Sozialisation ist KEINE To-do-Liste
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Sozialisation ist keine To-do-Liste
Warum ein Welpe nicht möglichst viel, sondern das Richtige erleben sollte
„Der Welpe muss möglichst viel kennenlernen.“
Diesen Satz hört man noch immer erstaunlich häufig, wenn ein Welpe in sein neues Zuhause zieht. Möglichst viele Menschen, andere Hunde, verschiedene Untergründe, Straßenverkehr, Kinder, Stadt, Café – und natürlich die Welpengruppe. Schließlich soll aus dem kleinen Hund später ein souveräner Begleiter werden.
Der Gedanke dahinter ist zunächst nachvollziehbar. Frühe Erfahrungen sind für die Verhaltensentwicklung eines Hundes tatsächlich von großer Bedeutung.
Trotzdem lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Denn Sozialisation ist keine To-do-Liste.
Wir leben in einer Zeit, in der auch Welpenerziehung zunehmend nach einem Prinzip funktioniert, das wir aus vielen anderen Lebensbereichen kennen: möglichst viel, möglichst früh, möglichst schnell – und am besten möglichst einwandfrei. Gerade soziale Medien können zusätzlich den Eindruck vermitteln, ein gut geförderter Welpe müsse bereits nach wenigen Wochen ein beachtliches Programm absolviert haben.
Aber die entscheidende Frage ist nicht:
„Was hat mein Welpe schon alles erlebt?“
Sondern:
„Was hat mein Welpe aus diesen Erfahrungen gelernt?“
Genau darum soll es in diesem Beitrag gehen. Nicht darum, Welpen weniger von der Welt zu zeigen. Sondern darum, genauer hinzuschauen, was das, was wir mit ihnen machen, eigentlich mit ihnen macht.
Was soll ein Welpe eigentlich lernen?
Bevor wir über Sozialisation sprechen, sollten wir uns fragen, welches Ziel wir damit verfolgen.
Ich möchte keinen Hund, dessen Qualität darin besteht, möglichst wenig auf seine Umwelt zu reagieren.
Ich möchte einen Hund, der seine Umwelt wahrnimmt, Informationen aufnehmen und Situationen zunehmend einordnen kann – und der angemessen darauf reagieren darf.
Die Königsdisziplin ist für mich deshalb nicht Reaktionslosigkeit, sondern Neutralität.
Neutralität bedeutet nicht Gleichgültigkeit.
Ein Welpe darf einen anderen Hund sehen und ihn interessant finden. Er darf bei einem unbekannten Geräusch kurz innehalten. Er darf beobachten, neugierig sein und sich auch einmal erschrecken. Und selbstverständlich darf ein Welpe in einer Situation zunächst unsicher sein.
Entscheidend ist nicht, dass möglichst wenig Reaktion stattfindet.
Entscheidend ist, dass der junge Hund zunehmend lernt:
wahrnehmen – einordnen – angemessen reagieren – wieder regulieren.
Seine Bezugsperson spielt dabei eine wesentliche Rolle. Sie bietet Sicherheit, Orientierung und einen verlässlichen Rahmen. Sie muss dem Welpen aber nicht jede Situation abnehmen. Entwicklung bedeutet auch, Erfahrungen sammeln und zunehmend eigene Bewältigungsstrategien entwickeln zu dürfen.
Die sensible Phase ist kein Verfallsdatum
Gerade hier entsteht bei vielen Welpenhaltern enormer Druck.
„Bis zur zwölften Woche muss er …“
„Das muss er jetzt unbedingt kennenlernen.“
„Die Prägephase ist bald vorbei.“
Zunächst sollten wir sprachlich sauber bleiben: Der populär verwendete Begriff „Prägephase“ ist für das, worüber wir beim Welpen meist sprechen, nicht besonders präzise. In der Verhaltensbiologie wird heute überwiegend von einer sensiblen Phase beziehungsweise sensiblen Periode gesprochen.
Und ja: Eine solche frühe sensible Entwicklungsphase ist beim Hund wissenschaftlich gut begründet.
Die klassischen Untersuchungen von Scott und Fuller prägten wesentlich die Annahme einer besonders bedeutsamen Sozialisationsperiode ungefähr zwischen der dritten und zwölften Lebenswoche. Auch neuere Fachliteratur beschreibt diese frühe Lebensphase als besonders bedeutsam für soziale und umweltbezogene Erfahrungen.
Aber daraus einen exakten Stundenplan für jeden Welpen abzuleiten, wäre zu einfach.
