Sind Hunde Schlingfresser? Was hinter dem schnellen Fressen steckt
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Viele Hunde fressen ihr Futter, als hätten sie seit Tagen nichts bekommen. Gleichzeitig liest man immer wieder, dass Hunde von Natur aus Schlingfresser seien und ihr Verdauungssystem genau darauf ausgelegt sei. Dann wiederum gibt es Anti-Schling-Näpfe, die die zu schnelle Nahrungsaufnahme verhindern sollen. Was stimmt nun?
Ist schnelles Fressen beim Hund tatsächlich ein normales, natürliches Verhalten oder kann Schlingen zum gesundheitlichen Problem werden? Und wenn Hunde Nahrung von Natur aus schnell aufnehmen können, warum sollte man sie überhaupt dabei bremsen?
Sind Hunde Schlingfresser?
Zum Teil ja. Hunde sind keine Tiere, die ihre Nahrung zwangsläufig langsam und gründlich kauen müssen. Ihr Gebiss und ihr Verdauungssystem sind durchaus darauf ausgelegt, Nahrung relativ schnell aufzunehmen. Besonders bei weicher Nahrung oder kleineren Futterstücken ist ausgiebiges Kauen für die Verdauung nicht erforderlich.
Das bedeutet aber nicht, dass schnelles oder hastiges Fressen grundsätzlich optimal oder gesundheitlich unproblematisch ist.
Der entscheidende Unterschied ist: „Der Hund kann schnell fressen“ ist nicht dasselbe wie „der Hund sollte möglichst schnell fressen“.
Wie funktionieren Magen, Darm und Verdauung beim Hund?
Hunde besitzen wie der Mensch einen einfachen Magen. Sie gehören nicht zu den Wiederkäuern und verfügen deshalb nicht über mehrere Mägen, in denen Nahrung schrittweise aufbereitet wird. Auch eine nachträgliche Verdauung durch erneutes Hochwürgen und Wiederkauen findet beim Hund nicht statt.
Das Gebiss erfüllt dabei eine andere Funktion als beispielsweise bei Pflanzenfressern. Die Zähne sind vor allem darauf ausgelegt, Nahrung zu greifen, festzuhalten und in kleinere Stücke zu zerlegen. Hunde kauen ihre Nahrung deshalb nicht zwangsläufig so gründlich, wie wir es vom Menschen kennen. Besonders bei weicher Nahrung oder kleinen Futterstücken können sie diese mit vergleichsweise wenig Kauen schlucken.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Kauen für Hunde grundsätzlich bedeutungslos ist. Grössere oder festere Futterbestandteile werden durchaus zerkleinert. Wie intensiv ein Hund kaut, hängt unter anderem von der Beschaffenheit und Grösse der Nahrung ab.
Die Magengrösse
Der Magen des Hundes ist ein dehnbares Hohlorgan und dient unter anderem als Speicher für die aufgenommene Nahrung. Anders als beim Menschen, der seine Nahrung typischerweise über mehrere Mahlzeiten verteilt, können Hunde grundsätzlich auch eine grössere Menge Futter innerhalb einer Mahlzeit aufnehmen.
Nach der Futteraufnahme beginnt der Magen, die Nahrung zu durchmischen und mit Magensäure und Verdauungsenzymen zu versetzen. Dabei wird sie schrittweise verflüssigt und für die weitere Verdauung vorbereitet. Die Magenentleerung erfolgt nicht auf einmal. Stattdessen gelangt der Nahrungsbrei portionsweise in den Dünndarm.
Die Fähigkeit des Magens, Nahrung aufzunehmen und anschliessend kontrolliert weiterzugeben, ist ein wichtiger Grund dafür, dass ein Hund nicht jeden Bissen lange kauen muss, bevor er ihn schluckt.
Der Dünndarm
Vom Magen gelangt der Nahrungsbrei in den Dünndarm. Hier findet der grösste Teil der enzymatischen Verdauung und der Aufnahme von Nährstoffen statt.
