Hundekauf & Züchter

Wir hätten gerne den ruhigsten Welpen

11 Min Lesezeit
Wir hätten gerne den ruhigsten Welpen
Inhalt
  1. „Wir hätten gerne den Ruhigsten.“
  2. Was ist eigentlich ein ruhiger Welpe?
  3. Beobachten ist nicht dasselbe wie interpretieren
  4. Neun Welpen – neun ruhige Hunde?
  5. Gutes Matching ist keine Garantie

„Wir hätten gerne den Ruhigsten.“

Warum Welpenauswahl keine Charakterbestellung ist

„Wir hätten gerne einen eher ruhigen Welpen.“

Diesen Satz höre ich als Züchterin erstaunlich oft. Wenn ich Interessenten frage, was sie sich von ihrem zukünftigen Hund wünschen, wie ihr Alltag aussieht und was sie später gemeinsam mit ihm machen möchten, kommt manchmal zunächst gar nicht so viel. Aber spätestens im zweiten oder dritten Satz fällt häufig dieser Wunsch: Ruhig soll er sein.

Und ich kann diesen Wunsch zunächst gut verstehen. Wer einen Welpen in sein Leben holt, macht sich Gedanken darüber, wie das zukünftige Zusammenleben aussehen könnte. Viele Menschen wünschen sich einen Hund, der sie begleitet, sich gut in ihren Alltag einfügt und dabei möglichst gelassen durchs Leben geht.

Wenn allerdings nach dem „ruhigsten Welpen“ gefragt wird, antworte ich manchmal mit einem kleinen Augenzwinkern: „Wenn Sie einen garantiert ruhigen Welpen möchten, müsste ich Ihnen eigentlich einen Stoffhund empfehlen. Die gibt es inzwischen auch in ziemlich groß.“

Nicht, weil ich den Wunsch belächeln möchte. Ganz im Gegenteil. Für mich beginnt an dieser Stelle ein wichtiges Gespräch. Denn hinter dem Wort „ruhig“ können völlig unterschiedliche Vorstellungen stecken.

Was ist eigentlich ein ruhiger Welpe?

Einer, der wenig herumläuft? Einer, der beim Besuch gerade schläft? Einer, der nicht als Erster auf einen neuen Gegenstand zuläuft? Einer, der wenig mit seinen Geschwistern rangelt? Einer, der sich nach Aufregung schnell wieder reguliert? Oder meinen wir mit „ruhig“ vielleicht einen Hund, von dem wir hoffen, dass er später möglichst unkompliziert in unser Leben passt?

Mit diesem Wunsch verbinden wir häufig eine ganze Reihe von Erwartungen an den späteren Hund. Er soll entspannt im Biergarten liegen, zu Hause gut zur Ruhe kommen und im Alltag möglichst gelassen sein. Gleichzeitig wünschen wir uns vielleicht einen Hund, der begeistert den Ball holt, gerne mit uns arbeitet, neugierig seine Umwelt erkundet und für gemeinsame Unternehmungen zu haben ist. Freundlich und sozial, aber nicht aufdringlich. Selbstständig, aber gut ansprechbar. Umweltinteressiert, aber bitte nicht von jedem Reiz mitgerissen.

Vielleicht suchen wir also manchmal gar nicht den ruhigsten Welpen.

Vielleicht suchen wir den perfekten Hund.

Und den gibt es nicht.

„Ruhig“ ist noch keine besonders gute Beschreibung eines Hundes

Genau hier lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen. Denn zwei Welpen können im selben Moment vollkommen ruhig aussehen – und trotzdem aus sehr unterschiedlichen Gründen dieses Verhalten zeigen.

Der eine hat gerade ausgiebig gespielt und schläft. Ein anderer nähert sich Neuem grundsätzlich zunächst langsamer. Ein dritter interessiert sich schlicht nicht für das, was gerade passiert. Wieder ein anderer beobachtet erst und beginnt anschließend zu explorieren.

Von außen sehen wir zunächst möglicherweise dasselbe: wenig Aktivität.

Die dahinterliegenden Prozesse kennen wir damit aber noch nicht.

Deshalb sollten wir verschiedene Aspekte nicht vorschnell in einen einzigen Begriff wie „ruhig“ packen. Aktivitätsniveau, Erregbarkeit, Explorationsverhalten, Reaktion auf Neuartiges, soziale Motivation und die Fähigkeit, nach Aktivierung wieder zur Ruhe zu kommen, beschreiben unterschiedliche Facetten von Verhalten.

