Tierschutz

Hunde im Labor – Ein kritischer Blick auf Tierversuche

2024 wurden in Deutschland rund 2 200 Verwendungen von Hunden in Tierversuchen gemeldet. Warum vor allem Beagles eingesetzt werden und welche Alternativen die Forschung entwickelt.

4 Min Lesezeit
Hunde im Labor – Ein kritischer Blick auf Tierversuche
Inhalt
  1. Warum werden ausgerechnet Hunde für Versuche verwendet?
  2. In welchen Bereichen kommen Hunde als Versuchstiere zum Einsatz?
  3. Was passiert mit Hunden nach den Versuchen?
  4. Welche wissenschaftlichen Alternativen zu Hundeversuchen gibt es?
  5. Warum gibt es trotz Alternativen noch Hundeversuche?
  6. Wie entwickelt sich die Rechtslage bei Tierversuchen?
  7. Was können Hundehalter gegen Laborversuche unternehmen?

In Deutschland wurden 2024 rund 2 200 Verwendungen von Hunden in Tierversuchen gemeldet – das entspricht etwa 800 erstmals eingesetzten Tieren, da viele Hunde mehrfach verwendet werden. Gemessen an allen rund 1,33 Millionen Versuchstieren sind das rund 0,2 Prozent. Die Zahl sinkt seit Jahren – ein Thema, das viele Hundehalter beschäftigt.

Warum werden ausgerechnet Hunde für Versuche verwendet?

Beagles gelten als häufigste Laborhunderasse. Der FCI-Rassestandard gibt eine Widerristhöhe von 33 bis 40 Zentimetern vor; ausgewachsene Tiere wiegen etwa 10 bis 18 Kilogramm. Ausschlaggebend sind ihre einheitliche Grösse, ihr umgängliches Wesen und die über Jahrzehnte gewachsene Vergleichsdatenlage – nicht eine besondere Nähe zum menschlichen Körpergewicht.

Das macht sie aus wissenschaftlicher Sicht «geeignet» – aus Tierschutzsicht ist genau diese Gutmütigkeit das Problem. Hunde vertrauen Menschen, auch wenn ihnen Schmerzen zugefügt werden.

In welchen Bereichen kommen Hunde als Versuchstiere zum Einsatz?

Hunde werden hauptsächlich für toxikologische Tests neuer Medikamente eingesetzt. Vor der Zulassung müssen Pharmaunternehmen nachweisen, dass ein Wirkstoff auch bei längerer Gabe keine Organschäden verursacht.

Weitere Einsatzgebiete:

  • Herz-Kreislauf-Forschung (ähnliche Herzgrösse wie Menschen)
  • Zahnmedizinische Studien
  • Implantattests (Herzschrittmacher, Stents)
  • Krebsforschung (seltener)

Was passiert mit Hunden nach den Versuchen?

Die amtliche Statistik erfasst nicht, was mit den Tieren nach dem Versuch geschieht. Bei Sicherheitsprüfungen von Arzneimitteln sind Untersuchungen an Organen und Geweben vorgeschrieben – diese Hunde werden am Versuchsende getötet, auch wenn sie gesund sind. Vermittlungsvereine schätzen, dass höchstens zehn bis zwanzig Prozent der Laborhunde vermittelt werden.

Der Grund: Laborhunde sind oft verhaltensauffällig. Sie kennen keine Spaziergänge, keine Sofas, manchmal nicht einmal Tageslicht. Die Eingewöhnung in normale Haushalte dauert Monate und gelingt nicht immer.

Organisationen wie «Laborbeaglehilfe» vermitteln ausrangierte Versuchshunde, berichten aber von schweren Traumatisierungen.

Welche wissenschaftlichen Alternativen zu Hundeversuchen gibt es?

Einige Ersatzmethoden sind bereits etabliert, andere befinden sich noch in der Validierungsphase.

