Abschied unter Artgenossen: Sollte der Zweithund beim Einschläfern dabei sein?
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Wenn in einem Mehrhundehaushalt ein Hund eingeschläfert werden muss, steht für die Menschen nicht nur die schwere Entscheidung über den richtigen Zeitpunkt im Raum. Oft stellt sich auch eine andere Frage: Soll der Zweithund beim Einschläfern dabei sein? In diversen Empfehlungen heisst es, die Möglichkeit, den verstorbenen Artgenossen noch einmal zu sehen und zu beschnüffeln, wäre eine Form von Abschied.
Aber brauchen Hunde so etwas tatsächlich oder neigen wir bei dem Thema wie so oft zur Vermenschlichung? Wie sinnvoll ist es, wenn ein Hund hautnah miterlebt, wie sein Sozialpartner stirbt? Eine Euthanasie ist nicht nur für die beteiligten Menschen eine belastende Situation – sämtliche Gefühle können sich auf den verbleibenden Hund übertragen.
Was geht in einem Hund vor, wenn er seinen Sozialpartner verliert?
Wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema „Abschied unter Hunden“ gibt es bislang nur wenige. Doch die wenigen existierenden zeigen, dass Hunde durchaus auf den Tod eines vertrauten Artgenossen reagieren.
Die Studie „Domestic dogs (Canis familiaris) grieve over the loss of a conspecific“ (Uccheddu et al., 2022) liefert einige der wichtigsten Erkenntnisse hierzu. Dafür wurden 426 Halter von mindestens zwei Hunden, von denen einer verstorben war, befragt.
Die Halter berichteten beim überlebenden Hund unter anderem von
- Verringertes Spiel- und Aktivitätsverhalten
- Mehr Schlaf
- Verstärktes Einfordern von Aufmerksamkeit
- Erhöhte Ängstlichkeit
- Verändertes Fressverhalten (teils gesteigerter, teils verminderter Appetit)
- Mehr Lautäusserungen (z.B. Winseln, Bellen)
Dass Hunde auf ihre eigene Weise trauern, bezweifelt vermutlich niemand.
Was die einzelnen Reaktionen konkret bedeuten und ob ein anderer Hund bei der Euthanasie anwesend sein sollte, lässt sich daraus jedoch nicht eindeutig ableiten. Denn in der Studie war es kein Kriterium, ob der Zweithund beim Einschläfern dabei war oder ob er sich auf irgendeine Weise vom verstorbenen Hund „verabschieden“ konnte.
Verstehen Hunde, dass ein Artgenosse stirbt?
Es gibt Hinweise darauf, dass Hunde Veränderungen eines kranken oder sterbenden Tieres erkennen. Sie haben einen extrem guten Geruchssinn und können körperliche Veränderungen, Gerüche, Bewegungsmuster und Verhaltensänderungen wahrnehmen, die wir gar nicht registrieren.
Eine besonders interessante Untersuchung dazu veröffentlichten George E. Dickinson und Heath C. Hoffmann 2016 unter dem Titel The Difference Between Dead and Away: An Exploratory Study of Behavior Change During Companion Animal Euthanasia. Die Forscher befragten 153 Tierärzte in South Carolina danach, ob sie bei Tieren Veränderungen im Verhalten beobachtet hatten, während ein anderes Tier euthanasiert wurde.
54 % der Tierärzte berichteten über akute Verhaltensänderungen beim verbleibenden Tier, unter anderem plötzliches Stillwerden, Unruhe oder Lautäusserungen (Winseln, Bellen).
Auf dieser Basis kam es zu 87 unterschiedlichen Erklärungen für ebendieses Verhalten. Die häufigsten im Überblick:
| Erklärung | Wie häufig genannt |
|---|---|
| Trauer und Empathie | 24 % |
| Reaktion auf die Emotionen der Menschen | 20 % |
| Reaktion auf körperliche oder emotionale Veränderungen des euthanasierten Tieres | 14 % |
| Veränderung der sozialen Gruppe bzw. des Haushalts | 9 % |
| Wahrnehmung von Geruchs- oder chemischen Veränderungen | 8 % |
| Angst oder Stress durch die Situation | 7 % |
| „Freisetzung des Geistes“ | 5 % |
| Neugier | 2 % |
| Instinkt | 2 % |
| Andere | 9 % |
Trotzdem zeigt auch diese Studie nicht, dass Hunde den Tod als solchen verstehen oder den Moment der Euthanasie als „letzten Abschied“ wahrnehmen.