Gerade diese Unterscheidung halte ich für wichtig. Denn ein Hund kann ausgesprochen neugierig und aktiv sein und trotzdem nach einer aufregenden Situation gut herunterfahren. Ein anderer kann wenig Initiative zeigen und dennoch mit bestimmten Umweltreizen Schwierigkeiten haben.

Ruhig aussehen und innere Gelassenheit sind nicht automatisch dasselbe.

Das entspricht auch einem Grundgedanken moderner Verhaltensbetrachtung: Nicht nur fragen, was ein Hund tut, sondern sich dafür interessieren, unter welchen Bedingungen er es tut und welche möglichen Ursachen und Funktionen dahinterstehen. In der von Thomas Riepe entwickelten Hundepsychologie nTR stehen entsprechend Wahrnehmung, Befinden und die Frage im Mittelpunkt, warum ein Hund handelt, wie er handelt. (Riepe Hundepsychologie)

Beobachten ist nicht dasselbe wie interpretieren

Gerade bei sehr jungen Welpen müssen wir vorsichtig damit sein, aus einzelnen Verhaltensweisen bereits Persönlichkeitseigenschaften abzuleiten.

Ein Welpe liegt während eines Besuchstermins entspannt in einer Ecke.

Was wissen wir?

Zunächst einmal nur: Er liegt dort.

Vielleicht hat er unmittelbar vorher ausgiebig gespielt. Vielleicht ist er satt und müde. Vielleicht interessiert ihn die aktuelle Situation weniger als seine Geschwister. Vielleicht beobachtet er zunächst. Vielleicht reagiert er auf Neuartiges tatsächlich zurückhaltender.

All das sind zunächst Hypothesen.

Genau deshalb versuche ich in meiner eigenen Zucht zunehmend, nicht nur Eindrücke festzuhalten, sondern Beobachtungen über einen längeren Zeitraum zu dokumentieren. Kommt beispielsweise ein neuer Raschelsack zu den Welpen, interessiert mich nicht nur, welcher Welpe zuerst hineinläuft. Ich möchte sehen: Wie reagieren die einzelnen Welpen beim ersten Kontakt? Wie am nächsten Tag? Was passiert, wenn der Gegenstand einige Tage verschwunden war und anschließend wieder auftaucht?

Erst durch wiederholte Beobachtungen können sich Muster zeigen.

Trotzdem bleibt eine wichtige Grenze:

Ich kann beschreiben, was ich bei einem Welpen wiederholt beobachtet habe. Ich kann daraus vorsichtige Hypothesen entwickeln. Aber ich kann nicht seriös versprechen, welcher erwachsene Hund eines Tages vor mir stehen wird. Und wenn ich tatsächlich so zuverlässig in die Zukunft schauen könnte, würde ich diese Fähigkeit vermutlich zuerst bei den nächsten Lottozahlen ausprobieren.

So verlockend eindeutige Prognosen bei der Welpenauswahl auch sein mögen: Entwicklung lässt sich nicht auf diese Weise vorhersagen.

Wissenschaftliche Untersuchungen unterstützen genau diese Vorsicht. Persönlichkeits- und Verhaltensmerkmale können beim Hund durchaus eine gewisse Stabilität zeigen. Diese fällt bei jungen Hunden jedoch geringer aus, und nicht jedes früh beobachtete Merkmal besitzt dieselbe Aussagekraft für das spätere Verhalten. Frühe Verhaltenstests sind deshalb keine zuverlässige Kristallkugel für die Persönlichkeit des erwachsenen Hundes.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass ein erfahrener Züchter nichts erkennen kann.

Es bedeutet:

Beobachtung ist wertvoll. Eine Kristallkugel ist sie nicht.

Der hat mich ausgesucht.“

Ein weiterer Satz, den ich immer wieder höre, lautet: „Ich möchte, dass der Welpe mich aussucht.“

Ich verstehe, warum Menschen diesen Gedanken schön finden. Er hat etwas Emotionales, fast etwas Schicksalhaftes. Und selbstverständlich darf bei der Welpenauswahl Gefühl eine Rolle spielen.

Nur sollten wir Gefühl und Verhaltensprognose nicht miteinander verwechseln.

