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Hundezucht und Rassestandards – Wer bestimmt eigentlich, wie ein Hund aussieht?

Rassestandards werden vom Ursprungsland festgelegt und über die FCI weltweit verbreitet. Das macht Qualzucht legal, obwohl sie gegen das Tierschutzgesetz verstößt.

5 Min Lesezeit
Hundezucht und Rassestandards – Wer bestimmt eigentlich, wie ein Hund aussieht?
Inhalt
  1. Wer legt eigentlich fest, wie ein Rassehund auszusehen hat?
  2. Warum ist Qualzucht trotz Tierschutzgesetz legal?
  3. Welche Gesundheitstests sind bei der VDH-Zucht Pflicht?
  4. Kontrolliert der Staat die Hundezucht überhaupt?
  5. Was müsste sich ändern, damit Qualzucht aufhört?

Ein Mops, der nach zehn Minuten Spaziergang röchelt wie ein alter Dampfkessel. Ein Deutscher Schäferhund, dessen Hinterhand so weit abfällt, dass er beim Gehen fast auf dem Boden schleift. Ein Chihuahua mit einem Schädel, der buchstäblich zu klein für sein eigenes Gehirn ist.

Kein Naturunfall. Kein Pech. Das ist das direkte Ergebnis jahrzehntelanger Zucht nach Standards, die Menschen erdacht haben – und die häufig mehr mit Optik und Mode zu tun haben als mit dem Wohlergehen der Tiere.

Wer legt eigentlich fest, wie ein Rassehund auszusehen hat?

Die Rassestandards kommen jeweils aus dem Ursprungsland einer Rasse. Den Deutschen Schäferhund definiert der Verein für Deutsche Schäferhunde, den Labrador der Kennel Club in England, den Pudel der französische Zuchtverband. Jeder kocht sein eigenes Süppchen – bis es nach oben weitergegeben wird.

Diese nationalen Verbände reichen ihre Standards an die Fédération Cynologique Internationale (FCI) weiter, den Weltverband der Hundezucht mit Sitz in Belgien. Die FCI erkennt sie an und macht sie für 99 Mitgliedsländer verbindlich.

In Deutschland übernimmt der VDH (Verband für das Deutsche Hundewesen) diese FCI-Standards und setzt sie für seine 175 Mitgliedsvereine um. Wer unter dem VDH-Dach züchtet, hält sich an diese Vorgaben – oder bekommt keine Papiere. So einfach ist das.

Das Problem: Viele dieser Standards entstanden in den 1950er und 1960er Jahren. Die Tiermedizin war damals schlicht nicht weit genug, um die gesundheitlichen Folgen extremer Zuchtmerkmale zu erkennen – geschweige denn zu benennen.

§ 11b des deutschen Tierschutzgesetzes verbietet Qualzucht. Eindeutig, klarer Wortlaut. Trotzdem werden Möpse, Bulldoggen und andere Rassen mit extremen Merkmalen munter weitergezüchtet und verkauft.

Der Grund liegt in einem Rechtsproblem: Was genau ist Qualzucht? Das Gesetz definiert es als Zucht, bei der „bei den Nachkommen erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemässen Gebrauch fehlen oder untauglich sind“. Klingt klar. Ist es aber nicht.

Denn die FCI-Standards gelten als „Norm“. Solange ein Mops dem offiziellen Standard entspricht, argumentieren Züchter – und oft auch Gerichte –: Das ist kein extremes Merkmal, das ist rassetypisch. Ein Zirkelschluss, der seit Jahrzehnten funktioniert.

Veterinärämter haben zwar die Befugnis einzugreifen. Doch sie müssten vor Gericht beweisen, dass ein ganz konkreter Hund leidet – nicht dass die Rasse insgesamt ein Problem hat. Bei chronischen Atembeschwerden, die sich schleichend aufbauen, ist das fast unmöglich zu belegen.

Welche Gesundheitstests sind bei der VDH-Zucht Pflicht?

VDH-Mitgliedsvereine haben je nach Rasse unterschiedliche Gesundheitsvorgaben. Bei Deutschen Schäferhunden sind das mindestens HD/ED-Röntgen (Hüft- und Ellbogendysplasie), ein Wesenstest und ein Körperungsverfahren.