Auch die Forschung zeigt, dass Entwicklung nicht bei jedem Hund vollkommen identisch verläuft. Unter anderem wurden Unterschiede zwischen Rassen hinsichtlich des zeitlichen Auftretens bestimmter Entwicklungsmerkmale beschrieben.
Hinzu kommt ein Punkt, der in populären Ratgebern gerne verloren geht: Ein erheblicher Teil unseres Grundlagenwissens zur frühen Sozialisation des Hundes stammt aus Untersuchungen, die viele Jahrzehnte alt sind. Eine neuere systematische Übersichtsarbeit zur Hundesozialisation weist ausdrücklich darauf hin, dass noch immer relevante Forschungslücken bestehen.
Das bedeutet nicht, dass die sensible Phase unwichtig wäre.
Im Gegenteil.
Gerade weil frühe Erfahrungen bedeutsam sind, sollten wir auf ihre Qualität achten.
Eine sensible Entwicklungsphase ist kein Wettlauf gegen die Zeit. Und sie ist erst recht kein Freifahrtschein für Reizüberflutung.
Lernen endet außerdem nicht mit dem zwölften oder vierzehnten Lebenswochenpunkt. Hunde bleiben lernfähig. Die besondere Bedeutung früher Erfahrungen darf nicht mit einem Ablaufdatum für Entwicklung verwechselt werden.
Fünf Welpen – fünf verschiedene Wege
Ein Punkt fehlt mir in vielen Diskussionen über Sozialisation besonders: die Individualität des Hundes.
Nehmen wir fünf Welpen aus demselben Wurf.
Dieselben Elterntiere, dieselbe Aufzuchtumgebung und während der ersten Wochen sehr viele gemeinsame Erfahrungen.
Trotzdem entwickeln sich daraus keine fünf identischen Hunde.
Der eine geht vielleicht offensiv auf Neues zu. Ein anderer beobachtet zunächst. Einer benötigt mehr Abstand, bevor er sich annähert. Ein anderer scheint mitten im Geschehen besonders zufrieden zu sein.
Das ist keine Störung im System.
Das ist das System.
Wir sprechen über Lebewesen und nicht über standardisierte Ausbildungsobjekte.
Genetische Voraussetzungen, Temperament, Entwicklungsstand, bisherige Lernerfahrungen und die jeweilige Situation beeinflussen, wie ein Hund auf seine Umwelt reagiert.
Warum sollte also für jeden Welpen dieselbe Sozialisation in derselben Geschwindigkeit richtig sein?
Die Frage darf nicht ausschließlich lauten:
- „Was sollte ein Welpe in diesem Alter kennenlernen?“
Wir müssen ebenso fragen:
- „Was braucht dieser Welpe gerade, damit er daraus etwas lernen kann?“
- „Wann dürfen die denn endlich spielen?“
Kaum irgendwo zeigt sich unser menschliches Verständnis von Sozialisation so deutlich wie beim Kontakt mit anderen Hunden.
Gerade im Zusammenhang mit Welpengruppen begegnet einem immer wieder die Frage:
- „Wann dürfen die denn mal spielen?“
Natürlich ist es schön, junge Hunde miteinander interagieren zu sehen. Und selbstverständlich können passend zusammengestellte und fachkundig begleitete Welpengruppen wertvolle Erfahrungen ermöglichen.
Problematisch wird es dort, wo Sozialisation automatisch mit möglichst viel direktem Hundekontakt gleichgesetzt wird.
Ein anderer Hund muss für meinen Welpen nicht zwangsläufig bedeuten:
Da muss ich hin.
Auch das Beobachten eines anderen Hundes kann eine wichtige Erfahrung sein.
Da ist ein Hund.
Mein Welpe sieht ihn.
Er darf Informationen aufnehmen.
Und trotzdem passiert gerade nichts.
Genau diese Neutralität halte ich für ausgesprochen wertvoll.
Denn wenn auf das Erblicken eines Hundes regelmäßig unmittelbarer Kontakt folgt, kann daraus auch eine Erwartung entstehen. Für das spätere Leben ist jedoch mindestens ebenso wichtig zu lernen, dass andere Hunde Teil der Umwelt sein können, ohne dass daraus jedes Mal eine Interaktion entstehen muss.
Ein Welpe, der zu jedem Hund hinzieht, benötigt deshalb nicht automatisch mehr Hundekontakte.
Vielleicht muss er gerade lernen, dass Hundebegegnung auch bedeuten kann:
sehen, beobachten – und weitergehen.
