Gesundheit & Pflege

Tetanus bei Hunden: Eine seltene, aber ernste Erkrankung

8 Min Lesezeit
Tetanus bei Hunden: Eine seltene, aber ernste Erkrankung
Inhalt
  1. Prophylaxe

von Lisa Ley, Dr. Sue Chandraratne und Astrid Hübner

Tetanus – die meisten kennen ihn unter dem Namen Wundstarrkrampf. Eine bakterielle Infektionskrankheit, die das Nervensystem angreift. Ausgelöst wird sie durch das Bakterium Clostridium tetani, das fast immer über Wunden in den Körper gelangt. Was dann folgt, kann sehr unterschiedlich aussehen – je nachdem, wie schwer die Erkrankung verläuft.

Beim Hund ist Tetanus zum Glück selten. Nicht ansteckend, aber gefährlich: Wird nicht rechtzeitig behandelt, kann die Krankheit tödlich enden. Wichtig zu wissen: Hunde sind von Natur aus deutlich widerstandsfähiger gegen das Tetanustoxin als Menschen oder Pferde. Ein Hund braucht die 600-fache Menge des Toxins, um klinische Symptome zu entwickeln, die mit denen beim Menschen vergleichbar sind. Trotzdem – es passiert. Immer wieder.

Als Eintrittspforten dienen oft ganz banale Verletzungen: ein Nagel, eine Scherbe, ein Ast. Aber auch rissige Ballen, Schürfwunden, abgerissene Krallen, Zahnfleischwunden oder abgebrochene Zähne kommen infrage. Selbst winzige Wunden reichen als Eintrittspforte für die Bakteriensporen aus – und werden nach Krankheitsausbruch häufig gar nicht mehr gefunden.

Die Sporen von Clostridium tetani sind praktisch überall im Erdboden zu finden, dazu in Pferdekot und -mist. Und sie sind extrem widerstandsfähig.

Einmal in der Wunde, vermehren sich die Bakterien unter sauerstoffarmen Bedingungen – etwa in sogenannten Wundtaschen – und produzieren Giftstoffe. Diese wandern entlang der Nerven bis ins Rückenmark. Das wichtigste der dabei gebildeten Toxine ist das Tetanospasmin. Es wirkt direkt neurotoxisch, schädigt also das Nervensystem.

Die Folge: eine dramatische Übererregung der Muskulatur mit Streckkrämpfen und einem charakteristischen Gesichtsausdruck – zwei klassische Leitsymptome. Die Inkubationszeit liegt bei fünf bis neun Tagen.

Dazu kommt eine ausgeprägte Lichtempfindlichkeit, medizinisch Photophobie genannt. Das Tetanustoxin greift die Nerven an, die die Augenmuskeln steuern – und macht die Augen dadurch extrem lichtempfindlich.

Im Frühstadium ist Tetanus kaum von anderen Erkrankungen zu unterscheiden. Grippeähnliche Symptome, eingeschränktes Allgemeinbefinden, Schreckhaftigkeit, Geräuschempfindlichkeit – oder vergiftungsähnliche Beschwerden. Erst plötzlich auftretende Muskelkrämpfe geben einen ersten konkreten Hinweis auf eine Tetanusinfektion.

Im weiteren Verlauf zeigt sich ein steifer, unsicherer Gang. Die Streckmuskulatur verkrampft, der Hund kann im Stehen einfrieren. Auch Atemmuskulatur, Speiseröhre und Kehlkopf können betroffen sein – Erstickungsgefahr! Viele Hunde müssen über Wochen künstlich über Magensonde und Infusion ernährt werden.

Und dann ist da noch das sogenannte Tetanusgesicht: ein verkrampftes, starres Grinsen, ein leerer Blick, die Nickhaut schiebt sich vor. Wer es einmal gesehen hat, vergisst es nicht.

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Prophylaxe

Einen zugelassenen Impfstoff für Hunde gibt es in Deutschland derzeit nicht. Zwar existieren Impfstoffe für andere Tierarten, die im Rahmen einer Umwidmung eingesetzt werden könnten – wegen möglicher Nebenwirkungen wird das aber nur in Ausnahmefällen empfohlen.

Das Wichtigste bei der Tetanusvorbeugung bleibt daher die konsequente Wundversorgung. Jede Verletzung – auch scheinbar harmlose – muss umgehend gereinigt, desinfiziert und verbunden werden. Kein Zögern, kein Abwarten.

Noch ein wichtiger Hinweis: Eine überstandene Tetanuserkrankung hinterlässt keine Immunität. Weder beim Menschen noch beim Tier. Eine erneute Infektion ist jederzeit möglich.

