Der Welpenblues
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Welpenblues – vielleicht beginnt das Problem schon vor dem Einzug
Es gibt diesen Moment, auf den sich zukünftige Hundehalter oft wochen- oder monatelang freuen. Der Welpe zieht ein. Das Körbchen steht bereit, das Futter ist gekauft, vielleicht liegt bereits eine kleine Auswahl an Spielzeug im Wohnzimmer. Man hat Videos gesehen, Bücher gelesen, mit Freunden gesprochen und sich hundertmal vorgestellt, wie dieser erste gemeinsame Tag aussehen wird.
Und dann ist dieser kleine Hund tatsächlich da – und plötzlich fühlt sich das, worauf man sich so sehr gefreut hat, ganz anders an.
Man schläft kaum noch. Der Welpe muss ständig nach draußen und löst sich trotzdem fünf Minuten später auf dem Teppich. Er beißt in Hände, Hosenbeine und Möbel. Sobald man glaubt, er müsse nach all den Eindrücken nun vollkommen erschöpft sein, dreht er erst richtig auf. Man googelt nachts Verhaltensweisen, vergleicht den eigenen Hund mit anderen Welpen und beginnt sich zu fragen, ob man etwas falsch macht.
Irgendwann taucht vielleicht sogar ein Gedanke auf, den viele Menschen kaum auszusprechen wagen:
„Was habe ich mir da eigentlich angetan?“
Oder noch schwerer:
„Vielleicht war es ein Fehler.“
Für dieses Erleben hat sich inzwischen ein Begriff etabliert: Puppy Blues – Welpenblues.
Ich glaube allerdings, dass wir es uns zu einfach machen, wenn wir den Welpenblues erst dort betrachten, wo ein erschöpfter Mensch mit seinem Welpen im Wohnzimmer sitzt. Mich interessiert mindestens ebenso sehr die Frage, die davor kommt:
Wie gut wurde dieser Mensch eigentlich auf das vorbereitet, was ein Welpe wirklich bedeutet?
Denn möglicherweise beginnt ein Teil dessen, was später zur Belastung beiträgt, nicht erst nach dem Einzug. Vielleicht beginnt es Wochen vorher – mit Erwartungen, mit Bildern, mit Informationen und manchmal schlicht mit fehlendem Wissen.
Der Begriff Welpenblues…
bezeichnet keine eigenständige medizinische Diagnose. Beschrieben werden negative emotionale Erfahrungen während der Welpenzeit, darunter Sorgen, Frustration, Erschöpfung und Zweifel an der eigenen Entscheidung. Inzwischen gibt es dazu auch wissenschaftliche Forschung.
Eine 2024 veröffentlichte Untersuchung von Aada Ståhl und Kolleginnen und Kollegen hat das Phänomen systematisch untersucht und eine eigene Puppy-Blues-Skala entwickelt und validiert.
Die statistische Analyse ergab drei zentrale Dimensionen des Puppy Blues: Frustration, Anxiety und Weariness – also Frustration, Angst bzw. Sorgen und Erschöpfung. (Nature)
Ich halte diese Forschung für wichtig. Schon deshalb, weil sie einem Erleben wissenschaftliche Aufmerksamkeit gibt, das zuvor kaum systematisch untersucht worden war.
Wenn Menschen feststellen, dass andere ähnliche Gedanken und Gefühle kennen, kann allein diese Erkenntnis entlastend sein.
Trotzdem sollten wir auch bei wissenschaftlichen Ergebnissen nicht aufhören, genauer hinzusehen.
Eine Studie benötigt standardisierte Verfahren, Fragen, Kategorien und messbare Variablen, damit Antworten vieler Menschen überhaupt miteinander verglichen werden können. Genau darin liegt ihre Stärke – und gleichzeitig eine Grenze. Ein standardisierter Fragebogen kann erfassen, wie ausgeprägt bestimmte belastende Erfahrungen während der Welpenzeit sind. Er kann jedoch nur begrenzt erklären, warum genau dieser Mensch mit genau diesem Hund in genau dieser Lebenssituation an diesen Punkt gekommen ist. Die Studie selbst versteht die entwickelte Skala als Instrument zur Erfassung der negativen Erfahrungen und Gefühle rund um die Welpenzeit; sie liefert keine einfache monokausale Erklärung für deren Entstehung. (Nature)
Der Fragebogen weiß nicht, ob jemand seit vier Nächten kaum geschlafen hat. Er kennt die familiäre Situation nicht in ihrer gesamten Komplexität, sieht nicht, wie der Alltag vorher organisiert war, welche Erwartungen an den Welpen bestanden, welche Vorbereitung stattgefunden hat oder welche widersprüchlichen Ratschläge inzwischen gleichzeitig auf diesen Menschen einprasseln.
