Speziesmus: Ein Begriff im Spannungsfeld zwischen Tierrecht, Ethik und Alltag
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Immer öfter taucht im Zusammenhang mit Tierrechten oder veganer Lebensweise das Wort «Speziesmus» auf. Aber was genau bedeutet es? Und was hat es mit Hunden und unserem Umgang mit Tieren generell zu tun?
Was bedeutet Speziesmus?
Der Begriff «Speziesmus» (englisch speciesism) beschreibt die Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Artzugehörigkeit – also ihrer Spezies.
Menschen stellen sich dabei über Tiere und sprechen ihnen weniger Rechte oder moralische Bedeutung zu, obwohl es dafür keine objektive Begründung gibt.
Der Begriff wurde in den 1970er-Jahren vom britischen Psychologen Richard D. Ryder eingeführt und später vom Philosophen Peter Singer bekannt gemacht. Singer argumentiert, dass es ethisch problematisch sei, Tiere weniger ernst zu nehmen oder schlechter zu behandeln, nur weil sie einer anderen Spezies angehören.
Ist Speziesmus eine Art Rassismus?
Beide Begriffe beschreiben Diskriminierung – beim Rassismus aufgrund der Hautfarbe oder Herkunft, beim Speziesmus aufgrund der Artzugehörigkeit.
In der ethischen Diskussion wird Speziesmus als vergleichbar angesehen, da auch hier Lebewesen willkürlich unterschiedlich behandelt werden.
Die Frage lautet: Sind Unterschiede in der Behandlung moralisch gerechtfertigt?
Wie zeigt sich Speziesmus im Alltag?
Speziesmus ist im Alltag ständig präsent – aber wir machen uns keine Gedanken darüber und nehmen es deshalb nicht als solchen wahr.
- Fleisch essen: Wir lieben Hunde und Katzen, essen aber ohne gross darüber nachzudenken Tiere wie Schweine, Kühe und Hühner – obwohl diese genauso Schmerz empfinden können.
- Tierversuche: Viele Produkte, insbesondere in der Medizin oder Kosmetik, wurden an Tieren getestet. Dabei stellt sich die Frage, warum das Leiden bestimmter Tierarten in Kauf genommen wird, um menschliche Bedürfnisse zu erfüllen.
- Haustiere versus Nutztiere: Während der eigene Hund ein geliebtes Familienmitglied ist, werden andere Tiere wie Rinder oder Hühner rein nach ihrem Nutzwert behandelt.
- Tiere in der Unterhaltung: In Zirkussen, Delfinarien oder Filmen werden Tiere dressiert oder unter Bedingungen gehalten, die ihren Bedürfnissen nicht gerecht werden.
- Sprache und Redewendungen: Begriffe wie «dummes Huhn» oder «schweinisches Verhalten» zeigen, wie tief abwertende Sichtweisen auf bestimmte Tierarten in unserer Sprache verankert sind.
- Umgang mit Insekten: Während wir einen verletzten Vogel bedauern, erschlagen wir eine Stubenfliege oder zertreten eine Spinne – obwohl auch sie ein Teil des Ökosystems sind.
- Tierheime vs. Mastanlagen und Zuchtbetriebe: Viele Menschen engagieren sich emotional und finanziell für Tierheime, interessieren sich aber nicht für das Tierleid in Mastanlagen oder Zuchtbetrieben, die rein auf Profit ausgelegt sind.
All diese Beispiele zeigen: Die Artzugehörigkeit eines Lebewesens beeinflusst stark, wie wir es behandeln – meistens völlig unbewusst.
Warum behandeln wir manche Tiere wie Freunde und andere wie Dinge?
Gerade in der Hunde- oder auch Katzenhaltung wird Speziesmus besonders deutlich.
Hunde gelten für ihre Menschen als Familienmitglieder: Sie bekommen Namen, Geschenke, ihr Lieblingsfresschen, werden im Urlaub mit eingeplant und medizinisch versorgt wie ein Mensch. Gleichzeitig werden andere Tiere – etwa Schweine oder Hühner – weiterhin nur als Nutztiere wahrgenommen, deren Bedürfnisse kaum zählen. Dabei sind auch diese Tiere intelligent, sozial und können Bindungen eingehen.