Fallbeispiel Katrin Stenzel – Garonne (Gaja) vom Nilpferdhof – Malinois

April 2023. Gaja hat einen dicken Knöchel an der Vordergliedmaße. Katrin macht sich zunächst keine großen Sorgen – die Hündin hatte am Tag davor wild getobt, das erklärt ja einiges. Kühlen, warten. Nach zwei Tagen ist die Schwellung deutlich zurückgegangen. Eine Wunde? Findet sich keine. Weiter unten an einer Zehe ist noch etwas geschwollen – aber da es besser zu werden scheint, bleibt es dabei.

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Am nächsten Tag ist etwas anders mit Gajas Blick. Schwer zu beschreiben, sagt Katrin. Leer. Irgendwie weg. Zuerst denkt sie an einen Fremdkörper im Auge, weil die Nickhaut leicht vorsteht. Sie fährt in die Tierklinik – und formuliert es so, wie man das halt tut, wenn man selbst nicht genau weiss, was man sieht: „Mensch, guck mal, der Blick ist so komisch?!“ Der Tierarzt schaut kurz hin. „Das ist Tetanus.“

Kein Zögern, keine weitere Abklärung nötig. Die Ärztin hatte schon mehrere Fälle gesehen und erkannte die Diagnose sofort – ein Glück, das Gajas Leben rettete.

Nun standen zwei Wege offen: sechs Wochen stationär in der Uniklinik Hannover, oder stationäre Behandlung in der Klinik vor Ort mit Heimaufenthalt. Katrin entschied sich für den zweiten Weg – sie wollte dabei sein. Gaja wurde sofort operiert. Der Infektionsherd musste gefunden werden; anhand der Symptome war klar, dass es nur der Fuß sein konnte. Alles geschwollene Gewebe wurde entfernt. In manchen Fällen muss sogar die betroffene Zehe amputiert werden. Zur Prognose äusserte sich niemand – weder ob Gaja überleben würde, noch ob sie Folgeschäden behalten würde.

Wochen des Hoffens und Bangens begannen.

Gaja erhielt zwei verschiedene Antibiotika – darunter Penicillin – um die Bakterien zu bekämpfen und die weitere Toxinproduktion zu stoppen. Da Antibiotika das bereits gebildete Toxin aber nicht unschädlich machen können, wurde so schnell wie möglich ein Tetanus-Serum aus einer Pferdeklinik besorgt. Dieses Serum kann das bereits vorhandene Toxin neutralisieren.

Was folgte, war ein Leben in der Dunkelheit. Jeder Stress, jedes Licht, jeder Lärm hätte Gajas Zustand verschlimmern können. Auf kleine Geräusche reagierte sie bereits extrem. Sie wurde komplett abgeschottet – zweites Stockwerk, keine anderen Hunde, stockdunkel. Die nächsten Tage wurde es trotzdem schlechter: Das Gesicht verzog sich, die Ohren standen steif wie aus Beton, das typische Grinsen setzte ein. Gassi gehen gab es nur im Dunkeln – und wenn es tagsüber gar nicht anders ging, wurde ihr ein Handtuch über die Augen gelegt. Dreimal täglich, höchstens drei Minuten.

Die Krämpfe wurden stärker. Der Tierarzt verschrieb Muskelrelaxantien: Ortoton und Diazepam, dreimal täglich. Der Tierarzt kam nur noch zum Hausbesuch für die Wundkontrolle, damit Gaja nicht raus musste. Zusätzlich: viel Flüssigkeit über Dosenfutter mit Wasser, regelmässiges Fiebermessen, genaue Beobachtung der Atmung. Dass Gaja trotz allem immer laufen und fressen konnte und ihre Atmung nicht beeinträchtigt war – das war dem frühen Therapiebeginn zu verdanken.

Nach zwei Wochen zeigte sich eine vorsichtige Besserung. Katrin wagte einen kurzen Versuch, Gaja ins abgedunkelte Erdgeschoss zu bringen. Die Symptome verschlimmerten sich sofort. Wieder zurück in die Abgeschiedenheit – fast nochmals zwei Wochen. Das schlechte Gewissen, sie kurz nach unten gebracht zu haben, nagte. Ab der dritten Woche wurden die Medikamente bei stetiger Verbesserung langsam ausgeschlichen. Nach vier Wochen Dunkelheit begann Gajas Leben ganz langsam wieder. Sechs Wochen insgesamt, bis sie fast wieder alles konnte.

Katrin sagt: „Es war eine harte Zeit, aber wir haben sie gemeinsam gemeistert. Wenn mein Tierarzt es nicht erkannt hätte, wäre meine Hündin heute nicht mehr bei mir.“ Heute wird Gaja sportlich geführt – ohne jede Einschränkung.

