Tierschutz

Auslandsvermittlung in volle Tierheime: Wo bleibt der Sinn?

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Auslandsvermittlung in volle Tierheime: Wo bleibt der Sinn? Quelle: eigene · ki_generated
Inhalt
  1. Warum werden Hunde und Katzen aus dem Ausland vermittelt, obwohl die hiesigen Tierheime voll sind?
  2. DACH-Tierheime: Für viele Interessenten zu unzugänglich
  3. Der «Rettungsgedanke»: Eine emotional grosse Rolle
  4. Überfüllte Tierheime, steigende Importe
  5. Nachhaltiger Tierschutz muss dort ansetzen, wo ständig neue Tiere entstehen
  6. Es zählen Taten, nicht Vermittlungszahlen

Jedes Jahr werden zehntausende Hunde und Katzen aus Ländern wie Rumänien, Bulgarien oder Spanien nach Deutschland, Österreich und in die Schweiz vermittelt. Gleichzeitig schlagen Tierheime im DACH-Raum Alarm, weil sie überfüllt sind, die Kosten steigen und zahlreiche Tiere monatelang oder gar vergeblich auf ein neues Zuhause warten. Warum also werden immer mehr Tiere aus dem Ausland vermittelt, obwohl bereits vor Ort unzählige Hunde und Katzen auf eine Adoption hoffen?

Ist die vermeintliche Rettung einzelner Tiere aus dem Ausland gelebter Tierschutz, oder verlagern die ständigen Importe das eigentliche Problem, statt es ansatzweise zu lösen?

Warum werden Hunde und Katzen aus dem Ausland vermittelt, obwohl die hiesigen Tierheime voll sind?

Jedes Jahr werden zehntausende Hunde und Katzen legal über das europäische TRACES-System nach Deutschland eingeführt. Rumänien ist dabei seit Jahren das wichtigste Herkunftsland.

Allein aus Rumänien wurden in den vergangenen Jahren durchschnittlich fast 45’000 Hunde pro Jahr nach Deutschland gebracht. Katzen stammen fast genauso oft von dort.

Rechtfertigen die nachweislich überfüllten Tierheime in der DACH-Region derartige Importzahlen?

Das Prinzip von Angebot und Nachfrage geht hier irgendwie nicht auf: Würde jeder Adoptionsinteressent sich einen Hund oder eine Katze aus einem Tierheim in DACH holen wollen, wären am Ende etwa gar nicht genug Tiere für alle da?

DACH-Tierheime: Für viele Interessenten zu unzugänglich

Ich sehe es beinahe täglich in den sozialen Medien: Menschen, die sich verärgert Luft machen, weil sie an den strengen Vermittlungskriterien hiesiger Tierheime gescheitert sind.

Phrasen wie «nur der arbeitslose (Faktor Zeit) Millionär (Faktor Finanzen) mit Villa und Garten (Faktor Räumlichkeiten) bekommt dort einen Hund» kursieren nicht erst seit gestern.

An dieser Stelle entsteht auch schon der nächste Widerspruch. Warum prüfen Tierheime vor Ort derart akribisch, während Auslandshunde meistens allein anhand von Fotos, Mails oder Video-Calls vermittelt werden?

Der «Rettungsgedanke»: Eine emotional grosse Rolle

Ein Hund aus dem Ausland wird in sozialen Netzwerken gerne als gerettetes Tier präsentiert. Fotos aus Sheltern, Geschichten über die frühere Vernachlässigung, Videos der Ankunft und rührende Vorher-Nachher-Vergleiche erzeugen starke Emotionen.

Für viele Menschen fühlt sich die Auslandsadoption dadurch wie eine direkte Rettungsaktion an.

Das unterscheidet sich stark von der Vermittlung von Hunden aus lokalen Tierheimen, deren Geschichten häufig weniger sichtbar (und spannend) sind.

Überfüllte Tierheime, steigende Importe

In Summe entsteht aus alldem ein struktureller Widerspruch. Jedes einzelne aus dem Ausland vermittelte Tier erhält zwar eine neue Chance. Es wird dadurch allerdings kein Problem gelöst.

Im Ursprungsland werden weiterhin Tiere auf der Strasse geboren, bleiben unkastriert und es gibt keine ausreichenden Strukturen für deren Versorgung.

Stell dir das Ganze wie ein überfülltes Rettungsboot vor. Jedes Mal, wenn du jemanden aus dem Wasser ziehst, rettest du diesen einzelnen. Gleichzeitig fallen dabei aber jedes Mal ein paar weitere ins Wasser, weil das Boot ja bereits voll besetzt ist.

Mir ist vollkommen klar, dass für einen Hund in einer ausländischen Auffangstation oder auf der Strasse das Argument, ob ein Kastrationsprogramm in einigen Jahren evtl. Wirkung zeigt, nicht zählt. Ich will auch nicht infrage stellen, ob all die geretteten Hunde ein Zuhause verdienen – das tut zweifellos jeder.

Dennoch drehen wir uns im Kreis. Und das wird nicht aufhören, wenn nicht ein grundsätzliches Umdenken stattfindet.

Nachhaltiger Tierschutz muss dort ansetzen, wo ständig neue Tiere entstehen

Einzelne Tiere zu retten, bleibt richtig und wichtig. Das allein hilft aber nicht. Es ist nicht nachhaltig.

Die Vermittlung eines Hundes verändert ausschliesslich das Schicksal dieses einen Hundes.

Solange vor Ort aber Tausende Tiere auf der Strasse unkastriert bleiben, entstehen permanent neue Würfe.

Nachhaltiger Tierschutz verfolgt deshalb einen anderen Ansatz: Nicht nur Tiere aus der Notlage holen, sondern verhindern, dass neue Tiere überhaupt in diese Situation geraten.

Hier setzen Kastrationsprogramme, Aufklärung und lokale Tierschutzarbeit an.

Es zählen Taten, nicht Vermittlungszahlen

Eine seriöse Auslandstierschutzorganisation sollte sich nicht daran messen lassen, wie viele Tiere sie nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz bringt. Aussagekräftiger ist die Frage, was sie vor Ort verändert.

Seriöse Tierschutzorganisationen beschränken sich nicht auf die Vermittlung nach Mitteleuropa. Sie investieren einen Teil ihrer Mittel auch in langfristige Projekte im Herkunftsland. Dazu gehören insbesondere Kastrationsaktionen, Aufklärungsarbeit, medizinische Versorgung und die Zusammenarbeit mit Gemeinden und Tierheimen.

Ich bin mir sicher, eine langfristige Verbesserung der Situation kann nur gelingen, wenn Kastration, Aufklärung und lokale Unterstützung mindestens denselben Stellenwert einnehmen wie der Transport von Tieren nach Mitteleuropa.

Quellen