Verdauungsenzyme spalten die verschiedenen Bestandteile der Nahrung weiter auf. Kohlenhydrate werden zu kleineren Zuckermolekülen abgebaut, Proteine zu Aminosäuren und Fette zu ihren einzelnen Bestandteilen. Diese Nährstoffe können anschliessend über die Darmwand aufgenommen und dem Körper zur Verfügung gestellt werden.
Unterstützt wird dieser Vorgang unter anderem durch die Bauchspeicheldrüse und die Leber. Die Bauchspeicheldrüse produziert wichtige Verdauungsenzyme. Die Leber bildet Galle, die für die Verdauung und Aufnahme von Fetten eine wichtige Rolle spielt.
Der Dickdarm
Was im Dünndarm nicht verdaut oder aufgenommen wurde, gelangt anschliessend in den Dickdarm. Dort wird unter anderem Wasser aus dem Darminhalt zurückgewonnen. Die Darmflora beteiligt sich zudem an der Verarbeitung bestimmter Bestandteile, die im Dünndarm nicht vollständig verdaut werden konnten.
Am Ende wird aus dem verbleibenden Darminhalt der Kot gebildet und über den Enddarm ausgeschieden.
Müssen Hunde Futter gründlich kauen?
Nein. Die Verdauung des Hundes ist nicht darauf angewiesen, dass Nahrung im Maul vollständig zerkleinert wird. Der Magen und der nachfolgende Verdauungstrakt können Nahrung auch dann weiterverarbeiten, wenn sie relativ schnell aufgenommen wurde.
Das ist ein wichtiger Punkt für die Frage, ob Hunde Schlingfresser sind. Die Verdauung des Hundes ist durchaus darauf ausgelegt, vergleichsweise wenig vor-zerkleinerte Nahrung zu verarbeiten. Daraus folgt allerdings noch nicht, dass möglichst schnelles Fressen grundsätzlich unbedenklich oder gar optimal ist.
Für die Verdauung allein muss ein Hund also nicht langsam fressen. Ob sehr hastiges Fressen darüber hinaus andere Auswirkungen haben kann, ist eine andere Frage.
Genau diese gesundheitlichen Aspekte, darunter Luftschlucken und das mögliche Risiko einer Magendrehung, betrachten wir jetzt genauer.
Mögliche Auswirkungen von schnellem Fressen
Dass ein Hund sein Futter schnell aufnimmt, ist also für sich genommen kein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Problematisch kann sehr hastiges Fressen trotzdem werden, wenn der Hund dabei grosse Mengen Luft schluckt, sich verschluckt oder nach der Mahlzeit Beschwerden zeigt.
Luftschlucken, Aufstossen und Blähungen
Wer hastig frisst, nimmt nicht nur Futter auf. Beim Schlingen gelangt auch vermehrt Luft in den Magen. Dieses unbeabsichtigte Schlucken von Luft wird als Aerophagie bezeichnet. Schnelles Fressen wird in veterinärmedizinischen Quellen ausdrücklich mit einer erhöhten Luftaufnahme in Verbindung gebracht.
Die verschluckte Luft muss den Körper irgendwie wieder verlassen. Sie kann beispielsweise durch Aufstossen aus dem Magen entweichen oder weiter in den Darm gelangen. Dort kann sie zu einem aufgeblähten Bauch und vermehrten Blähungen beitragen.
Eine gewisse Gasbildung im Verdauungstrakt ist bei Hunden normal. Auffällig wird sie hingegen dann, wenn ein Hund regelmässig deutlich aufgebläht wirkt, häufig aufstösst oder nach dem Fressen erkennbar unter Bauchbeschwerden leidet.
Regurgitation vs. Erbrechen
Manche Hunde bringen kurz nach dem Fressen ihr Futter wieder hervor. Dabei ist es wichtig, zwischen Regurgitation und Erbrechen zu unterscheiden.
