„Spielsucht“ bei Hunden? Studie zu suchtartigen Verhaltensweisen beim Spielen
Inhalt
- Studie: Suchtähnliche Verhaltensmuster bei Hunden mit extremer Spielmotivation
- Suchtähnliche Merkmale: Der AB-T-Score
- Wie die Forscher das testeten: Der Versuchsaufbau
- Die wichtigsten Befunde
- Parallelen zur menschlichen Spielsucht?
- Wann ist Spiel noch gesund – und ab wann wird es kritisch?
- Was du als Hundehalter tun kannst
- Fazit: Spieltrieb ja – aber Fixierung im Blick behalten
Studie: Suchtähnliche Verhaltensmuster bei Hunden mit extremer Spielmotivation
Erschienen ist die Arbeit 2025 im Fachjournal Scientific Reports – Titel: «Addictive-like behavioural traits in pet dogs with extreme motivation for toy play».
Alja Mazzini, Katja Senn, Federico Monteleone und Stefanie Riemer von der Universität Bern haben sich 105 Haushunde vorgenommen, die auffällig intensiv auf Spielzeug reagieren. Mit Verhaltenstests und Halterfragebögen gingen sie der Frage nach, ob diese Hunde ähnliche Kriterien erfüllen wie Menschen mit Verhaltenssüchten – also Abhängigkeiten ohne Substanz, wie Spielsucht oder Gaming-Sucht.
Konkret wollten sie wissen: Zeigen solche Hunde Verlangen (Craving), mangelnde Selbstkontrolle oder eine übersteigerte Fixierung auf ihr Spielzeug – und damit echte Parallelen zu menschlichen Suchtmechanismen?
Suchtähnliche Merkmale: Der AB-T-Score
Damit die Ergebnisse vergleichbar wurden, entwickelten die Forschenden den sogenannten AB-T-Score (Addictive-like Behaviour Tendency Score). Er fasst zusammen, wie ausgeprägt suchtähnliche Merkmale bei einem Hund in Tests und Fragebögen auftreten.
High-AB Hunde schnitten auf dieser Skala hoch ab. Sie waren extrem auf ihr Spielzeug fixiert, kaum ablenkbar – und machten weiter, selbst wenn das eigentlich keinen Sinn mehr ergab.
Low-AB Hunde dagegen lagen niedrig. Freude am Spiel war da, aber kein zwanghaftes oder unkontrolliertes Verhalten.
Wichtig: „High-AB“ bedeutet nicht, dass ein Hund süchtig ist. Es heisst lediglich, dass er in bestimmten Situationen stärker suchtähnliche Tendenzen zeigt als andere.
Vier Verhaltensweisen standen im Mittelpunkt: Erstens starkes Craving – intensives Verlangen nach dem Spielzeug, begleitet von Unruhe und Muskelspannung. Zweitens hohe Salienz: Der Hund blendet andere Reize wie Futter oder Ansprache aus, weil das Spielzeug alles dominiert. Drittens mangelnde Selbstkontrolle, sobald das Spielzeug nicht erreichbar ist. Und viertens Beharrlichkeit – weitermachen, obwohl das Ziel schlicht unerreichbar bleibt.
Wie die Forscher das testeten: Der Versuchsaufbau
Der Testraum mass etwa 3,6 × 3,36 Meter. Eine Holztrennwand teilte ihn in zwei Bereiche. Im Inneren standen zwei Stühle, mehrere Regale und eine durchsichtige Kiste – die sogenannte unsolvable task box – in der Spielzeug oder Futter verstaut werden konnte. In mehreren Subtests wurde das Spielzeug eingeschlossen, sodass der Hund es zwar sah, aber nicht herankam. Vier Kameras zeichneten jede Bewegung auf.
Zu Beginn zeigte der Versuchsleiter eine Auswahl handelsüblicher Spielzeuge – Bälle, Zerrspielzeuge, Plüschtiere. Der Halter wählte drei aus, die dem Hund besonders am Herzen lagen. Spielzeuge mit Futterbezug wurden bewusst ausgeschlossen, damit Spielmotivation und Fresstrieb sauber getrennt blieben.