Und vor allem sitzt auf der anderen Seite dieser Beziehung ebenfalls kein standardisiertes Wesen.
Dort sitzt ein Hund.
Ein Individuum.
Auch deshalb halte ich es für wichtig, bei der Betrachtung des Welpenblues den jeweiligen Hund und seine Voraussetzungen mitzudenken. Verhalten und Entwicklung werden nicht durch einen einzigen Faktor bestimmt. Genetische Voraussetzungen, frühe Umwelt, Aufzucht, Erfahrungen und weitere individuelle Bedingungen wirken zusammen; zudem können sich Verhaltenseigenschaften zwischen Hunden und Populationen unterscheiden. (Frontiers)
Ein Labrador Retriever bringt beispielsweise nicht dieselben rassetypischen Verhaltenstendenzen mit wie ein Border Collie, ein Terrier oder ein Herdenschutzhund. Und selbst zwei Welpen derselben Rasse, aus demselben Wurf und derselben Aufzucht sind keine Kopien voneinander.
Deshalb stört mich ein Satz ganz besonders, wenn Menschen mit ihrem Welpen Schwierigkeiten haben:
„Das ist halt ein Welpe.“
Ja – manches Verhalten gehört tatsächlich zur normalen Entwicklung eines jungen Hundes. Aber fachlich interessant wird es doch erst danach:
Welcher Welpe? In welchem Entwicklungsstadium? Mit welchem Temperament? Aus welcher Ausgangslage? In welchem Umfeld? Wie viel Schlaf und Erholung bekommt er? Welche Reize erlebt er? Was wird von ihm erwartet? Und wie reagiert sein Mensch darauf?
Hundeverhalten entsteht nicht im luftleeren Raum.
Genau deshalb reicht es meiner Meinung nach nicht, Menschen auf einen Welpen vorzubereiten, indem man ihnen erklärt, welches Futter sie kaufen sollen, welches Geschirr geeignet ist und wie häufig der Hund nach draußen muss.
Wenn ich hier von Vorbereitung spreche, meine ich ganz konkret auch meine eigene Verantwortung als Züchterin und Hundetrainerin in Ausbildung. Ich kann und möchte nicht für sämtliche Züchter oder Hundetrainer sprechen. Ich kann aber beschreiben, was ich unter verantwortungsvoller Vorbereitung meiner Welpenfamilien verstehe – und warum ich überzeugt davon bin, dass wir an dieser Stelle früher und tiefer ansetzen sollten.
Natürlich spreche ich mit meinen zukünftigen Welpeneltern über Fütterung, Gesundheit, Stubenreinheit, Schlaf, Autofahren, die ersten Tage und organisatorische Fragen. Aber das allein genügt mir nicht.
Ich möchte, dass Menschen anfangen zu verstehen, was sie da eigentlich vor sich haben.
Keinen kleinen Erwachsenen. Keinen Hund, der bereits weiß, wie unsere Welt funktioniert. Und erst recht kein fertiges Familienmitglied, das nach drei Tagen verstanden haben muss, welche Regeln in einem menschlichen Haushalt gelten.
Ein Welpe muss erst lernen, in einer Welt zu leben, die wir Menschen gebaut haben. Wohnungen, Straßen, Leinen, Autos, Besuchssituationen, unsere Vorstellungen von Ruhe und unsere Tagesabläufe sind für einen jungen Hund keine Selbstverständlichkeiten.
Gleichzeitig kommuniziert dieser Welpe vom ersten Tag an.
Nur verstehen wir Menschen seine Sprache häufig noch nicht.
Und genau an diesem Punkt wünsche ich mir wesentlich mehr Wissensvermittlung.
