein Verbot die Falschen trifft.
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Im Aargau soll bald eine Liste entscheiden, welcher Hund leben darf und welcher nicht. «Tiere, die Menschen entstellen und töten können, gehören nicht unter die Leute», sagt SVP-Grossrat Thomas Zollinger, der den Vorstoss für ein kantonales Kampfhunde-Verbot eingereicht hat. «Kampfhunde sind per se gemeingefährlich.» Der Ton ist hart und entschlossen, und quer durch fast alle Parteien findet er Zustimmung.
Über die Angst dahinter müssen wir reden, denn sie ist berechtigt. Nur die Antwort, die man ihr geben will, taugt nichts.
Der Fall, der alles auslöste
Dezember 2005, Oberglatt. Ein sechsjähriger Bub ist auf dem Weg in den Kindergarten, als ihn drei Hunde anfallen und töten. Das Land steht still. Es ist der Moment, in dem die Schweiz ihre Rasselisten bekommt. Wer dieses Bild einmal im Kopf hat, will nie wieder davon lesen, und aus diesem Schmerz ist eine einfache Gleichung entstanden: gefährliche Rasse, gefährlicher Hund, Verbot.
Die Gleichung fühlt sich richtig an. Sie führt trotzdem in die Irre. Denn seit Oberglatt sind zwanzig Jahre vergangen, und in dieser Zeit hat die Forschung ziemlich genau herausgefunden, was einen Hund wirklich gefährlich macht. Die Antwort steht quer zu allem, was auf einer Liste steht.
Was die Rasse erklärt: fast nichts
2022 werteten Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Science die Daten von über 2000 genetisch untersuchten Hunden und rund 18’000 Haltern aus. Das Ergebnis: Die Rasse erklärt etwa neun Prozent davon, wie sich ein Hund verhält. Neun. Die restlichen einundneunzig Prozent liegen woanders.
Eine finnische Studie mit über 9000 Hunden zeigte im Jahr davor dasselbe Muster. Was Aggression vorhersagt, ist nicht der Stammbaum. Es sind Geschlecht, Alter, wie früh ein Hund sozialisiert wurde und wie erfahren sein Mensch ist. Am deutlichsten wird es bei den schweren Fällen: Eine amerikanische Analyse von 256 tödlichen Hundebissen über zehn Jahre fand in mehr als vier von fünf Fällen vier oder mehr vermeidbare Faktoren, die gleichzeitig zusammenkamen. Der Hund war angekettet, nicht kastriert, ohne Bezug zu Menschen gehalten, der Halter abwesend oder überfordert. Die Rasse tauchte in dieser Kette nicht als eigener Grund auf.
Ein tödlicher Beissunfall ist fast nie ein Hund, der einfach so ist, wie er ist. Es ist ein ganzes System, das an mehreren Stellen gleichzeitig versagt hat.
Ich kenne diese Hunde
Ich kenne mehrere Hunde, die auf jeder Liste stehen würden. Vom Papier her gefährlich. In Wirklichkeit begleiten sie Menschen als Assistenzhunde durch den Tag oder leben in Familien und funktionieren dort einfach wunderbar, ruhig und verlässlich, geduldig mit den Kindern.
Das ist kein Zufall und keine seltene Ausnahme. Genau die Rassen, die auf den Listen stehen, werden andernorts zu Therapiebegleitern ausgebildet und arbeiten in Alters- und Kinderheimen. Derselbe Hund, dieselbe Rasse. Der Unterschied liegt nicht im Tier, sondern darin, wer es grossgezogen hat und wie. Eine Liste sieht diesen Unterschied nicht. Sie kann ihn gar nicht sehen, weil sie nur den Namen der Rasse kennt und nie die Geschichte des Hundes.
Wer sich nie an ein Verbot hält
Es gibt einen Menschen, den ein Verbot vollkommen kaltlässt: den, dessentwegen es geschrieben wird. Wer einen Hund als Waffe hält, ihn scharf macht, ihn im Hinterhof züchtet und bar verkauft, den kümmert kein Gesetzestext. Sandy Birrer, die im Aargau über ihren Verein beschlagnahmte Hunde vermittelt, sagt es so: «Solchen Leuten ist völlig egal, ob es ein Verbot gibt.» Sie hat recht – ist auch meine Meinung.
Ein Verbot trifft die Falschen mit voller Wucht und die Richtigen gar nicht. Es bestraft die Familie, die ihren Hund sauber ausgebildet, angemeldet und versichert hat, und geht an dem vorbei, der sich ohnehin nie hat registrieren lassen. Zollinger fragt in seinem eigenen Vorstoss nach der Dunkelziffer nicht angemeldeter Hunde. Die gefährlichen sind also längst unter dem Radar, und trotzdem soll ein Gesetz her, das nur die Sichtbaren erreicht. Man verschärft die Regeln für jene, die sich an Regeln halten, und nennt es Sicherheit.
Wo man wirklich ansetzen müsste
Wenn nicht die Rasse das Problem ist, sondern das ganze System dahinter, dann muss man dort ansetzen, wo der Hund entsteht und wo er seinen Halter findet.