Die drei Spielzeuge kamen mit 40 cm Abstand auf den Boden. 30 Sekunden durfte der Hund frei wählen. Das bevorzugte Stück wurde dann für den weiteren Testverlauf verwendet.
Insgesamt umfasste der Versuch 14 Untertests – alle darauf ausgerichtet, Reaktionen auf die Nichtverfügbarkeit des Spielzeugs zu beobachten. Genau in diesen Momenten, wenn der Hund das Spielzeug durch die durchsichtige Kiste sehen, aber nicht erreichen konnte, zeigte sich, ob Spielsucht-ähnliche Elemente vorhanden waren.
Die wichtigsten Befunde
Von 105 getesteten Hunden zeigten 33 eine hohe Tendenz zu suchtähnlichem Verhalten. Vier Bereiche fielen besonders ins Gewicht.
Beim Craving reagierten High-AB Hunde deutlich heftiger, wenn das Spielzeug entzogen wurde. Hecheln, Anspannung, kaum zur Ruhe kommen.
Bei der Salienz ignorierten sie Futter oder soziale Interaktion komplett, sobald das Spielzeug im Spiel war.
Die Selbstkontrolle zeigte klare Unterschiede: Low-AB Hunde gaben schneller auf. High-AB Hunde versuchten teils minutenlang, die verschlossene Kiste zu öffnen.
Und bei der Beharrlichkeit trotz Folgen: Laut Haltern spielten manche Hunde weiter, selbst wenn sie sich überanstrengten oder Verletzungsrisiken drohten.
Nicht alles liess sich übertragen. Phänomene wie Toleranzentwicklung, Entzugssymptome oder Rückfallverhalten waren im Rahmen der kurzen Tests nicht zu beobachten. Auch Stimmungsmodifikation – also Spielen, um sich besser zu fühlen – zeigte keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.
Parallelen zur menschlichen Spielsucht?
Die Studie stellt keine Diagnose „Spielsucht“ bei Hunden. Aber bestimmte Gemeinsamkeiten lassen sich schlicht nicht wegdiskutieren.
Neurologische Grundlagen
Intensives Spielverhalten hängt bei Hunden wie beim Menschen eng mit Neurotransmittern zusammen – Dopamin, Endorphine, Cannabinoide. Diese Systeme vermitteln Belohnung und Motivation, ähnlich wie bei Nahrungs- oder Drogenreizen.
Kriterien der Verhaltenssucht
33 der 105 untersuchten Hunde – die sogenannten High-AB Dogs – zeigten im Verhaltenstest deutlich erhöhte Werte beim Craving: starke Fixierung, Unruhe, Muskelspannung. Bei der Salience vernachlässigten sie andere Reize zugunsten des Spielzeugs.
Beim Lack of self-control hatten sie Mühe, das Spiel zu unterbrechen – selbst wenn das Spielzeug längst unerreichbar war.
Besonders bemerkenswert: ihre Beharrlichkeit trotz widriger Folgen. High-AB Hunde starrten länger auf das Spielzeug oder kratzten länger an der Kiste, auch wenn sich Gelenke und Bänder dabei beschwerten. Das erinnert an Menschen mit Verhaltenssüchten, die ihre Aktivität trotz offensichtlicher negativer Konsequenzen nicht lassen können.
Eine weitere Parallele: Auch viele menschliche Verhaltenssüchte – Glücksspielsucht zum Beispiel – beginnen als harmloses Spiel. Bei Hunden könnte eine überschiessende Spielmotivation ähnliche Mechanismen in Gang setzen.
Einschränkungen und Unterschiede
Nicht messbare Kriterien: Toleranz, Entzug oder Rückfall liessen sich im kurzen Testformat nicht erfassen.
Mensch-spezifische Kriterien sind schlicht nicht übertragbar – etwa Probleme im sozialen Umfeld oder am Arbeitsplatz, oder das Verschweigen des eigenen Verhaltens gegenüber nahestehenden Personen.