Die Autoren der Studie selbst weisen sogar darauf hin, dass die Interpretation von Tierverhalten schwierig ist und es wissenschaftlich nicht sauber ist, menschliche Vorstellungen auf das Verhalten von Hunden zu übertragen (Anthropomorphismus/Vermenschlichung).
Menschliche Emotionen spielen bei der Euthanasie eine wichtige Rolle
In der Studie von Uccheddu et al. von 2022 war die Trauer und insbesondere auch Ärger des Halters ein Prädiktor dafür, dass der überlebende Hund nach dem Tod des Artgenossen Verhaltensveränderungen zeigte. Die Autoren diskutieren ausdrücklich, dass ein Teil der Reaktion des Hundes möglicherweise mit dem emotionalen Zustand des Menschen zusammenhängt.
Eine Euthanasie ist für alle Beteiligten eine Ausnahmesituation, eine aussergewöhnlich emotionale noch dazu. Trauer, Angst, Anspannung oder Verzweiflung verändern das eigene Verhalten deutlich.
Hunde wiederum nehmen unsere Körpersprache, Stimme und Stimmung sehr genau wahr.
Das bedeutet nicht, dass die Emotionen des Menschen zwangsläufig dafür verantwortlich sind, wenn ein Hund während der Euthanasie unruhig wird oder sich plötzlich anders verhält. Die Studie kann diesen Zusammenhang nicht beweisen. Sie zeigt aber, dass wir die Situation nicht isoliert betrachten sollten. Für den Zweithund verändert sich nicht nur sein Artgenosse. Auch sein Mensch verhält sich plötzlich anders und die gesamte Situation ist ungewöhnlich.
Damit kommen bei der Entscheidung im Grunde zwei weitere Faktoren ins Spiel: der Mensch und der Hund.
Wie emotional ist der Mensch?
Wenn Du weisst, dass Du während der Euthanasie wahrscheinlich sehr aufgewühlt sein wirst, stark weinen oder Dich nur schwer auf Deinen Hund konzentrieren kannst, ist es sinnvoller, den Zweithund nicht mit in diese Situation zu nehmen.
Das bedeutet nicht, dass Du Deine Gefühle verstecken solltest. Im Gegenteil. Du musst dann während des Abschieds nicht für Deinen anderen Hund „funktionieren“.
Wenn du bedenkst, dass deine eigene emotionale Belastung möglicherweise auch auf deinen mit anwesenden Hund wirkt, mutest du euch beiden vielleicht zu viel zu.
Wie sensibel ist der verbleibende Hund?
Der zweite Faktor ist natürlich der Hund selbst. Hunde reagieren sehr unterschiedlich auf ungewohnte Situationen. Ein gelassener Hund, der Veränderungen gut verarbeitet und bereits während der Erkrankung seines Artgenossen im Alltag stets ruhig bleibt, bewältigt die Situation der Anwesenheit bei einer Euthanasie möglicherweise problemlos.
Ein sehr sensibler oder schnell gestresster Hund wird dagegen durch ungewohnte Umgebung, die Emotionen der Menschen und die Veränderungen beim anderen Hund im Vergleich zusätzlich verunsichert.
Die Dinge differenzieren
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht „Braucht der Hund einen Abschied?“, sondern eher „Welche Vorgehensweise ist für beide Hunde unter den gegebenen Umständen am stressärmsten?„.
Die Hauptpriorität sollte darauf liegen, den sterbenden Hund zu begleiten.
Bei der Frage nach einem möglichen Abschied unter den Hunden (wenn auch nicht wissenschaftlich belegt) ist ausserdem eine weitere Unterscheidung sinnvoll: Die Euthanasie selbst ist keine gute Gelegenheit für einen ruhigen Abschied.
Wenn Du Deinem Hund die Möglichkeit geben möchtest, seinen verstorbenen Artgenossen noch einmal wahrzunehmen, muss das deshalb nicht während der Euthanasie geschehen. Ein anschliessender, ruhiger Kontakt ist etwas anderes als das Miterleben des Sterbevorgangs.
Nach der Euthanasie kann der Zweithund, sofern es die Situation zulässt (die meisten Tierarztpraxen würden das ermöglichen), den verstorbenen Hund noch einmal sehen und beschnüffeln. Dabei sollte er selbst entscheiden können, ob er sich nähert und wie lange er dort bleiben möchte. Vielleicht schnüffelt er nur kurz und geht wieder. Vielleicht untersucht er seinen Artgenossen länger. Vielleicht zeigt er überhaupt kein Interesse.
Keine dieser Reaktionen ist als bewusster „Abschied“ zu interpretieren. Dennoch kann der Hund dabei Informationen über den Körper aufnehmen und feststellen, dass sein Sozialpartner nicht mehr reagiert.