Wir sprechen unglaublich viel über Hundeerziehung: über Sitz, Platz, Rückruf, Leinenführigkeit und Alleinbleiben. Aber wie viel Zeit investieren wir eigentlich darin, einem Ersthundebesitzer beizubringen, einen Hund zunächst einmal zu beobachten?
Wie sieht Müdigkeit aus, bevor der Welpe völlig überdreht? Wie verändert sich sein Verhalten bei zunehmender Erregung? Wie zeigt ein Hund Unsicherheit? Wann sucht er Abstand? Wann braucht er Unterstützung? Wann ist ein Spiel tatsächlich für beide Seiten Spiel? Was bedeutet es, wenn ein Welpe plötzlich heftiger in Hände oder Kleidung beißt? Und wann ist vermeintlicher „Ungehorsam“ vielleicht schlicht ein Hund, dessen Aufnahmefähigkeit für diesen Moment längst erschöpft ist?
Beobachten allein genügt allerdings nicht.
Denn was nützt es einem Menschen, wenn er erkennt, dass sein Welpe müde, unsicher, überfordert oder stark erregt ist, anschließend aber nicht weiß, was er mit dieser Information anfangen soll?
Genau hier muss Wissensvermittlung einen Schritt weitergehen. Ein Hundehalter muss kein Hundetrainer werden. Er sollte aber lernen, aus seiner Beobachtung eine angemessene erste Reaktion abzuleiten.
Das bedeutet zunächst, nicht reflexartig zu korrigieren, sondern sich zu fragen:
Was könnte mein Hund gerade brauchen?
Zeigt ein Welpe Anzeichen zunehmender Übermüdung und Erregung, braucht er möglicherweise nicht noch mehr Beschäftigung, sondern Unterstützung dabei, aus der Situation herauszukommen und zur Ruhe zu finden. Wirkt er in einer neuen Situation unsicher, muss man ihn nicht dazu drängen, „da jetzt durchzumüssen“. Man kann Distanz vergrößern, Anforderungen reduzieren, ihm Zeit zum Beobachten geben und ihm ermöglichen, sich in seinem eigenen Tempo mit der Situation auseinanderzusetzen.
Wird ein Spiel zunehmend hektisch und steigt die Erregung immer weiter, kann es sinnvoller sein, die Situation ruhig zu beenden, statt noch mehr Dynamik hineinzubringen.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um starre Rezepte. Dasselbe sichtbare Verhalten kann je nach Situation unterschiedliche Ursachen haben. Hecheln kann beispielsweise mit Wärme, körperlicher Belastung oder Erregung zusammenhängen und in bestimmten Kontexten auch Teil einer Stressreaktion sein. Abwenden kann Bestandteil normaler Kommunikation sein oder der Distanzregulation dienen. Einzelne körpersprachliche Signale sollten deshalb niemals losgelöst vom Zusammenhang interpretiert werden.
Entscheidend sind Kontext, Gesamtkörper, vorausgegangene Situation und Verhaltensverlauf.
Für einen Ersthundebesitzer kann deshalb eine einfache gedankliche Reihenfolge hilfreich sein:
Beobachten. Einordnen. Anpassen. Wieder beobachten.
Was sehe ich tatsächlich – zunächst ohne vorschnelle Bewertung? Was ist unmittelbar vorher passiert? Welche Anforderungen und Reize wirken gerade auf meinen Hund? Kann ich die Situation vereinfachen, Distanz schaffen, Reize reduzieren, eine Pause ermöglichen oder meinem Welpen Orientierung geben?
Und anschließend:
Verändert sich sein Verhalten dadurch?
Auch unsere Reaktion ist zunächst eine Hypothese. Wird der Hund ruhiger, kann sich besser orientieren oder findet wieder in einen regulierteren Zustand, war die Anpassung möglicherweise hilfreich. Verschärft sich die Situation, tritt ein Verhalten regelmäßig auf oder kann der Halter es nicht sicher einordnen, sollte nicht endlos auf eigene Faust herumprobiert werden.
Dann gehört zu verantwortungsvoller Hundehaltung auch, sich fachkundige Unterstützung zu holen.
Nicht als Niederlage oder Beweis mangelnder Kompetenz, sondern gerade als Ausdruck davon, die eigenen Grenzen zu kennen.
