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Wie viel Wolfs-DNA steckt in deinem Hund?

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Wie viel Wolfs-DNA steckt in deinem Hund?
Inhalt
  1. Eine Genomstudie mit 2.693 Hunden und Wölfen
  2. Wie lässt sich alte Wolfs-DNA nachweisen?
  3. Welche Hunderassen tragen besonders viel Wolf-Abstammung?
  4. Wo liegt geografisch die stärkste Verbindung zum Wolf?
  5. Je grösser der Hund, desto mehr Wolf?
  6. Wenn alte Wolfs-Gene einen Vorteil bringen

Wie viel Wolf steckt eigentlich in einem Hund? Bei einem Husky würde man vermutlich nicht lange überlegen. Beim Chihuahua schon eher. Und genau hier wird es überraschend: Eine aktuelle Genomstudie zeigt, dass selbst der kleinste unserer Haushunde messbare Spuren alter Wolf-Abstammung trägt. Doch der Blick auf einzelne Rassen erzählt nur einen kleinen Teil der Geschichte. In einer umfangreichen Untersuchung von 2.693 Hunde- und Wolfsgenomen fanden Forschende bei 64,1 Prozent der untersuchten modernen Rassehunde messbare Spuren alter Wolfs-DNA.

Eine Genomstudie mit 2.693 Hunden und Wölfen

Dass der Hund vom Wolf abstammt, ist längst bekannt. Doch die genetische Geschichte unserer Hunde ist komplizierter, als die einfache Vorstellung von Wolf, Domestikation und anschliessender Entwicklung zum Haushund vermuten lässt. Hunde und Wölfe sind sich auch nach der Domestikation immer wieder begegnet und konnten sich miteinander fortpflanzen. Solche Kreuzungen waren zwar selten, hinterliessen aber offenbar Spuren im Erbgut heutiger Hunde.

Genau diesen Spuren ist ein Forschungsteam um Audrey T. Lin vom American Museum of Natural History und dem Smithsonian National Museum of Natural History nachgegangen. Die 2025 in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichte Studie trägt den Titel A legacy of genetic entanglement with wolves shapes modern dogs. (übersetzt in etwa: Das Erbe der genetischen Verflechtung mit Wölfen prägt die heutigen Hunde)

Dafür werteten die Forschenden die veröffentlichten Genomdaten von 2.693 alten und modernen Hunden und Wölfen aus.

Wie lässt sich alte Wolfs-DNA nachweisen?

Die Forschenden wollten nicht wissen, wie ähnlich ein Hund einem Wolf insgesamt ist. Das wäre wenig aussagekräftig, denn Hunde und Wölfe sind ohnehin eng miteinander verwandt. Stattdessen suchten sie nach etwas Spezifischerem: nach einzelnen Abschnitten im Erbgut, die verraten, dass irgendwann in der Vergangenheit Wolfs-DNA in eine Hundepopulation gelangt ist.

Dazu untersuchten sie die Genome auf charakteristische genetische Muster und verglichen die einzelnen DNA-Abschnitte mit denen von Hunden und Wölfen. So konnten sie Spuren eines früheren Genflusses erkennen.

Wenn sich ein Wolf und ein Hund miteinander fortpflanzen, bleibt die Wolf-Abstammung nicht als grosser, unveränderter Block im Erbgut erhalten. Über viele Generationen wird das übernommene Erbgut durch die natürliche Rekombination immer wieder neu mit Hunde-DNA vermischt und dabei in kleinere Abschnitte aufgeteilt. Manche dieser Stücke verschwinden irgendwann, andere werden weitervererbt.

Genau diese kleinen Überreste vergangener Wolf-Hund-Verpaarungen konnten die Forschenden in den heutigen Hunden aufspüren.

Wie kommt Wolfs-DNA überhaupt in einen Hund?

Hier lohnt sich eine kurze Begriffsklärung. Wenn wir hier den Begriff Wolfs-DNA verwenden, bedeutet das nicht, dass ein Hund zu einem bestimmten Prozentsatz ein Wolf wäre. Gemeint sind genetische Abschnitte, deren Herkunft auf eine frühere Vermischung zwischen Hund und Wolf zurückgeführt wird.

In der Fachsprache sprechen die Forschenden von Wolf ancestry, also Wolf-Abstammung, beziehungsweise von Wolf-Hund-Genfluss.

Eine solche Vermischung kann sehr lange zurückliegen. Mit jeder weiteren Generation werden die ursprünglich übernommenen Genabschnitte durch Rekombination in immer kleinere Stücke aufgeteilt. Genau diese Fragmentierung kann Forschern wiederum Hinweise darauf geben, wie lange ein solches Ereignis ungefähr zurückliegt.

Für den von der Studie untersuchten Genfluss vom Wolf zum Hund ergibt sich eine grobe Schätzung von durchschnittlich etwa 873 Generationen.

Damit geht es also nicht um Wölfe, die vor wenigen Jahrzehnten mit Hunden gekreuzt wurden. Die Studie untersucht überwiegend eine sehr viel ältere genetische Geschichte.

Welche Hunderassen tragen besonders viel Wolf-Abstammung?

Die Ergebnisse sind überraschender, als man zunächst vermutet. Zwar finden sich hohe Werte erwartungsgemäss bei Wolfhunden und einigen nordischen Rassen. Die Studie zeigt aber auch deutliche Wolf-Abstammung bei Hunden, die äusserlich heute kaum noch etwas mit einem Wolf gemeinsam haben.

