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Der Bernhardiner: Qualzucht oder nicht?

5 Min Lesezeit
Der Bernhardiner: Qualzucht oder nicht?
Inhalt
  1. Entstehung und Geschichte der Rasse
  2. Die Rasse heute
  3. Häufige gesundheitliche Probleme der Rasse
  4. Gibt es überhaupt gesunde Vertreter der Rasse?
  5. Bernhardiner: Qualzucht oder nicht?

Der Bernhardiner ist eine Rasse, die man einfach nicht übersieht. Diese massige Statur, der breite Schädel, der Blick, der irgendwie gleichzeitig gütig und gravitätisch wirkt – das hat etwas. Doch genau diese Merkmale, die so viele Menschen faszinieren, sind es auch, die Tierärzte und Tierschützer seit Jahren beschäftigen. In unserer Beitragsserie «Qualzucht oder nicht?» schauen wir uns einzelne Rassen genau an: Was war der ursprüngliche Typ? Was hat die Zucht daraus gemacht? Und gibt es überhaupt noch gesunde Hunde dieser Rasse?

Entstehung und Geschichte der Rasse

Der Bernhardiner – international bekannt als St. Bernard – gehört zu den Rassen, deren Geschichte wirklich etwas hergibt. Kein erfundener Marketingmythos, sondern gelebte Praxis: Seit dem 11. Jahrhundert hielten Mönche des Hospizes auf dem Grossen St. Bernhard-Pass, an der Grenze zwischen der Schweiz und Italien, Hunde, die Reisende und Pilger durch Schnee und Lawinengefahr lotsten. Eine Aufgabe, die alles verlangte.

Was diese Hunde damals leisten mussten, lässt sich kaum mit dem vergleichen, was heute auf Ausstellungsringen bewertet wird. Schnelligkeit, Ausdauer, ein waches Wesen und ein Körper, der für tagelange Einsätze im Gebirge taugte – das waren die Anforderungen. Nicht Imposanz. Nicht Masse. Funktion.

Das Titelbild dieses Beitrags zeigt genau diesen älteren Typ: schlank, drahtig, mit einem längeren und feineren Kopf. Ein Hund, der sich bewegen konnte. Dann kam das 19. und 20. Jahrhundert – und mit ihm die Ausstellungskultur. Das Bild des wuchtigen, riesenhaften Bernhardiners setzte sich als Zuchtziel fest, und die Rasse veränderte sich sichtbar.

Die Rasse heute

Wer heute auf eine Bernhardiner-Ausstellung geht, sieht oft Hunde, die kaum noch an alpine Rettungsarbeit erinnern. Massiger Körperbau, ein riesiger Schädel mit breiter Schnauze, schwere Knochen, voluminöser Brustkorb. Das entspricht dem aktuellen Rassestandard – und genau da liegt das Problem.

Aus Tierschutzsicht sind es vor allem diese Merkmale, die kritisch gesehen werden:

  • Massiger Körperbau: Belastet Gelenke und Herz-Kreislauf-System erheblich.
  • Breiter, kurzer Kopf: Kann die Atmung erschweren – Schnarchen, Hitzestress oder echte Atemnot sind mögliche Folgen.
  • Schwere Knochen und hohes Gewicht: Erhöhen das Risiko für Hüft- und Ellbogendysplasien spürbar.
  • Fell und Haut: Dichte Unterwolle und Falten begünstigen Hautprobleme – wenngleich Bernhardiner weniger faltig sind als manche anderen Qualzuchtrassen.

Häufige gesundheitliche Probleme der Rasse

Die Kombination aus Grösse, Gewicht und den heutigen Zuchtzielen macht den Bernhardiner anfällig für eine ganze Reihe von Problemen. Keine davon sind Randerscheinungen – sie treffen viele Hunde dieser Rasse.

Gelenkfehlstellungen

Hüftdysplasie (HD) und Ellbogendysplasie (ED) sind bei Bernhardinern erschreckend verbreitet. Bei der HD passt der Gelenkkopf nicht sauber in die Hüftpfanne – die Gelenke reiben, entzünden sich, und mit der Zeit entsteht Arthrose. Bei der ED sind die Gelenkflächen des Ellbogens betroffen. Schmerzen, eingeschränkte Bewegung, nachlassende Lebensqualität. Und weil diese Hunde schwer sind, wirkt jeder Schritt, jede Treppe, jeder Sprung zusätzlich auf die bereits geschädigten Gelenke ein.

