Hunderassen

Sind intelligente Hunderassen nach Coren noch aktuell?

Stanley Corens 30 Jahre altes Intelligenz-Ranking für Hunderassen misst nur Gehorsam – moderne Forschung zeigt: Hundeintelligenz ist viel komplexer.

4 Min Lesezeit
Sind intelligente Hunderassen nach Coren noch aktuell?
Inhalt
  1. Was genau hat Stanley Coren gemessen?
  2. Warum stuft moderne Forschung das Ranking als unvollständig ein?
  3. Welche Rolle spielt Zuchtgeschichte für scheinbare „Dummheit“?
  4. Wie erkennst du die wahren Stärken deines Hundes?

Dein Beagle ignoriert konsequent das „Sitz“-Kommando, während der Border Collie deiner Nachbarin bereits nach dreimaligem Zeigen jeden Trick beherrscht. Ist der Beagle dumm? Stanley Corens Bestseller „The Intelligence of Dogs“ von 1994 würde das nahelegen, der Beagle landete auf Platz 72 von 79 bewerteten Rassen.

Was genau hat Stanley Coren gemessen?

Coren befragte 199 Richterinnen und Richter aus Gehorsamsprüfungen, rund die Hälfte aller damals in Nordamerika gelisteten, zu zwei Kriterien: Wie schnell lernt eine Rasse neue Kommandos, wie zuverlässig befolgt sie bekannte Befehle. Daraus entstand sein Ranking mit Border Collie auf Platz 1 und Afghanischem Windhund auf dem letzten Platz.

Die Methodik dahinter: Rassen, die ein neues Kommando in unter fünf Wiederholungen lernten und es zu 95 Prozent beim ersten Mal befolgten, galten als „hochintelligent“. Brauchten sie 80 bis 100 Wiederholungen oder mehr und befolgten ein bekanntes Kommando beim ersten Mal in höchstens 25 Prozent der Fälle, landeten sie in der untersten Kategorie.

Das Problem dabei: Coren mass nur Arbeits- und Gehorsams-Intelligenz. Andere Formen der Intelligenz blieben aussen vor.

Warum stuft moderne Forschung das Ranking als unvollständig ein?

Seit 1994 hat die Hundeverhaltensforschung erhebliche Fortschritte gemacht. Studien zeigen: Hundeintelligenz ist mehrdimensional. Die Dreiteilung, auf der das Ranking beruht, stammt von Coren selbst, instinktive Intelligenz, wofür eine Rasse gezüchtet wurde, adaptive Intelligenz, wie gut ein Hund aus Erfahrung lernt, und Arbeits- beziehungsweise Gehorsamsintelligenz. Gemessen hat er nur die letzte. Andere Fähigkeiten fallen dabei durchs Raster.

Soziale Intelligenz zeigt sich zum Beispiel so: Ein Basenji liest menschliche Körpersprache oft präziser als ein Pudel, befolgt aber seltener Kommandos, weil er eigenständige Entscheidungen trifft.

Bei der Problemlösungsintelligenz zeigen Terrier-Rassen, die bei Coren mittelmässig abschnitten, in Puzzle-Experimenten oft überragende Leistungen.

Und die adaptive Intelligenz, also wie flexibel sich ein Hund neuen Situationen anpasst? Hier brillieren oft Mischlinge, die in Corens Liste gar nicht auftauchen.

Die grösste Genomstudie zum Thema geht noch weiter. Ein Team um Kathleen Morrill wertete 2022 in Science Fragebögen zu 18 385 Hunden aus und sequenzierte 2155 davon. Ergebnis: Die Rasse erklärt gerade einmal 9 Prozent der Verhaltensunterschiede zwischen Hunden. Verhalten ist erblich, aber es verteilt sich innerhalb der Rassen viel breiter als zwischen ihnen. Am ehesten rassetypisch ist ausgerechnet die Trainierbarkeit, und auch dort ist der Effekt schwach. Für dich heisst das: Jede Rangliste, auch eine wohlmeinende, sagt weniger über deinen Hund aus als eine Woche aufmerksamer Beobachtung.

Welche Rolle spielt Zuchtgeschichte für scheinbare „Dummheit“?

Der Afghanische Windhund auf Corens letztem Platz wurde für eigenständige Jagd gezüchtet. Er sollte nicht auf jeden Pfiff hören, sondern in der Wüste selbst entscheiden, wann er eine Gazelle verfolgt.

Border Collies dagegen entstammen Jahrhunderten selektiver Zucht auf Kooperation mit dem Schäfer. Ihre „Intelligenz“ ist eigentlich extreme Spezialisierung auf menschliche Zusammenarbeit.

Beagles wurden für Meutenjagd gezüchtet, ihre Nase war der Kompass, nicht der Mensch. Wenn dein Beagle einer Spur folgt statt deinem Rückruf, zeigt er artgerechtes Verhalten, nicht Dummheit.

Wie erkennst du die wahren Stärken deines Hundes?

Beobachte deinen Hund in verschiedenen Situationen. Reagiert er sensibel auf deine Stimmung? Das ist emotionale Intelligenz. Findet er versteckte Leckerli ohne Training? Problemlösungsintelligenz. Merkt er sich nach einem Spaziergang neue Routen? Räumliche Intelligenz.

Fast jeder Hund zeigt in seinem ursprünglichen Aufgabenbereich Brillanz. Ein Bloodhound, der bei Grundgehorsam versagt, kann Spuren verfolgen, die Tage alt sind, eine kognitive Leistung, die kein Border Collie erreicht.

Ist Gehorsam wirklich ein Zeichen für Intelligenz?

Nein. Ein Hund, der Kommandos hinterfragt, kann intelligenter sein als einer, der blind gehorcht. Ein Hund, der seiner Nase folgt statt deinem Rückruf, verarbeitet unter Umständen mehr Information als einer, der sofort umdreht.

Welche Hunderasse ist am intelligentesten?

Die Frage ist falsch gestellt. Jede Rasse hat unterschiedliche kognitive Stärken: Border Collies beim Lernen von Kommandos, Beagles bei Spurenarbeit, Deutsche Schäferhunde bei Problemlösung unter Stress.

Hat Corens Ranking praktischen Nutzen für Hundehalter?

Bedingt. Es kann anzeigen, welche Rassen schnell Tricks lernen, aber nicht, welcher Hund zu deinem Lebensstil passt oder in anderen Bereichen glänzt.

Gibt es neuere, bessere Rankings für Hundeintelligenz?

Kein einheitliches Ranking, aber das Citizen Science-Projekt Dognition.com sammelt seit 2013 Daten zu verschiedenen Intelligenztypen bei Hunden aller Rassen.

Können Mischlinge intelligenter sein als Rassehunde?

Oft ja. Mischlinge zeigen häufig überdurchschnittliche adaptive Intelligenz, da sie nicht auf spezifische Aufgaben gezüchtet wurden, sondern vielseitige Problemlösung entwickelten.

Quellen
  1. Stanley Coren 2009: Canine Intelligence – Breed Does Matter (199 Obedience-Richter, Corens eigene Methodenbeschreibung)
  2. Morrill K et al. 2022: Ancestry-inclusive dog genomics – die Rasse erklärt 9 % der Verhaltensvarianz (Science 376:475, DOI 10.1126/science.abk0639)
  3. Horowitz A 2009: Disambiguating the «guilty look» (Behav Processes 81:447, PMID 19520245)