Ich kenne sehr viele verantwortungsvolle Züchter und Tierheime, die genau das längst tun. Sie schauen ganz genau hin, wer bei ihnen einen Hund bekommt, und sie sagen auch mal Nein. Wer dann leer ausgeht, macht seinem Ärger nicht selten im Internet Luft und fragt, was das denn solle. Dabei hatte das Nein fast immer einen guten Grund. Diese Menschen leisten einen fantastischen Job und stellen ihre Tiere über den schnellen Abschluss. An ihnen liegt es nicht.
Es liegt an denen, die genau das nicht tun. Die ehrlichste Stellschraube ist deshalb der Übergang selbst, das eine Ende der Kette, an dem ein Hund den Besitzer wechselt. Wer Hunde in die Welt setzt und weitergibt, trägt Verantwortung dafür, in welche Hände sie geraten. Wo dieser Anstand schon da ist, braucht es niemanden zu gängeln. Wo er fehlt, im Hinterhof, im Kofferraum, im anonymen Online-Inserat, würden Auflagen mehr bewegen als jede Rasseliste, weil sie am Anfang greifen statt am Ende.
Eine einfache Lösung gibt es trotzdem nicht, und wer dir eine verspricht, verkauft dir etwas. Wir werden es nicht schaffen, dass jeder Halter sich bildet, Empathie für sein Tier entwickelt und Rücksicht auf andere nimmt. Auch die Vorauswahl, wer überhaupt einen Hund bekommt, ist heikel und in keinem Punkt sauber zu regeln. Aber eines steht fest: Verbieten ist die schlechteste aller Antworten. Es ist die, die am wenigsten kostet, am lautesten klingt und am wenigsten bewirkt.
Warum das Verbot trotzdem kommt
Ein Rasseverbot hat einen unschlagbaren Vorteil. Es ist billig, es ist sichtbar, und es passt in einen einzigen Satz auf ein Plakat. Für die Politik ist das ein Geschenk, weil man Reichweite und Zustimmung bekommt und das Gefühl, gehandelt zu haben, ohne je etwas liefern zu müssen. Nur bringt dieses Lautsein weder eine Lösung noch eine Verbesserung.
Die Niederlande hatten ein solches Rasseverbot und haben es 2008 wieder abgeschafft, weil die Beissstatistik sich nicht bewegt hatte. Länder, die genau ausprobiert haben, was der Aargau jetzt vorschlägt, sind zum selben Schluss gekommen: Es funktioniert nicht.
Und dann ist da noch die Sache mit dem Massstab. Tödliche Hundeangriffe sind in der Schweiz so selten, dass jeder einzelne das ganze Land erschüttert, zu Recht. Im selben Land aber gehen Wanderer über Alpweiden und werden von Mutterkühen angegriffen, Jahr für Jahr, manche sterben daran. Keinen Vorstoss gibt es für eine Liste gefährlicher Rinderrassen. Kein Plakat. Die tatsächliche Gefahr richtet sich eben nicht danach, wie laut wir über sie reden.
Worum es wirklich geht
Am Ende steht ein Bub, der 2005 nie im Kindergarten ankam. Diesen Schmerz nimmt niemandem etwas, und niemand sollte es versuchen. Aber wir ehren ihn nicht mit einer Liste, die sich gut anfühlt und nichts verhindert. Wir ehren ihn, indem wir dorthin schauen, wo Hunde wirklich gefährlich werden: an den Anfang, zum Züchter, zum Verkäufer, zum Menschen am anderen Ende der Leine.
Der gefährlichste Faktor an jedem Beissunfall hat nie eine Rasse. Er hält die Leine.
Quellen
- Blick: «Kommt der Hunde-Hammer jetzt auch im Aargau?» — blick.ch
- Aargauer Zeitung: «Kampfhunde sind per se gemeingefährlich» — SVP-Grossrat Zollinger fordert ein kantonales Verbot. aargauerzeitung.ch
- Wortlaut des Vorstosses (Dunkelziffer nicht angemeldeter Hunde). aargauerpolitik.ch
- Aargauer Zeitung: Sandy Birrer wehrt sich gegen das Kampfhunde-Verbot. aargauerzeitung.ch
- SWI swissinfo: Prozess nach der tödlichen Hundeattacke von Oberglatt (Dezember 2005, drei Pitbulls). swissinfo.ch
- Kanton Aargau: Hundegesetz (SAR 393.411). gesetzessammlungen.ag.ch
- Morrill K. et al.: «Ancestry-inclusive dog genomics challenges popular breed stereotypes», Science 2022 — Rasse erklärt rund 9 % des Verhaltens (Volltext, PMC). ncbi.nlm.nih.gov
- Mikkola S. et al.: «Aggressive behaviour is affected by demographic, environmental and behavioural factors in purebred dogs», Scientific Reports 2021. doi.org
- Patronek G.J. et al.: «Co-occurrence of potentially preventable factors in 256 dog bite-related fatalities in the United States (2000–2009)», JAVMA 2013 (PubMed). pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
- DutchNews: «Pit bull ban to be lifted» — die Niederlande heben ihr Rasseverbot 2008 auf. dutchnews.nl
- NZZ: «Wenn Kühe gefährlich werden» — Unfälle mit Mutterkühen in der Schweiz. nzz.ch