Bei einer Regurgitation wird Nahrung oder Flüssigkeit passiv wieder aus der Speiseröhre nach oben befördert. Typischerweise gibt es vorher keine ausgeprägte Übelkeit und keine kräftigen Bauchbewegungen. Das hervorgebrachte Futter ist i.d.R. noch weitgehend unverdaut.
Beim Erbrechen handelt es sich dagegen um einen aktiven Vorgang, der meist von Übelkeit, Würgen und kräftigen Kontraktionen der Bauchmuskulatur begleitet wird.
Ein einzelnes Hochwürgen nach besonders hastigem Fressen muss nicht bedeuten, dass der Hund krank ist. Wiederholte Regurgitation sollte jedoch nicht einfach mit „Der Hund schlingt halt“ erklärt werden. Erkrankungen der Speiseröhre können ebenfalls dazu führen, dass Futter kurz nach der Aufnahme wieder hochkommt.
Schnelles Fressen und Magendrehung
Schnelles Fressen wird in der veterinärmedizinischen Literatur als möglicher Risikofaktor für eine Magendilatation mit Volvulus (GDV), also eine Magendrehung, beschrieben. Eine GDV ist ein lebensbedrohlicher Notfall, bei dem sich der Magen zunächst stark aufbläht und sich anschliessend um seine eigene Achse drehen kann.
Besonders betroffen sind grosse und tiefbrüstige Hunde. Zu den bekannten bzw. diskutierten Risikofaktoren gehören unter anderem Körperbau, Alter, genetische Veranlagung und bestimmte Fütterungsbedingungen.
Der aktuelle Merck Veterinary Manual nennt auch schnelles Fressen ausdrücklich als einen Faktor, der mit einem erhöhten GDV-Risiko verbunden ist.
Eine evidenzbasierte Übersichtsarbeit von Veterinary Evidence kam zu einem gemischten Ergebnis: Einige Studien fanden keinen signifikanten Zusammenhang zwischen schnellem Fressen und dem GDV-Risiko. Wo ein Zusammenhang festgestellt wurde, war schnelles Fressen jedoch stets mit einem erhöhten Risiko verbunden. Keine Studie zeigte ein erhöhtes Risiko bei langsam fressenden Hunden.
Je grösser der Hund, desto höher das Risiko
Eine häufig zitierte prospektive Kohortenstudie von Glickman und Kollegen untersuchte 1’637 grosse und sehr grosse Hunde aus elf Rassen über einen längeren Zeitraum. Während der Untersuchung entwickelten 98 Hunde eine GDV.
In der statistischen Auswertung war eine höhere Fressgeschwindigkeit mit einem erhöhten GDV-Risiko verbunden. Der Zusammenhang zeigte sich insbesondere bei den grossen Hunden.
Was kann ich tun, wenn mein Hund zu schnell frisst?
Nicht jeder Hund, der sein Futter schnell aufnimmt, braucht eine besondere Massnahme. Wenn er dabei entspannt bleibt, sich nicht verschluckt und nach der Mahlzeit keine Beschwerden zeigt, besteht allein aufgrund der Fressgeschwindigkeit nicht zwingend Handlungsbedarf.
Anders sieht es aus, wenn ein Hund sein Futter regelrecht inhaliert, dabei viel Luft schluckt, sich häufig verschluckt oder kurz nach dem Fressen immer wieder Futter hochwürgt. Dann ist es sinnvoll, die Futteraufnahme etwas zu verlangsamen.
Das Ziel sollte dabei nicht sein, aus einem schnellen Fresser einen besonders langsamen Esser zu machen. Es geht vielmehr darum, extrem hastiges Fressen zu reduzieren, ohne die Nahrungsaufnahme unnötig zu erschweren.
Futter auf mehrere Mahlzeiten verteilen
Die einfachste Möglichkeit ist, die jeweilige Futtermenge auf kleinere Mahlzeiten zu verteilen. Dadurch bekommt der Hund pro Fütterung weniger Nahrung auf einmal und nimmt nicht eine grosse Portion in kurzer Zeit auf.