Angenommen, Sie haben um 13 Uhr einen Besuchstermin bei mir. Welpe A ist gerade wach, sieht Sie, kommt angelaufen und klettert auf Ihren Schoß. Welpe B schläft tief und fest.

„Das ist er. Der hat mich ausgesucht.“

Vielleicht.

Vielleicht hätten Sie Ihren Termin aber auch um 15:30 Uhr haben können. Dann schläft Welpe A möglicherweise – und Welpe B ist ausgeschlafen, neugierig und kommt als Erster auf Sie zu.

Wer hat Sie jetzt ausgesucht?

Ein Besuchstermin zeigt einen kleinen Ausschnitt aus einem Welpenleben. Nicht mehr und nicht weniger. Natürlich darf man sich verlieben. Man darf einen Welpen besonders süß finden und diesen Moment genießen.

Nur sollten wir eine emotionale Momentaufnahme nicht mit einer belastbaren Einschätzung der späteren Passung verwechseln.

Hand aufs Herz: Welches Leben wartet auf diesen Hund?

Für gutes Matching muss deshalb nicht nur der Welpe betrachtet werden. Mindestens genauso wichtig ist die zukünftige Familie.

Und dabei wünsche ich mir vor allem eines: Ehrlichkeit.

Nicht die Antwort, von der Sie glauben, dass ein Züchter sie gerne hören möchte, sondern die Antwort, die Ihr Hund später tatsächlich erleben wird.

Vielleicht sind Sie ein Ehepaar ohne Kinder und führen einen eher ruhigen Alltag. Vielleicht soll Ihr Hund regelmäßig mit ins Büro. Vielleicht haben Sie vier Kinder, Freunde gehen ein und aus, Türen öffnen sich, es wird gespielt, gelacht und das Leben ist schlicht lebendig. Vielleicht möchten Sie Dummyarbeit machen, lange Wanderungen unternehmen oder später Prüfungen laufen. Vielleicht möchten Sie all das überhaupt nicht.

Auch das ist vollkommen in Ordnung.

Ich muss nicht hören, dass Sie mit Ihrem zukünftigen Hund eine Begleithundeprüfung laufen, Hundesport betreiben und jedes Wochenende stundenlang wandern möchten, wenn das gar nicht Ihr Leben ist.

Ich muss wissen, wie Ihr Leben wirklich aussieht.

Denn wenn beispielsweise eine Familie mit vier Kindern nach dem „ruhigsten Welpen“ fragt, darf ich auch fragen:

Was soll dieser Welpe später in Ihrem Alltag leisten – und wie ruhig ist eigentlich die Welt, in die wir ihn hineinvermitteln?

Nicht wertend.

Sondern ehrlich.

Neun Welpen – neun ruhige Hunde?

Ein alter Züchter sagte einmal zu mir:

Wenn dich bei neun Welpen jemand nach einem ruhigen Hund fragt, dann hast du neun ruhige Hunde.“

Dieser Satz ist mir geblieben.

Nicht, weil ich ältere Züchtergenerationen abwerten möchte. Viel Erfahrung und Wissen unserer Zucht stammen von Menschen, die über Jahrzehnte Hunde begleitet haben.

Aber dieser Satz beschreibt eine Haltung, die ich heute anders sehe:

Der Interessent nennt seinen Wunsch – und der Welpe wird passend dazu beschrieben.

Das wäre der einfache Weg.

Die Alternative ist erheblich aufwendiger: beobachten, dokumentieren, vergleichen, telefonieren, zuhören, nachfragen, Familien kennenlernen und die eigenen Einschätzungen immer wieder hinterfragen.

Sich mit Stift und Papier hinsetzen und überlegen:

Was habe ich bei diesem Welpen tatsächlich beobachtet?

Was weiß ich über diese Familie?

Welche Anforderungen wird ihr Alltag an diesen Hund stellen?

Und warum glaube ich, dass diese Kombination passen könnte?

Darin steckt Zeit. Darin steckt Arbeit. Und für mich steckt darin sehr viel Liebe zum Detail.

Denn einen Welpen verantwortungsvoll zu vermitteln bedeutet nicht, den Welpen passend zu reden.

Es bedeutet, möglichst sorgfältig herauszufinden, ob Welpe und Mensch zueinander passen könnten.

Bitte geben Sie mir nicht die „richtige“ Antwort

Für diesen offenen Austausch müssen allerdings auch wir Züchter etwas leisten.