Der Unterschied in der Behandlung hat allerdings weniger mit dem tatsächlichen Wesen des Tieres zu tun, sondern vielmehr mit kulturellen Gewohnheiten, Erziehung oder dem Umfeld. Ein Hund darf mit auf die Couch – ein Huhn, das ähnlich anhänglich sein kann, lebt in einer Box auf einem Spaltenboden.
Warum fühlen wir mit dem einen Tier mit – und schalten beim anderen unsere Empathie scheinbar aus?
Warum bleibt diese selektive Empathie bestehen?
Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Weil wir es so gelernt haben.
Unsere Empathie ist nicht angeboren selektiv – sie wird sozial und kulturell geformt. Von klein auf lernen wir, welche Tiere als «liebenswert» und welche hingegen bloss als «nützlich» gelten. Dieses Denken ist tief verwurzelt, meistens vollkommen unbewusst und wird durch Werbung, Sprache und gesellschaftliche Normen ständig bestätigt.
Hier noch ein paar Beispiele aus dem Alltag:
- Ich finde Spinnen eklig – wenn die mir zu nahe kommt, wird sie zerquetscht.
- Die Biene könnte mich stechen und das tut weh – also erschlage ich sie lieber, bevor das passiert.
- Ich esse gerne Schnitzel und Eier. Schweine, Kühe und Hühner sind deshalb nützlich.
- Der Hund ist mein bester Freund. Er gehört zur Familie.
- Der Gold- oder Zierfisch darfs ins Aquarium einziehen, der Lachs schmeckt gegrillt lecker.
- Ich mag unser Hauskaninchen. Aber Hasenbraten zu besonderen Anlässen darf trotzdem mal sein.
Muss ich also vegan leben, wenn ich Speziesmus vermeiden will?
Diese Frage taucht ganz automatisch auf, sobald man sich mit dem Thema beschäftigt. Denn auf den ersten Blick scheint es logisch: Wenn man Spezies nicht unterschiedlich bewerten und behandeln möchte – müsste man dann nicht automatisch aufhören, Tiere zu essen?
Die Antwort ist allerdings komplexer als ein einfaches Ja oder Nein.
Zunächst einmal: Speziesmus vermeiden bedeutet nicht zwangsläufig, vegan zu leben. Es bedeutet vielmehr, sich der eigenen Haltung gegenüber verschiedenen Tierarten bewusst zu werden und diese zu hinterfragen. Veganismus ist dabei ein möglicher Ausdruck dieser Haltung, aber nicht der einzige.
Auch wer nicht vegan lebt, kann sich aktiv gegen Tierleid einsetzen – etwa durch:
- den bewussten Konsum tierischer Produkte aus artgerechter Haltung
- die Ablehnung von Massentierhaltung
- den Verzicht auf Produkte mit Tierversuchen oder
- Engagement im Tierschutz
Umdenken ist kein Alles-oder-nichts-Prozess
Wer Fragen zulässt, ist bereits einen grossen Schritt weiter. Denn Speziesmus funktioniert unbewusst – und genau dort kann ein bewussterer Umgang ansetzen.
Bin ich bereit, meine Entscheidungen zu reflektieren? Bin ich offen dafür, Dinge zu ändern, wenn ich erkenne, dass sie Leid verursachen?
Empathie kann wachsen – besonders dann, wenn wir bereit sind, hinzuschauen, zu hinterfragen und unsere Haltung gegenüber Tieren nicht nur nach ihrer Art, sondern nach ihrem Empfindungsvermögen auszurichten.
Speziestisches Denken ist tief in unserer Gesellschaft verankert – es abzubauen ist kein Alles-oder-nichts-Projekt, sondern ein Prozess.
Am Ende müssen nicht alle dieselbe Konsequenz daraus ziehen. Trotzdem lohnt es sich, sich der eigenen Denkmuster einfach mal bewusst zu werden – gerade, wenn man sagen will «Ich liebe Tiere».