Denn das Ziel kann nicht sein, aus jedem Welpenkäufer einen Verhaltensspezialisten zu machen. Das Ziel ist ein Mensch, der seinen Hund zunehmend lesen lernt, Veränderungen frühzeitig wahrnimmt, angemessen reagieren kann – und weiß, wann jemand genauer hinschauen sollte.
Und genau hier schließt sich für mich der Kreis zum Welpenblues.
Denn wer Verhalten nicht einordnen kann, erlebt es irgendwann möglicherweise nicht mehr nur als Verhalten seines Hundes.
Er beginnt, es als eigenes Scheitern zu interpretieren.
Aus „Mein Welpe kann gerade nicht zur Ruhe kommen“ wird:
„Ich bekomme meinen Hund nicht ruhig.“
Aus „Mein Welpe kann diese Situation noch nicht bewältigen“ wird:
„Ich habe ihn falsch erzogen.“
Aus dem nächsten Missgeschick bei der Stubenreinheit wird:
„Bei allen anderen funktioniert das – nur bei uns nicht.“
Und aus einem jungen Hund, der in einer Situation schlicht überfordert ist, wird in der Wahrnehmung seines inzwischen erschöpften Menschen irgendwann:
„Mein Hund ist schwierig.“
Diese Verschiebung halte ich für bedeutsam.
Verhalten, das ich nicht verstehe, kann Unsicherheit erzeugen. Aus dieser Unsicherheit heraus probiere ich verschiedene Lösungen. Funktionieren sie nicht sofort, wächst möglicherweise die Frustration. Gleichzeitig sehe ich im Internet Hunde, bei denen scheinbar alles funktioniert.
Irgendwann zweifle ich nicht mehr nur daran, ob ich meinen Welpen richtig verstehe.
Ich zweifle an meiner eigenen Kompetenz und vielleicht sogar an der Entscheidung für diesen Hund.
So kann ein Kreislauf entstehen. Der Mensch wird zunehmend angespannt und versucht immer stärker zu steuern. Der Welpe bekommt möglicherweise noch mehr Anforderungen, Beschäftigung oder Korrekturen, obwohl er eigentlich weniger Reize oder eine andere Form der Unterstützung benötigen würde. Sein Verhalten verändert sich nicht wie erhofft oder wird sogar intensiver. Der Mensch erlebt wiederum, dass seine Bemühungen scheinbar nichts bewirken.
Aus fehlender Einordnung kann Hilflosigkeit entstehen. Aus Hilflosigkeit Frustration. Und anhaltende Frustration kann zur Erschöpfung beitragen – womit wir genau jene Belastungsdimensionen berühren, die auch in der bisherigen Puppy-Blues-Forschung beschrieben werden. Die drei Dimensionen Frustration, Anxiety und Weariness stammen unmittelbar aus der Studie von Ståhl et al.; der hier beschriebene mögliche Weg dorthin ist dagegen eine fachliche Einordnung und keine von dieser Studie nachgewiesene Kausalkette. (Nature)
Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass fehlendes Wissen die Ursache des Welpenblues ist. Eine solche Schlussfolgerung lässt die bisherige Forschung nicht zu, und dafür ist das Phänomen ohnehin zu komplex. Schlafmangel, individuelle Belastbarkeit, Lebensumstände, Erwartungen, soziale Unterstützung, Eigenschaften des Hundes und weitere Faktoren können zusammenspielen.
Aber Wissen kann einen Unterschied machen.
Nicht, weil Wissen einen Welpen einfacher macht.
Sondern weil Wissen dabei helfen kann, schwieriges Verhalten einzuordnen, statt es unmittelbar als persönliches Versagen oder grundsätzliches Problem zu erleben.
Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Formen von Prävention: Menschen nicht zu versprechen, dass nichts Schwieriges passieren wird – sondern ihnen genügend Verständnis mitzugeben, damit sie Schwieriges einordnen können, wenn es passiert.
Nehmen wir den Welpen, der abends plötzlich durch die Wohnung rast, in Hosenbeine beißt, kaum noch ansprechbar erscheint und scheinbar überhaupt nicht zur Ruhe kommt. Wer das Verhalten nicht einordnen kann, kommt möglicherweise zu dem Schluss:
Der ist noch nicht ausgelastet.