Labrador-Züchter müssen zusätzlich die Augen untersuchen lassen (PRA-Gentests) und häufig auch EIC-Tests (Exercise Induced Collapse) vorweisen. Bei Retrievern kommen Gendefekt-Tests für CNM (Zentronukleäre Myopathie) hinzu.

Diese Tests prüfen einzelne Erbkrankheiten – das ist gut und wichtig. Aber sie ändern nichts an den grundsätzlich problematischen Rassemerkmalen: verkürzte Nasen, übertriebene Körperformen, all das bleibt unangetastet.

Und dann noch das: Das alles gilt nur für VDH-Mitglieder. Wer ausserhalb des Verbands züchtet – völlig legal, mit einfacher Gewerbeanmeldung – muss nicht einen einzigen Gesundheitstest vorweisen.

Kontrolliert der Staat die Hundezucht überhaupt?

Theoretisch ja. Praktisch kaum. Die Veterinärämter sind zuständig – aber rund 16.000 angemeldete Züchter in Deutschland bei chronischem Personalmangel macht regelmässige Kontrollen schlicht unmöglich. Es wird kontrolliert, wenn jemand Beschwerde einreicht. Sonst meist nicht.

Und selbst dann: Was soll das Veterinäramt tun, wenn ein Züchter Möpse exakt nach offiziellem FCI-Standard züchtet? Die Hände sind gebunden.

Die Niederlande haben es anders gemacht – konsequenter. Seit 2019 ist dort die Zucht von Hunden mit zu kurzen Nasen verboten, gemessen an einem konkreten Verhältnis von Schädellänge zu Nasenlänge. In Deutschland fehlt bis heute eine vergleichbar klare Regelung.

Was müsste sich ändern, damit Qualzucht aufhört?

Erstens: konkrete, messbare Kriterien im Tierschutzgesetz. Eine Formulierung wie „kein Hund unter einem Schädel-Nasen-Verhältnis von 1:0,3″ wäre eindeutig – und durchsetzbar. Interpretationsspielraum auf null.

Zweitens müssten FCI und VDH ihre Standards ernsthaft überarbeiten. Solange der offizielle Mops-Standard eine „kurze, stumpfe Schnauze“ vorschreibt, bleibt Qualzucht de facto legal – egal was im Tierschutzgesetz steht.

Drittens braucht es mehr Kontrollen und echte Durchsetzung. Das kostet Geld und politischen Willen. Beides ist knapp.

Und viertens – und das ist unbequem – spielen die Käufer eine entscheidende Rolle. Solange platte Nasen als „süss“ gelten und Leute 2000 Euro für einen Mops hinlegen, wird weiter gezüchtet. Der Markt reagiert auf Nachfrage.

Gibt es gesündere Alternativen zu Qualzucht-Rassen?

Ja, die gibt es. Retro-Möpse mit längerer Nase können wieder normal atmen – einfach weil ihre Atemwege Platz haben. Sport-Bulldoggen haben funktionsfähige Atemwege. Der Continental Bulldog wurde gezielt entwickelt, um die massiven Gesundheitsprobleme der Englischen Bulldogge zu umgehen.

Haken an der Sache: Diese Varianten sind oft nicht FCI-anerkannt. Für Käufer, die auf „echte“ Rassehunde mit Stammbaum bestehen, sind sie damit weniger attraktiv – was den Wandel verlangsamt.

Kann ich als Halter etwas gegen Qualzucht tun?

Kauf keine Hunde mit extremen Merkmalen. Auch nicht „zur Rettung“ – das klingt hart, aber jeder gekaufte Qualzucht-Welpe sendet das gleiche Signal an den Markt: Es gibt Nachfrage, also wird produziert.

Wenn du trotzdem eine bestimmte Rasse willst: Such nach Züchtern, die bewusst auf Gesundheit statt auf Extremmerkmale züchten. Diese Züchter gibt es – sie sind nur schwerer zu finden. Aber der Aufwand lohnt sich. Für dich und für den Hund.