Rasse / Typ Gemessene Wolf-Abstammung
Czechoslovakian Wolfdog ca. 23–40 %
Saarloos Wolfdog ca. 23–40 %
Great Anglo-French Tricolor Hound 0,03–5,47 %
Tamaskan 3,68 %
Shiloh Shepherd 2,7 %
Great Anglo-French White and Orange Hound 0,004–1,8 %
Sarabi 0,553–1,19 %*
Alabai 0,553–1,19 %*
Türkischer Mastiff 0,553–1,19 %*
Anatolian Shepherd 0,553–1,19 %*
Šarplaninac 0,553–1,19 %*
Akbash 0,553–1,19 %*
Kars Shepherd 0,553–1,19 %*
Kaukasischer Owtscharka 0,553–1,19 %*
Mongolian Bankhar Dog 0,553–1,19 %*
Alaskan Malamute 0,63–0,92 %
Chihuahua ca. 0,2 %

* Die Studie nennt für diese Herdenschutzhunde einen gemeinsamen Wertebereich von 0,553–1,19 %.

Hinweis: Die Werte stammen aus den untersuchten Tieren und sind deshalb nicht automatisch auf die gesamte Rasse übertragbar. Gerade bei Rassen, von denen nur ein oder wenige Genome untersucht wurden, können die Werte innerhalb der Rasse deutlich variieren.

Wo liegt geografisch die stärkste Verbindung zum Wolf?

Ein geografisches Muster fällt bei den Ergebnissen besonders auf: Auffällig viel Wolf-Abstammung findet sich bei mehreren Herdenschutzhunden aus der Türkei sowie aus West- und Zentralasien. Auch arktische Schlittenhunde, ursprüngliche Pariahunde und verschiedene Jagdhunde zeigten vergleichsweise viel Wolf-Abstammung.

Die untersuchten Hunde dieser Gruppe lagen gemeinsam bei etwa 0,553 bis 1,19 Prozent Wolf-Abstammung. Das ist zwar deutlich weniger als bei modernen Wolfhunden, aber auffällig viel für Hunde, deren Rassen nicht durch eine gezielte Wolf-Hund-Kreuzung entstanden sind.

Eine mögliche Erklärung liegt in der Lebensweise dieser Hunde. Viele dieser Rassen wurden über lange Zeit als Herdenschutzhunde in Regionen eingesetzt, in denen Wölfe zum natürlichen Umfeld gehörten.

Hunde und Wölfe lebten damit über Generationen in unmittelbarer räumlicher Nähe. Unter solchen Bedingungen waren Begegnungen zwischen beiden Tierarten wesentlich wahrscheinlicher als bei Hunden, die in dicht besiedelten Gebieten oder weit entfernt von Wolfspopulationen gehalten wurden. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass Herdenschutzhunde regelmässig mit Wölfen gekreuzt wurden. Die genetischen Spuren können sehr viel weiter zurückliegen und über zahlreiche Generationen in den Populationen erhalten geblieben sein.

Die Studie zeigt also einen geografischen Zusammenhang, kann aber nicht für jede einzelne Rasse rekonstruieren, wo und wann genau die ursprüngliche Verpaarung stattgefunden hat.

Je grösser der Hund, desto mehr Wolf?

Kurz gesagt: Nein. Zumindest nicht zuverlässig. Zwar fanden die Forschenden einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen Körpergrösse und Wolf-Abstammung: Grössere Hunde hatten im Durchschnitt etwas mehr wolfstämmische DNA-Abschnitte als kleinere. Der Zusammenhang war jedoch ausgesprochen schwach.

Das zeigt auch der Blick auf die einzelnen Rassen. Ein Chihuahua trug rund 0,2 Prozent Wolf-Abstammung, obwohl er äusserlich kaum weiter von einem Wolf entfernt sein könnte. Gleichzeitig hatten manche grosse Hunderassen, wie etwa der Bernhardiner, gar keine nachweisbare Wolf-Abstammung.

Der Wolf steckt also nicht automatisch im grossen Hund. Manchmal steckt ein kleines bisschen Wolf auch im kleinsten Hund. 🙂

Wenn alte Wolfs-Gene einen Vorteil bringen

Die Forschenden haben nicht nur geschaut, wie viel Wolf-Abstammung vorhanden ist. Sie haben auch untersucht, wo im Genom diese Abschnitte liegen.

Bei freilebenden Dorfhunden fanden sie eine Anreicherung der Wolf-Abstammung bei Genen für Geruchsrezeptoren. Das sind Gene, die an der Wahrnehmung von Gerüchen beteiligt sind. Die Autoren vermuten, dass diese alten Wolf-Genabschnitte den freilebenden Hunden möglicherweise bei der Nahrungssuche und Orientierung geholfen haben.

Noch konkreter ist ein zweites Beispiel: der Tibetanische Mastiff. Diese Hunde leben traditionell in grossen Höhenlagen des Himalayas und des Tibetischen Plateaus, wo die Luft deutlich weniger Sauerstoff enthält. Die Studie bestätigte, dass Tibetanische Mastiffs eine bestimmte Variante des EPAS1-Gens tragen, die auch bei Tibetischen Wölfen vorkommt. Dieses Gen spielt eine wichtige Rolle bei der Reaktion des Körpers auf Sauerstoffmangel.

Die Forschenden sehen darin ein Beispiel dafür, wie ein von Wölfen übernommener Genabschnitt Hunden bei der Anpassung an eine extreme Umwelt geholfen haben könnte.

Das sind zwei wunderbare Beispiele für sogenannte adaptive Introgression. Damit ist gemeint, dass ein durch Kreuzung übernommener Genabschnitt einen Vorteil bringt und deshalb über Generationen erhalten bleibt.

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