Also wird noch einmal gespielt, trainiert oder spazieren gegangen. Die Erregung steigt weiter, der Mensch wird frustrierter und irgendwann lautet das Urteil:
„Der hört überhaupt nicht.“
Ein Mensch mit etwas mehr Wissen über Erregung, Müdigkeit und Selbstregulation könnte dieselbe Situation betrachten und eine andere Frage stellen:
Kann es sein, dass dieser Welpe längst über seinem Limit ist?
Der Hund ist derselbe.
Das Verhalten ist dasselbe.
Verändert hat sich zunächst nur das Wissen des Menschen – und damit möglicherweise die Reaktion darauf.
Genau deshalb halte ich gute Fachliteratur über Hundeverhalten und Körpersprache für einen wichtigen Bestandteil der Vorbereitung. Besonders wertvoll sind für Laien Bücher, die nicht ausschließlich beschreiben, sondern mit fachlich fundiert erläuterten Fotografien und Bildsequenzen arbeiten. Ein Mensch kann zehnmal lesen, dass Hunde über Körperhaltung, Blickrichtung, Muskelspannung, Ohrenstellung, Maul, Rute, Bewegungsrichtung und Distanz kommunizieren. Eine gut erklärte Bildfolge kann oft sehr viel anschaulicher machen, was diese Begriffe in einer realen Situation bedeuten.
Das Ziel ist ausdrücklich nicht, anschließend jede Ohrbewegung des Welpen zu analysieren oder zu pathologisieren.
Es geht um etwas Grundsätzlicheres:
Sehen lernen.
Und damit kommen wir zu einem weiteren Problem unserer Zeit: der enormen Menge an Informationen.
Wer heute einen Welpen bekommt, leidet meistens nicht unter Informationsmangel. Eher unter dem Gegenteil.
Innerhalb weniger Minuten findet man Videos darüber, wie ein Welpe am ersten Tag schlafen soll, wie Stubenreinheit angeblich am schnellsten funktioniert, wie Beißhemmung trainiert wird, wie Ruhe aussehen soll, wie Sozialisation funktioniert, wann der Hund alleinbleiben muss und welche Signale er nach wenigen Tagen bereits beherrschen sollte.
Das Problem ist nur:
Informationen sind nicht automatisch Wissen.
Und ein Dreißig-Sekunden-Video zeigt keine Entwicklung.
Gerade typische Beiträge zum Thema „Ein Welpe zieht ein“ erzeugen teilweise ein erstaunlich aufgeräumtes Bild. Das Körbchen steht bereit, der Welpe erkundet vorsichtig das Wohnzimmer, bekommt sein Spielzeug, schläft anschließend friedlich auf seiner Decke – und am nächsten Morgen beginnt das gemeinsame Abenteuer.
Was fehlt, ist der Rest.
Der Mensch im Schlafanzug nachts im Garten. Der Welpe, der draußen zwanzig Minuten nichts macht und unmittelbar nach dem Hereinkommen auf den Teppich pinkelt. Die zerbissene Hose. Der Schlafmangel. Die Diskussion innerhalb der Familie darüber, wie man nun reagieren sollte. Der Welpe, der gestern etwas scheinbar verstanden hatte und heute wirkt, als hätte er noch nie davon gehört. Die Unsicherheit. Die Frage, ob das alles normal ist.
Und die Erkenntnis, dass Beziehung nicht innerhalb eines Wochenendes entsteht.
Das soll kein pauschaler Vorwurf an soziale Medien sein. Dort finden sich durchaus hervorragende Fachleute und wertvolle Inhalte. Aber wir müssen zwischen einem Ausschnitt und einer Lebensrealität unterscheiden.
Vielleicht haben wir auch deshalb begonnen, Welpenhaltung zunehmend wie ein Projekt zu betrachten. Der Welpe zieht ein und soll möglichst schnell stubenrein werden, sozialisiert sein, Autofahren lernen, an der Leine gehen, erste Signale beherrschen, Besucher kennenlernen, anderen Hunden begegnen, alleinbleiben üben, im Restaurant liegen und selbstverständlich nachts durchschlafen.
Irgendwann steht dann womöglich ein erschöpfter Mensch vor einem erschöpften Welpen – und beide erfüllen die Erwartungen nicht.
Dabei braucht ein junger Hund nicht möglichst viele Erlebnisse.
