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Die Englische Bulldogge: Qualzucht oder nicht?

5 Min Lesezeit
Die Englische Bulldogge: Qualzucht oder nicht?
Inhalt
  1. Entstehung und Geschichte der Rasse
  2. Die Rasse heute
  3. Häufige gesundheitliche Probleme
  4. Gibt es überhaupt gesunde Hunde dieser Rasse?
  5. Ist die Englische Bulldogge eine Qualzucht?

Die Englische Bulldogge – mit ihrem faltigen Gesicht, dem gedrungenen Körper und der plattgedrückten Nase – ist wohl eine der Rassen, bei denen man am deutlichsten spürt, wie weit Zucht und Tierwohl auseinanderdriften können. Wo hört «ästhetisch» auf, wo fängt «Qual» an? Genau das wollen wir in unserer Beitragsserie «Qualzucht oder nicht?» herausfinden. Wir schauen uns an, wie einzelne Rassen ursprünglich aussahen, welche Merkmale heute als problematisch gelten – und ob es überhaupt noch gesunde Vertreter gibt.

Entstehung und Geschichte der Rasse

Die Englische Bulldogge kommt aus England – das überrascht kaum. Weniger bekannt ist, wofür sie ursprünglich eingesetzt wurde: Bullbaiting. Dabei wurden Hunde auf angebundene Stiere losgehetzt, als Volksspektakel, verbreitet im Mittelalter und der frühen Neuzeit. Grausam, heute verboten, aber der Namensgeber für die ganze Rasse.

Der Hund von damals war ein anderer. Muskulös, robust, mit einer ordentlich langen Schnauze und dem nötigen Biss für den Kampf. Als Bullbaiting im 19. Jahrhundert verboten wurde, suchten Züchter neue Verwendung für die Bulldogge – als Familienhund, als Begleiter. Und damit begann eine Entwicklung, die bis heute anhält: Die Schnauze wurde kürzer. Der Kopf breiter. Die Haut faltiger. Der Körper kompakter. Schritt für Schritt, Generation für Generation.

Das Ergebnis ist ein Hund, den Millionen Menschen weltweit als «süss» empfinden. Und der gleichzeitig mit einem ganzen Bündel gesundheitlicher Probleme auf die Welt kommt.

Die Rasse heute

Wer heute eine Englische Bulldogge sieht, erkennt sie sofort. Das Erscheinungsbild ist unverwechselbar:

  • Sehr kurzer, stark verkürzter Fang (brachyzephal)
  • Tiefe, auffällige Hautfalten im Gesicht und am Körper
  • Breiter, massiver Kopf mit flacher Stirn
  • Grosse, seitlich stehende Augen, die oft hervortreten («Glubschaugen»)
  • Stämmiger, muskulöser und kompakter Körper mit kurzen Beinen
  • Häufig ein nach hinten gerollter Schwanz

Für viele Fans ist genau das der Charme der Rasse – dieses runde, faltige, irgendwie knuddelige Bild. Aus Tierschutz-Sicht aber ist das eine andere Geschichte.

Häufige gesundheitliche Probleme

Englische Bulldogge mit Zahnfehlstellung im Unterkiefer
Bei dieser Englischen Bulldogge steht ein Zahn sichtbar aus dem Unterkiefer hervor – ein Hinweis auf eine mögliche Kieferfehlstellung, wie sie bei dieser Rasse durch extreme Kopfformen häufig vorkommt.

Die Liste der gesundheitlichen Probleme, die mit dem heutigen Zuchtziel einhergehen, ist lang. Und sie trifft viele Hunde dieser Rasse – nicht als Ausnahme, sondern als Regel.