Bei den Überschneidungen mit anderen Phänotypen zeigt sich: Intensives Spielverhalten kann auch Ähnlichkeiten zu Hyperfokus, ADHS-Symptomen oder Zwangsverhalten aufweisen. High-AB Hunde zeigten teilweise hohe Impulsivität und Aktivität – weitere Forschung ist nötig, um reine Spielsucht sauber abzugrenzen.
Wann ist Spiel noch gesund – und ab wann wird es kritisch?
Nicht jedes intensive Spielverhalten ist problematisch. Spieltrieb gehört zum Hund: Er stärkt die Bindung, baut Stress ab, sorgt für Auslastung. Kritisch wird es erst dann, wenn Spielzeug andere Bedürfnisse verdrängt oder das Verhalten zwanghaft wirkt.
Anzeichen, auf die du achten kannst
Dein Hund reagiert beim Spielen kaum noch auf dich oder auf Futter. Er wird unruhig, sobald das Spielzeug weg ist. Er spielt bis zur Erschöpfung oder ignoriert Schmerzen. Er fordert das Spielzeug ständig ein – und kann einfach nicht abschalten.
Was du als Hundehalter tun kannst
Abwechslung hilft: Verschiedene Spielzeuge, wechselnde Spiele – das beugt Monotonie vor und verhindert, dass sich eine zu starke Fixierung auf einzelne Gegenstände aufbaut.
Beim Impulskontrolltraining lohnt es sich, Signale wie „Warten“, „Aus“ oder „Stopp“ konsequent zu üben. Das stärkt die Selbstregulation.
Nach dem Spielen braucht der Hund Zeit zum Runterkommen. Ruhephasen aktiv fördern, das Erregungsniveau senken – das ist kein Luxus, sondern Teil eines gesunden Alltags.
Ergänze reine Spielzeug-Sessions durch Suchspiele, Nasenarbeit oder soziale Interaktion. Diese Vielfalt macht einseitige Fixierungen weniger wahrscheinlich.
Und: Beobachte Veränderungen im Verhalten deines Hundes. Bleibt er übermässig fixiert, ist eine Hundetrainerin oder ein Verhaltensexperte die richtige Anlaufstelle.
In unseren entsprechenden Beiträgen findest du ausführlichere Tipps
- Der Spielzeug-Dschungel oder: Wie viel Chram braucht dein Hund wirklich?
- Balljunkie – Wenn Dein Hund nicht genug vom Ballspielen bekommt
- Ruhetraining für Hunde – so findet Dein Hund innere Balance
- Ruhetraining für Hunde: Anleitung, Übungen & Tipps für echte Entspannung
- Impulskontrolle bei Hunden, die Kunst der Selbstbeherrschung
Fazit: Spieltrieb ja – aber Fixierung im Blick behalten
Die Studie der Universität Bern zeigt: Rund ein Drittel der untersuchten Hunde kann suchtähnliche Spielmuster entwickeln – auch wenn das im medizinischen Sinne keine „Sucht“ ist. Spiel bleibt wichtig. Aber Mass und Balance entscheiden. Ein gesunder Hund spielt mit Begeisterung – und kann das Spielzeug am Ende auch wieder loslassen.
- Mazzini, A., Senn, K., Monteleone, F. & Riemer, S. (2025): Addictive-like behavioural traits in pet dogs with extreme motivation for toy play. Scientific Reports, 15, 32613. DOI: 10.1038/s41598-025-18636-0
- Mazzini et al. (2025): PMC-Volltext (Open Access), PMC12511593. PubMed Central / NLM.
- Bhatt, D.L. et al. (2017): Endocannabinoid Regulation of Reward and Reinforcement through Interaction with Dopamine and Endogenous Opioid Signaling. Neuropsychopharmacology, 42(1). DOI: 10.1038/npp.2017.126
- phys.org (2025): Dogs can be hooked on toys in ways that resemble human addiction. Phys.org Science News.
- Science News (2025): Toy-obsessed dogs give clues to addictive behaviors. sciencenews.org.