Er braucht angemessene und verarbeitbare Erfahrungen.
Die frühe Sozialisationsphase ist entwicklungsbiologisch bedeutsam; zugleich geht es bei guter Sozialisation nicht darum, einen Welpen wahllos mit möglichst vielen Reizen zu konfrontieren. Fachliche Empfehlungen betonen positive beziehungsweise sichere und dem Tier angemessene Erfahrungen, bei denen der Welpe Gelegenheit erhält, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen. (AVMA)
Mehr ist deshalb nicht automatisch besser.
Schneller ist nicht automatisch erfolgreicher.
Und Ruhe ist keine verlorene Trainingszeit.
Genau deshalb sollten wir bereits vor der Anschaffung nicht nur darüber sprechen, was ein Welpe alles lernen soll, sondern auch darüber, wie Lernen und Entwicklung beim jungen Hund überhaupt funktionieren. Die frühe Entwicklung des Hundes umfasst verschiedene Entwicklungsperioden; insbesondere die Sozialisationsphase fällt in eine Zeit erheblicher neurologischer und verhaltensbezogener Entwicklung. (Frontiers)
Entwicklung verläuft dabei nicht wie das Abarbeiten einer Checkliste. Ein junger Hund bringt noch keine fertig entwickelte Frustrationstoleranz, Impulskontrolle oder Alltagssicherheit mit. Lernen, Erfahrung, Reifung und Beziehung brauchen Zeit.
Und auch Menschen brauchen die Erlaubnis, nicht perfekt zu sein.
Denn gerade in den ersten Wochen bewerten viele sich erstaunlich schnell selbst. Kann der Welpe noch nicht alleinbleiben, haben sie vermeintlich versagt. Macht er in die Wohnung, haben sie etwas falsch gemacht. Beißt er in Hände, stimmt angeblich etwas mit seiner Entwicklung nicht. Zieht er an der Leine, muss sofort ein Trainingsproblem gelöst werden. Bellt er einen anderen Hund an, entsteht womöglich schon die Sorge vor dem späteren „Problemhund“.
So kann aus einem eigentlich besonderen Lebensabschnitt ein permanenter Leistungstest werden.
Dabei ist Hundehaltung keine Prüfung.
Und ein Welpe ist kein Zeugnis über die Kompetenz seines Menschen.
Natürlich bedeutet das nicht, Schwierigkeiten zu ignorieren oder jedes Verhalten mit „der ist halt noch klein“ abzutun. Gute Begleitung bedeutet gerade, unterscheiden zu können:
Was gehört zur Entwicklung? Wo sollte etwas verändert werden? Und wann braucht es professionelle Unterstützung?
Manchmal ist der wertvollste Satz eines erfahrenen Züchters oder Trainers deshalb nicht:
„Mach jetzt Übung A, B und C.“
Manchmal lautet er schlicht:
„Das, was du gerade beschreibst, ist in diesem Alter und unter diesen Umständen nachvollziehbar.“
Und manchmal muss er ebenso klar lauten:
„Nein, das würde ich mir genauer ansehen.“
Beides schafft Orientierung.
Für mich endet deshalb die Verantwortung eines Züchters nicht mit der Übergabe des Welpen. Ich kann einen Welpen sorgfältig aufziehen, gesundheitlich bestmöglich vorsorgen, ihm angemessene Erfahrungen ermöglichen und seine Entwicklung beobachten – wenn seine Menschen anschließend mit ihren Fragen alleinbleiben, fehlt für mich ein entscheidender Teil.
Gerade nach dem Auszug entstehen Fragen, die vorher niemand stellen konnte, weil man sie noch gar nicht kannte.
Dann kommt die Nachricht:
„Ist das normal?“
Oder:
„Warum macht er plötzlich das?“
Oder manchmal nur:
„Heute ist alles furchtbar.“
Und genau dann sollte jemand erreichbar sein, der den Hund im besten Fall bereits seit seiner Geburt kennt und nicht nur das Verhalten, sondern auch den Menschen dahinter ernst nimmt.
Denn Welpenblues bedeutet nicht, dass ein Mensch seinen Hund nicht liebt.
Liebe schützt nicht vor Erschöpfung.
Vorfreude schützt nicht vor Überforderung.