Sozialkompetenz braucht nicht nur Gleichaltrige
Dabei geraten aus meiner Sicht souveräne erwachsene Hunde zunehmend aus dem Blick.
Welpen lernen nicht ausschließlich im Spiel mit Gleichaltrigen. Begegnungen mit sozial kompetenten erwachsenen Hunden können ebenfalls wertvolle Erfahrungen ermöglichen.
Dabei gilt allerdings:
Alt bedeutet nicht automatisch souverän.
Nicht jeder erwachsene Hund eignet sich als Sozialpartner für einen Welpen. Entscheidend sind seine Kommunikationsfähigkeit, sein Verhalten gegenüber jungen Hunden und die konkrete Situation.
Ähnlich differenziert sollten wir Welpengruppen betrachten.
Nicht die Welpengruppe an sich ist das Problem. Entscheidend ist, was dort unter Sozialisation verstanden wird.
Treffen sehr unterschiedliche Temperamente, körperliche Voraussetzungen und Spielstile aufeinander, reicht „Die machen das unter sich aus“ als Konzept nicht aus.
Gerade junge Hunde brauchen Menschen, die hinschauen.
Wenn die Milch bereits übergekocht ist
Leider wird Individualität manchmal erst dann zum Thema, wenn die Milch bereits übergekocht ist.
Ein Welpe versucht wiederholt auszuweichen. Ein anderer verfolgt ihn weiter. Einer findet kaum noch selbstständig aus der Interaktion heraus. Bewegungen werden hektischer, Rollen wechseln kaum noch oder ein Welpe sucht wiederholt Schutz und Distanz.
Von außen heißt es trotzdem:
„Die spielen so schön.“
Genau hier braucht es körpersprachliche Beobachtung.
Gutes Spiel kann dynamisch und durchaus körperlich sein. Entscheidend sind unter anderem Wechsel, Unterbrechungen und die Möglichkeit beider Hunde, eine Interaktion fortzusetzen oder zu verlassen.
Nicht jede wilde Bewegung ist problematisch.
Aber ebenso wenig ist jede wilde Bewegung automatisch gutes Spiel.
Und wenn wir erst eingreifen, wenn eine Situation deutlich eskaliert, haben wir möglicherweise die vielen leiseren Signale davor übersehen.
Auch ein überforderter Welpe sammelt Erfahrungen.
Nur möglicherweise nicht diejenigen, die wir ihm eigentlich ermöglichen wollten.
Ein Welpe braucht nicht nur Erfahrungen. Er braucht Zeit dazwischen.
Ein Punkt wird bei Sozialisation aus meiner Sicht besonders unterschätzt:
Verarbeitung braucht Zeit.
Neue Menschen, fremde Hunde, unbekannte Geräusche, Autofahrten, Untergründe und Umgebungen mögen für uns vollkommen alltäglich erscheinen.
Für einen jungen Hund sind sie es noch nicht.
Und gerade ein Welpe, der erst vor wenigen Tagen eingezogen ist, verarbeitet bereits eine enorme Veränderung.
Sein bisheriger Tagesablauf ist verschwunden. Mutterhündin und Wurfgeschwister fehlen. Gerüche, Schlafplätze, Menschen, Geräusche und Routinen haben sich verändert.
Von einem acht oder neun Wochen alten Welpen zu erwarten, dass er nach wenigen Tagen emotional vollständig in dieser neuen Welt angekommen ist, halte ich für unrealistisch.
Und genau in diese Phase packen wir teilweise ein erstaunliches Programm:
Welpengruppe. Besuch. Stadt. Restaurant. Neue Hunde. Neue Wege. Neue Geräusche.
Immer mit der besten Absicht:
„Er muss schließlich alles kennenlernen.“
Dabei vergessen wir, dass auch Ruhe zur Entwicklung gehört.
Ein Welpe braucht nicht nur Erfahrungen.
Er braucht Zeit zwischen den Erfahrungen.
Dabei sollten wir Ruhe nicht mit ständig eingeforderter Impulskontrolle verwechseln. Es geht um die Fähigkeit, Erregung wieder herunterzufahren – und um Rahmenbedingungen, in denen das überhaupt möglich ist.
Wenn mein Welpe nach jedem Ausflug völlig aufgedreht ist, rastlos durch die Wohnung läuft und kaum in den Schlaf findet, lautet die Antwort deshalb nicht automatisch:
„Der braucht noch mehr Auslastung.“
Manchmal sollten wir stattdessen fragen:
War das heute vielleicht schon genug?
Einmal erlebt heißt noch lange nicht gelernt
Genau deshalb hat auch die klassische Sozialisationsto-do-Liste einen entscheidenden Schwachpunkt.