Fallbeispiel 2 – Florian Knabl – Conan vom Clan der Wölfe – Malinois

Conan war anderthalb Jahre alt, als Florian im Training das erste Mal das Gefühl hatte: Da stimmt etwas nicht. Beim Heranrufen kam der Hund versetzt auf ihn zu. Noch merkwürdiger: Er lief das Apportierholz versetzt an und griff ins Leere, als er es aufnehmen wollte. Florian brach das Training ab. Beim Spaziergang wollte Conan zwar ans Futter in der Hand – aber es war, als würde er nach einem Schatten greifen. Als Florian ihm in die Augen schaute, sah er: Die Augen drehten nach innen. Dazu steife, merkwürdig verkrampfte Wangen.

Es war ein Feiertag. Sie fuhren zur Notaufnahme. Die diensthabende Ärztin vermutete eine Entzündung der Gesichtsmuskulatur mit Auswirkungen auf die Augen, verordnete Antibiotika und schlug vor zu warten, bis der Chefarzt käme. Der schaute Conan kurz ins Gesicht. Diagnose: Tetanus. Sofort.

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Es wurde vereinbart, dass Florian den Hund mit nach Hause nimmt und den Verlauf bis zum nächsten Tag beobachtet – Ruhe, Dunkelheit, ein stiller Raum für die Nacht. Am nächsten Morgen war Conan deutlich schlechter. In der Klinik bekam er Tetanus-Immunglobulin vom Pferd verabreicht. Dann hiess es warten: Verträgt er es – oder kommt eine allergische Reaktion?

Bei der Untersuchung von Kopf bis Pfote fand sich nur eine kleine, leicht gerötete Stelle an einer Zehe – vergleichbar mit dem Zeigefinger beim Menschen. Die Vermutung: Eine winzige Wunde, durch die das Bakterium eingedrungen war, hatte sich rasch wieder geschlossen. Genau das sind leider die besten Voraussetzungen für diesen Erreger: ein sauerstoffarmer Raum, eine kleine Wunde, die sich nicht durch Bluten reinigt und sich sofort wieder schliesst.

Conan wurde operiert, die betroffene Zehe komplett entfernt.

Zu Hause wurde ein Kellerraum hergerichtet – komplett abgedunkelt. Die nächsten zwei Wochen wurde es täglich schlimmer. Über befreundete Hundehalter, die selbst Tetanus-Erfahrung hatten, bekam Florian hilfreiche Tipps – zum Beispiel, Muskelrelaxantien einzusetzen. Nach Rücksprache mit dem Tierarzt wurde Conan daraufhin auch damit behandelt.

Conan bewegte sich wie ein Roboter. Laufen konnte er noch, Kurven waren ihm nicht mehr möglich. Gegen Ende dieser zwei Wochen klappte das Fressen kaum noch – Florian musste sein Maul mit Mühe weit genug öffnen, um die Medikamente zu verabreichen. Die letzten drei Tage vor der Wende konnte Conan nicht mehr selbst trinken. Er hechelte stark, die Atmung war schwer. Wasser wurde ihm unter die Haut gespritzt.

Dann, nach zwei gefühlt endlosen Wochen, das erste Zeichen der Hoffnung: Conans Augen. Dieselben Augen, die nach innen gedreht waren und alles begonnen hatten – sie entkrampften sich. Der Blick wurde wieder klar. Von da an ging es jeden Tag ein bisschen besser.

Rund acht Wochen nach der Amputation war Conan wieder einigermassen fit.

Und dann – 3,5 Jahre nach der Tetanusinfektion – wurde Conan erstmals FMBB-Weltmeister im IGP. Das Jahr darauf holte er den Titel erneut. Seine Geschichte sollte jedem Mut machen, der gerade mittendrin steckt in dieser Krankheit: Die Hoffnung nicht aufgeben.

Wir danken Katrin Stenzel und Dr. Florian Knabl von Herzen für ihre Erfahrungsberichte. Wir hoffen, dass diese beiden Fallbeispiele dabei helfen, erste Symptome schneller zu erkennen – und so mehr Hunden das Leben zu retten.

Dieser Beitrag wurde zuerst auf der Website des Diversitätsprojektes für Belgische Schäferhunde veröffentlicht.

Quellen
  1. Frontiers in Veterinary Science: Retrospective study of tetanus in 18 dogs — Causes, management, complications, and immunological status (2023). DOI: 10.3389/fvets.2023.1249833
  2. Van Nes JJ et al. (2011): Tetanus in the dog: review and a case-report of concurrent tetanus with hiatal hernia. BMC Veterinary Research / PMC3113811.
  3. Merck/MSD Veterinary Manual: Tetanus in Animals (Clostridial Diseases)
  4. Popoff MR (2020): Tetanus in animals. Journal of Veterinary Diagnostic Investigation 32(2):184–204. SAGE Journals.
  5. StatPearls (NCBI Bookshelf): Tetanus – Pathophysiology and Clinical Features
  6. WikiVet English: Tetanus – Dog
  7. VCA Animal Hospitals: Tetanus in Dogs
  8. Veterinary Practice (EN): Diagnosis and Treatment of Tetanus in Cats and Dogs