Und eine bewusste Entscheidung für einen Hund bedeutet nicht, dass jeder einzelne Tag danach wunderschön sein muss.
Man kann einen Welpen lieben und trotzdem an einem Abend denken:
„Ich kann heute einfach nicht mehr.“
Das darf nebeneinander existieren.
Problematisch wird es, wenn Menschen glauben, mit diesem Gefühl allein zu sein, sich dafür schämen und deshalb keine Unterstützung suchen.
Und vielleicht liegt genau hier unsere größte Chance: nicht erst über Welpenblues zu sprechen, wenn jemand bereits verzweifelt ist, sondern vorher.
Ehrlich.
Ohne Horrorszenarien, aber auch ohne rosarote Verpackung.
Wer Menschen auf das Leben mit einem Welpen vorbereitet – insbesondere verantwortungsvolle Züchterinnen und Züchter, Hundetrainerinnen und Hundetrainer sowie andere qualifizierte Fachpersonen – sollte dabei mehr leisten als reine Organisationshilfe.
Es reicht nicht, zukünftigen Hundehaltern nur zu erklären, was sie kaufen müssen. Wir, die wir Menschen fachlich auf einen Welpen vorbereiten und begleiten, sollten ihnen auch erklären, was sie möglicherweise erleben und beobachten werden.
Wir sollten ihnen nicht nur zeigen, wie Verhalten trainiert werden kann. Wir sollten ihnen helfen, Verhalten zu verstehen.
Und wir sollten nicht versprechen, dass alles einfach wird, sondern vermitteln, dass Schwierigkeiten nicht automatisch bedeuten, dass alles falsch läuft.
Gerade Züchterinnen und Züchter tragen aus meiner Sicht eine besondere Verantwortung, weil sie den Welpen häufig von Geburt an kennen und zugleich die Menschen begleiten, zu denen dieser Hund später ziehen wird.
Auch bei der Auswahl eines Welpen sollte deshalb häufiger gefragt werden:
Welcher Hund passt zu diesem Menschen?
Und nicht ausschließlich:
Welcher Mensch möchte diesen Hund?
Rasse, Linie, Temperament, Alltag, Erwartungen und Lebensumstände gehören zusammen betrachtet. Ein Hund muss nicht nur optisch gefallen. Seine Eigenschaften sollten zu einem Leben passen. Und auch innerhalb eines Wurfes kann es deshalb sinnvoll sein, nicht allein nach Farbe, Geschlecht oder danach zu entscheiden, welcher Welpe beim ersten Besuch als Erster auf dem Schoß sitzt.
Genau dort beginnt für mich verantwortungsvolle Zucht.
Nicht erst mit der Geburt.
Und sie endet nicht mit der Abgabe.
Sie umfasst Wissen, Beobachtung, Auswahl, Vorbereitung und Begleitung.
Vielleicht können wir Welpenblues nicht vollständig verhindern. Das wäre ein Versprechen, das weder fachlich noch wissenschaftlich haltbar wäre. Ein Lebewesen verändert einen Alltag – und Veränderung kann anstrengend sein.
Aber wir können Menschen besser vorbereiten.
Wir können Erwartungen realistischer machen. Wir können ihnen helfen, ihren Hund lesen zu lernen. Wir können ihnen zeigen, wo sie fundiertes Wissen finden. Und wir können erreichbar bleiben.
Vor allem können wir aufhören, den perfekten Welpenstart zu verkaufen.
Denn vielleicht ist ein guter Welpenstart gar nicht der, bei dem nach vier Wochen alles funktioniert.
Vielleicht ist es der, bei dem ein Mensch zunehmend versteht, warum sein Hund etwas tut – und ein junger Hund zunehmend erfährt, dass dieser Mensch ihm Sicherheit, Orientierung und Zeit gibt.
Dann entsteht etwas, das keine Checkliste und kein Dreißig-Sekunden-Video abbilden kann:
Beziehung.
Denn Liebe zu einem Welpen sieht nicht an jedem Tag nach purem Glück aus. Manchmal sieht Liebe einfach nur ziemlich müde aus. Und vielleicht ist genau das in Ordnung, solange aus Überforderung Verständnis werden darf und aus zwei, die sich erst kennenlernen müssen, irgendwann ein echtes Team.