Bus gefahren: ✓
Kinder gesehen: ✓
Pferd gesehen: ✓
Innenstadt besucht: ✓
Andere Hunde kennengelernt: ✓
Und jetzt?
Dass ein Welpe einem Reiz einmal begegnet ist, sagt zunächst wenig darüber aus, was er mit diesem Reiz verknüpft hat.
Auch bloße Wiederholung garantiert keine Gewöhnung. Wie ein Hund wiederkehrende Reize verarbeitet, hängt unter anderem von deren Intensität, bisherigen Erfahrungen und individuellen Voraussetzungen ab.
Deshalb sollten wir viel häufiger beobachten, wie ein Welpe aus einer Situation herausgeht.
- Kann er sich wieder lösen?
- Kann er anschließend schnüffeln oder explorieren?
- Nimmt seine körperliche Anspannung wieder ab?
- Sucht er freiwillig erneut Annäherung?
- Oder benötigt er zunehmend Abstand?
Zwei Welpen können dieselbe Situation erleben und vollkommen unterschiedliche Erfahrungen daraus mitnehmen.
Auf unserer Checkliste steht anschließend bei beiden dasselbe Häkchen.
Im Kopf der beiden Hunde möglicherweise nicht.
Was mache ich nun konkret mit meinem Welpen?
Vielleicht ist genau das die wichtigste Frage dieses Beitrags.
Denn meine Botschaft lautet nicht:
Macht möglichst wenig mit euren Welpen.
Und sie lautet genauso wenig:
Zeigt ihnen möglichst schnell die ganze Welt.
Bevor ich die nächste Erfahrung plane, kann ich mir stattdessen einige einfache Fragen stellen:
Warum möchte ich das gerade machen?
Braucht mein Welpe diese Erfahrung – oder glaube ich lediglich, dass er sie in diesem Alter bereits gemacht haben muss?
Wie geht mein Welpe in die Situation hinein?
Ist er neugierig und ansprechbar? Beobachtet er zunächst? Benötigt er Abstand? Oder ist seine Erregung bereits hoch?
Was passiert währenddessen?
Kann er sich lösen, schnüffeln und beobachten? Sucht er Orientierung? Wird sein Verhalten zunehmend hektisch?
Und schließlich:
Wie kommt mein Welpe wieder aus der Situation heraus?
Kann er anschließend zur Ruhe finden?
Oder beschäftigt ihn die Situation noch lange?
Das bedeutet nicht, beim ersten Anzeichen von Unsicherheit sämtliche Erfahrungen abzubrechen. Auch die Bewältigung kleiner Herausforderungen gehört zur Entwicklung.
Aber Herausforderung und Überforderung sind nicht dasselbe.
Nicht: Was hat er erlebt? Sondern: Was hat er verstanden?
Sozialisation bedeutet für mich nicht, möglichst viele Erfahrungen in möglichst wenige Wochen zu packen.
Und sie bedeutet ebenso wenig, einen jungen Hund von seiner Umwelt abzuschirmen.
Wir sollten Welpen die Welt zeigen.
Aber in einem Tempo, in dem der einzelne Hund diese Welt auch verarbeiten kann.
Wir sollten ihnen Sozialkontakte ermöglichen.
Aber nicht jeden Hundekontakt mit Spielen gleichsetzen.
Wir sollten ihnen Sicherheit und Orientierung geben.
Aber ihnen gleichzeitig zutrauen, eigene Kompetenzen zu entwickeln.
Und vielleicht müssen wir deshalb am Ende eines Tages weniger häufig fragen:
„Was hat mein Welpe heute alles kennengelernt?“
Sondern:
„Was konnte mein Welpe heute verstehen?“
Du musst deinem Welpen nicht in wenigen Wochen die ganze Welt gezeigt haben.
Aber du solltest lernen, den Welpen zu lesen, dem du diese Welt zeigen möchtest.
Vielleicht müssen wir deshalb gar nicht immer mehr mit unseren Welpen machen.
Vielleicht müssen wir genauer hinschauen, was das, was wir bereits mit ihnen machen, mit ihnen macht.
Denn gute Sozialisation zeigt sich nicht darin, dass ein Hund einfach funktioniert.
Sie zeigt sich darin, dass er seine Umwelt wahrnehmen darf, zunehmend lernt, sie einzuordnen, angemessen auf sie zu reagieren – und irgendwann versteht, dass er nicht auf alles reagieren muss.
Das ist für mich die eigentliche Königsdisziplin