Auch bei dieser Methode gilt allerdings: Mehrere Mahlzeiten sind nicht für jeden Hund automatisch besser. Entscheidend sind die individuellen Bedürfnisse, die gesamte tägliche Futtermenge und ggf. tierärztliche Empfehlungen.
Aus dem Futter eine kleine Beschäftigung machen
Du musst Futter nicht immer einfach in einem normalen Napf anbieten. Einen Teil der Tagesration kannst du beispielsweise über geeignete Futterspiele oder andere Beschäftigungsformen anbieten. Dein Hund muss sich dann etwas mehr mit der Aufnahme seiner Nahrung beschäftigen und frisst automatisch langsamer.
Das hat einen zusätzlichen Vorteil: Die Futteraufnahme wird selbst zu einer Beschäftigung. Für viele Hunde ist das eine sinnvolle Möglichkeit, Fressen und geistige Auslastung miteinander zu verbinden.
Dabei sollte die Schwierigkeit immer zum Hund passen. Eine Aufgabe, die den Hund überfordert oder frustriert, erfüllt ihren Zweck nicht.
Was ist mit Anti-Schling-Näpfen?
Anti-Schling-Näpfe sind eine weitere Möglichkeit, die Futteraufnahme zu verlangsamen. Sie besitzen Erhöhungen, Rillen oder andere Strukturen innerhalb des Napfs, die es etwas erschweren, das Futter aufzunehmen.
Sie sind vor allem für Hunde angebracht, die ihr Futter extrem schnell verschlingen und bei denen dadurch gesundheitliche Nachteile oder Risiken entstehen.
Je nach Modell verlängert sich die Mahlzeit durch einen solchen Napf deutlich.
Ein Napf sollte die Futteraufnahme aber niemals so stark erschweren, dass der Hund frustriert wird. Sehr komplizierte Strukturen können dazu führen, dass der Hund lange nach einzelnen Futterstücken suchen muss, den Napf hektisch bearbeitet oder sogar versucht, ihn umzuwerfen. Für Hunde mit sehr kurzer Schnauze sind bestimmte Modelle zudem schlicht ungeeignet, weil sie das Futter zu schwer erreichen.
Bei der Auswahl sollte deshalb nicht die Frage im Mittelpunkt stehen, welcher Napf das Fressen am stärksten verlangsamt. Sinnvoller ist die Frage: Welcher Napf bremst meinen Hund gerade so weit, dass er ruhiger frisst, ohne ihn dabei unnötig zu frustrieren?
Faktencheck zu Hunden als Schlingfresser: Der Überblick
| Aussage | Einschätzung |
|---|---|
| Hunde können Nahrung relativ schnell aufnehmen. | Richtig |
| Hunde müssen ihr Futter nicht gründlich kauen, um es zu verdauen. | Richtig (Kauen ist dennoch Teil der Nahrungsaufnahme) |
| Hunde sind deshalb grundsätzlich „Schlingfresser“. | Falsch (diese Schlussfolgerung ist zu pauschal) |
| Schnelles Fressen ist grundsätzlich gesund. | Falsch |
| Schnelles Fressen ist für jeden Hund schädlich. | Falsch |
| Schnelles Fressen kann vermehrtes Luftschlucken begünstigen. | Richtig |
| Schnelles Fressen kann mit Aufstossen, Blähungen oder Regurgitation einhergehen. | Richtig |
| Schnelles Fressen kann ein Risikofaktor für GDV sein. | Richtig (mehrere Studien weisen darauf hin) |
| Langsames Fressen senkt nachweislich das Risiko für GDV. | Falsch (nicht ausreichend wissenschaftlich belegt) |
| Jeder Hund braucht einen Anti-Schling-Napf. | Falsch |
| Ein Anti-Schling-Napf kann bei einem sehr hastig fressenden Hund sinnvoll sein. | Richtig (sofern der Hund dadurch nicht unnötig frustriert wird) |