In-vitro-Methoden: Für einzelne Fragestellungen sind zellbasierte Verfahren dem Tierversuch bereits überlegen. In einer verblindeten Prüfung von 27 Substanzen erkannte ein humaner Leber-Chip 87 Prozent der leberschädigenden Wirkstoffe, ohne Fehlalarme. Ein vollständiger Ersatz für die regulatorisch geforderte Sicherheitsprüfung ist das noch nicht.

Organ-auf-Chip-Systeme: Mikrochips mit menschlichen Zellen simulieren Organfunktionen. Besonders für Herzmedikamente gilt das als vielversprechend.

Computersimulationen: Algorithmen berechnen das Wirkstoff-Verhalten im Körper. Für einen Teil der Medikamente reicht die Methode noch nicht aus.

Warum gibt es trotz Alternativen noch Hundeversuche?

Die Zulassungsbehörden verlangen für neue Medikamente nach wie vor Daten aus Tierversuchen. EU und USA akzeptieren alternative Methoden nur, wenn sie «validiert» sind – ein jahrelanger Prozess.

Pharmaunternehmen argumentieren, komplexe Wechselwirkungen im ganzen Organismus liessen sich bisher nicht vollständig simulieren. Kritiker halten dagegen: Hunde reagieren oft anders auf Medikamente als Menschen – die Übertragbarkeit sei fragwürdig.

Wie entwickelt sich die Rechtslage bei Tierversuchen?

Deutschland folgt der EU-Tierversuchsrichtlinie 2010/63. Diese schreibt das «3R-Prinzip» vor: Replace (ersetzen), Reduce (verringern), Refine (verfeinern).

Konkret bedeutet das: Tierversuche sind nur zulässig, wenn keine Alternativen bestehen, mit möglichst wenigen Tieren und unter optimalen Haltungsbedingungen.

Mehrere EU-Länder haben strengere Regeln erlassen. Die Niederlande haben das erklärte Ziel, mittelfristig vollständig tierversuchsfrei zu forschen.

Was können Hundehalter gegen Laborversuche unternehmen?

Du kannst Kosmetikmarken meiden, die noch immer Tierversuche durchführen. Bei Medikamenten hast du meist keine Wahl – aber du kannst Forschungsorganisationen unterstützen, die alternative Methoden entwickeln.

Seriöse Organisationen: Ärzte gegen Tierversuche, SET Foundation, InVitroJobs.

Wie erkenne ich, ob ein Produkt ohne Tierversuche hergestellt wurde?

Bei Kosmetika gibt der «Leaping Bunny»-Standard Sicherheit. Seit 2013 sind Kosmetik-Tierversuche in der EU verboten – aber Inhaltsstoffe können trotzdem anderswo getestet worden sein.

Sind Medikamente ohne Tierversuche möglich?

Aktuell nicht vollständig. Je mehr alternative Methoden validiert werden, desto weniger Tiere werden benötigt. Der Trend geht klar in Richtung tierversuchsfreie Forschung.

Was passiert mit ausrangierten Laborbeagles?

Wenige finden ein Zuhause über Vermittlungsorganisationen. Diese Hunde benötigen sehr erfahrene Halter und oft tierpsychologische Betreuung. Die Wartelisten sind lang.

Wie viele Hunde werden jährlich in Österreich und der Schweiz für Versuche verwendet?

Die Schweiz meldete 2023 rund 1 900 Hundeeinsätze, gut 90 Prozent davon im tiefsten Belastungsgrad. Wie viele es sind, hängt davon ab, wie viele Studien im jeweiligen Jahr laufen – nicht von einem echten Auf und Ab der Praxis.

Gibt es Laboratorien, die komplett auf Hundeversuche verzichten?

Einige Biotech-Unternehmen setzen bereits vollständig auf alternative Methoden. Bei der Medikamentenentwicklung ist das aber noch nicht flächendeckend möglich.

Quellen
  1. Deutsches Zentrum zum Schutz von Versuchstieren (Bf3R) am BfR: Versuchstierzahlen 2024
  2. Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen BLV: Statistik Tierversuche
  3. FCI-Rassestandard Nr. 161: Beagle
  4. Ewart, L. et al. (2022): Performance assessment and economic analysis of a human Liver-Chip. Commun Med 2:154
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