Herzkrankheiten

Herzklappenfehler und Kardiomyopathie – also Erkrankungen des Herzmuskels selbst – treten bei Bernhardinern deutlich häufiger auf als bei vielen anderen Rassen. Das hohe Körpergewicht und die oft eingeschränkte Beweglichkeit belasten das Herz zusätzlich. Ein Teufelskreis, der die Lebenserwartung verkürzt.

Magendrehung

Die Magendrehung ist ein echter Notfall – der Magen dreht sich, die Blutversorgung reisst ab, und ohne sofortige tierärztliche Intervention ist der Tod in kurzer Zeit die Folge. Bei grossen, tiefbrüstigen Hunden wie dem Bernhardiner ist dieses Risiko besonders hoch. Wer einen solchen Hund hält, muss das wissen und im Zweifel sofort handeln.

Übergewicht

Viele Bernhardiner kämpfen mit Übergewicht. Eingeschränkte Beweglichkeit, ein langsamer Stoffwechsel, und Halter, die es gut meinen aber zu grosszügig füttern – das summiert sich. Übergewicht belastet Gelenke und Herz zusätzlich und kann die Lebensqualität massiv verschlechtern.

Kurze Lebenserwartung

Sieben bis neun Jahre – das ist die durchschnittliche Lebenserwartung eines Bernhardiners. Für eine Rasse, die einem so ans Herz wächst, ist das wenig. Andere ähnlich grosse Hunderassen erreichen teils deutlich mehr. Diese Zahl ist kein Zufall, sondern das Ergebnis der gesundheitlichen Belastungen, unter denen viele Bernhardiner leiden.

Gibt es überhaupt gesunde Vertreter der Rasse?

Ja – aber man muss suchen. Es gibt noch Bernhardiner-Linien, die dem ursprünglichen Typ näherkommen, vor allem in Arbeitslinien oder bestimmten Ausstellungslinien, die weniger auf extreme Masse züchten. Und es gibt Züchter, denen Gesundheit wirklich wichtiger ist als Schaupunkte.

In der Zucht gibt es inzwischen Bestrebungen, den Typ wieder funktionaler zu machen:

  • Selektion auf HD-Freiheit und Herzgesundheit.
  • Verzicht auf Überzüchtung hin zu extremer Grösse und übermässiger Masse.
  • Förderung von Ausdauer und Beweglichkeit als Zuchtziele.

Gesunde Linien erkennen

Woran erkenne ich einen gesünderen Bernhardiner? Ein paar konkrete Hinweise:

  • Schlanker, athletischer Körperbau – erkennbar im Vergleich zu extrem massigen Exemplaren.
  • Längere Schnauze, weniger breiter Schädel.
  • Keine Gelenkprobleme – belegt durch HD-Röntgenaufnahmen.
  • Gesunde Herzwerte und normale Atemfunktion.
  • Züchter, die Gesundheitsnachweise vorlegen und offen über die Probleme der Rasse sprechen.

Bernhardiner: Qualzucht oder nicht?

Der Bernhardiner trägt eine bemerkenswerte Geschichte mit sich – einst ein echter Lebensretter im Hochgebirge, schlank, robust, zäh. Was die Zucht der letzten Jahrzehnte daraus gemacht hat, ist ein anderes Bild: übermässige Masse, verkürzte Lebenserwartung, Gelenk- und Herzprobleme, die viele Hunde durchs Leben begleiten. Das sind klare Anzeichen von Qualzucht.

Gleichzeitig – und das ist wichtig – gibt es Züchter und Initiativen, die gegensteuern. Die Rasse ist nicht verloren. Aber wer sich einen Bernhardiner anschaffen möchte, sollte genau hinschauen: Woher kommt der Hund? Welche Gesundheitsnachweise gibt es? Wie sieht der Züchter selbst die Probleme der Rasse?

Der Bernhardiner ist nicht automatisch eine Qualzuchtrasse – aber die Tendenz zu übertriebenen Merkmalen ist unübersehbar. Mit bewusster Zucht und Käufern, die nicht einfach auf Imposanz hereinfallen, hat diese Rasse eine Chance auf mehr Gesundheit und ein längeres, beschwerdeärmeres Leben.