Wer einen Züchter zum ersten Mal besucht, sitzt zunächst einem fremden Menschen gegenüber. Ich kann gut verstehen, dass manche Interessenten dabei das Gefühl bekommen, sich um einen Welpen bewerben zu müssen.

Und plötzlich versucht man, die vermeintlich richtigen Antworten zu geben.

Der Hund wird selbstverständlich kaum alleine sein. Natürlich geht man in die Hundeschule. Man wird trainieren, beschäftigen, wandern und selbstverständlich alles richtig machen.

Aber ich brauche keine perfekte Familie auf dem Papier.

Ich brauche eine ehrliche.

Denn genauso wenig wie es den perfekten Welpen gibt, gibt es die perfekte Hundefamilie. Und übrigens auch nicht den perfekten Züchter oder Hundetrainer.

Entscheidend ist für mich vielmehr die Bereitschaft, hinzuschauen, dazuzulernen und miteinander offen umzugehen.

Deshalb spielt bei der Wahl eines Züchters auch die zwischenmenschliche Ebene eine Rolle. Kann ich dort Fragen stellen? Kann ich später anrufen und sagen: „Ich komme gerade nicht weiter“? Kann ich auch erzählen, dass etwas nicht gut gelaufen ist, ohne sofort das Gefühl zu bekommen, verurteilt zu werden?

Ein Züchter begleitet im besten Fall nicht nur die ersten Wochen eines Hundes. Er bleibt Ansprechpartner.

Deshalb würde ich persönlich keinen Welpen allein deshalb bei einem Menschen kaufen, weil mir dessen Hunde gefallen. Ich müsste mir auch vorstellen können, mit diesem Menschen später offen zu sprechen.

Gutes Matching ist keine Garantie

Auch wenn ein Züchter genau hinschaut, Beobachtungen dokumentiert, seine Welpen kennt und sich intensiv mit den zukünftigen Familien beschäftigt:

Matching bleibt eine begründete Einschätzung – keine Garantie.

Welpen befinden sich in Entwicklung. Verhalten entsteht aus einem komplexen Zusammenspiel genetischer Voraussetzungen, früher Entwicklungsbedingungen, Erfahrungen, Umwelt und Lernen. Persönlichkeit ist beim Hund kein vollständig unveränderliches Paket, das wir im Alter von wenigen Wochen nur richtig „auslesen“ müssten.

Deshalb halte ich einen Satz wie

„Dieser Hund wird später ganz ruhig“

für problematisch.

Ich kann dagegen sagen:

„Das habe ich bei diesem Welpen bisher wiederholt beobachtet. Nach dem, was ich über Sie und Ihren Alltag weiß, halte ich diese Kombination für passend.“

Das klingt vielleicht weniger spektakulär.

Aber es ist ehrlicher.

Vielleicht fragen wir künftig anders

Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage bei der Welpenauswahl gar nicht:

„Welcher ist der Ruhigste?“

Sondern:

Welchen Hund beobachten wir gerade vor uns? Welches Leben wartet bei seiner zukünftigen Familie auf ihn? Und könnte beides zueinander passen?

Erzählen Sie Ihrem Züchter von Ihrem wirklichen Alltag. Von Ihren Erwartungen. Ihren Unsicherheiten. Ihren Plänen. Davon, was Sie einem Hund bieten können – und genauso davon, was Sie nicht bieten können oder möchten.

Und fragen Sie:

„Was beobachten Sie bei Ihren Welpen – und welcher könnte Ihrer Einschätzung nach gut zu unserem Leben passen?“

Das ist weniger romantisch als:

„Der Welpe hat mich ausgesucht.“

Aber vielleicht ist es sehr viel näher an dem, worum es bei verantwortungsvoller Welpenvermittlung gehen sollte.

Wir müssen keinen perfekten Welpen finden.

Und ein Interessent muss mir keine perfekte Familie präsentieren.

Wir sollten versuchen, einander ehrlich kennenzulernen, genau hinzuschauen und auf Grundlage dessen, was wir zu diesem Zeitpunkt wissen können, eine möglichst gute Entscheidung für ein gemeinsames Hundeleben zu treffen.

Und wenn Sie wirklich einen Hund suchen, der garantiert immer ruhig bleibt?

Dann bleibe ich dabei:

Die Stoffhunde sind mittlerweile erstaunlich hübsch. 🙂