  • Atemprobleme: Der verkürzte Fang und die verengten Atemwege münden oft im brachyzephalen Atemwegssyndrom (BAOS). Betroffene Hunde schnaufen permanent, hecheln übermässig, vertragen kaum Hitze und kämpfen teils regelrecht um Luft. Spaziergang im Sommer? Für manche dieser Hunde ein ernsthaftes Risiko.
  • Zahn- und Kieferfehlstellungen: Ein extrem kurzer Oberkiefer lässt dem Unterkiefer keinen Platz – er steht vor, die Zähne stehen schief, rotieren oder brechen unter Fehlbelastung ab. Manchmal ist der Fang so kurz, dass die Zunge schlicht keinen Platz hat und dauerhaft aus dem Maul hängt – nicht weil der Hund hechelt, sondern weil es anatomisch gar nicht anders geht.
  • Hautprobleme: Die tiefen Falten sind feuchte, warme Taschen – ideale Bedingungen für Pilze und Bakterien. Intertrigo, also Entzündungen in den Hautfalten, verlaufen häufig chronisch und brauchen regelmässige, teils aufwendige Pflege.
  • Augenerkrankungen: Wer Augen hat, die aus dem Schädel hervortreten (Exophthalmus), hat ein deutlich erhöhtes Risiko für Hornhautverletzungen, trockene Augen und Bindehautentzündungen – und das nicht einmalig, sondern immer wieder.
  • Gelenk- und Wirbelsäulenprobleme: Der kompakte Körper, die kurzen Beine, der breite Brustkorb – das klingt nach Niedlichkeit, bringt aber häufig Hüftdysplasien, Arthrosen und Veränderungen an der Wirbelsäule mit sich.
  • Übergewicht: Wer kaum Luft bekommt, bewegt sich weniger. Wer sich weniger bewegt, nimmt zu. Das Gewicht belastet dann Herz und Kreislauf – und begünstigt zusätzlich Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes.
  • Herzprobleme: Mehrere Studien weisen darauf hin, dass Bulldoggen häufiger als andere Rassen mit angeborenen Herzfehlern auf die Welt kommen.
  • Geburtsprobleme: Der breite Kopf passt oft einfach nicht durch den Geburtskanal. Kaiserschnitte sind bei dieser Rasse keine Ausnahme, sondern bei vielen Zuchten der Normalfall.

Im Alltag bedeutet das: häufige Tierarztbesuche, regelmässige Hautpflege, Augenkontrollen und nicht selten Operationen – an den Atemwegen, den Hautfalten, manchmal an beidem. Hitze ist gefährlich, intensive Bewegung kaum möglich.

Englische Bulldogge mit permanent heraushängender Zunge
Heraushängende Zunge trotz geschlossenen Mauls: Dieses Phänomen kann bei Bulldoggen auftreten, wenn das Maul zu kurz gezüchtet ist oder neurologische Probleme vorliegen.

Die Lebenserwartung liegt meist zwischen 6 und 10 Jahren. Zum Vergleich: Viele mittelgrosse Hunderassen erreichen problemlos 12 bis 15 Jahre.

Gibt es überhaupt gesunde Hunde dieser Rasse?

Ja – aber sie sind selten. Es gibt Züchter und Vereine, die aktiv gegensteuern und Gesundheitsmerkmale stärker gewichten als Optik:

  • Längere Schnauze, weniger Falten: Sogenannte «Retro»- oder «Old Type»-Bulldoggen orientieren sich stärker am ursprünglichen Typ und zeigen weniger extreme Merkmale.
  • Gesundheitsprüfungen: Züchter, die BAOS-Tests, Augenuntersuchungen sowie HD- und ED-Checks ernstnehmen, züchten im Schnitt gesündere Tiere.
  • Internationale Zuchtansätze: In einigen Ländern gibt es Linien, die bewusst weniger auf ästhetische Extreme setzen.

Wer sich eine Englische Bulldogge anschaffen möchte, sollte Züchter genau unter die Lupe nehmen. Gesundheitsnachweise sind kein Nice-to-have – sie sind das Minimum.

Ist die Englische Bulldogge eine Qualzucht?

Die heutige Englische Bulldogge steht exemplarisch dafür, wohin übertriebene Zuchtideale führen können: Ein Körperbau, der als «besonders» und «niedlich» vermarktet wird, verursacht bei den Tieren selbst erhebliches Leid. Erste Ansätze zur gesünderen Zucht existieren – aber es ist noch ein langer Weg.

Aus Tierschutzsicht ist die aktuelle Situation klar: So kann es nicht bleiben. Das Wohl der Tiere muss Vorrang haben vor dem, was gerade als Modetrend gilt.