Gesundheit & Pflege

Die Macht des vertrauten Geruchs: Was im Gehirn deines Hundes passiert, wenn er dich riecht

5 Min Lesezeit
Die Macht des vertrauten Geruchs: Was im Gehirn deines Hundes passiert, wenn er dich riecht
Inhalt
  1. Studie „Scent of the Familiar“ – Der Geruch des Vertrauten
  2. Die fünf Geruchsproben
  3. Der Nucleus Caudatus: Das Belohnungszentrum im Hundegehirn

Hunde erkennen uns am Geruch – das weiß eigentlich jeder, der schon mal einen Hund hatte. Aber was genau passiert dabei im Kopf des Tieres? Forscher der Emory University haben sich das mit funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) sehr genau angeschaut – und die Ergebnisse sind ziemlich verblüffend. Vertraute Gerüche aktivieren das emotionale Zentrum im Hundegehirn, und zwar auf eine Weise, die stark an eine Belohnungsreaktion erinnert. Der eigene Mensch riecht offenbar nach mehr als nur Mensch.

Studie „Scent of the Familiar“ – Der Geruch des Vertrauten

Die Grundlage für all das ist eine Studie, die in der Hundeneurowissenschaft heute niemand mehr ignoriert:

Gregory S. Berns et al. (2015): „Scent of the familiar: An fMRI study of canine brain responses to familiar and unfamiliar human and dog odors“, erschienen im Journal Behavioural Processes.

Was das Team damals geleistet hat, war technisch gesehen keine Kleinigkeit. Hunde im wachen Zustand in einen MRT-Scanner zu bringen – ohne Sedierung, ohne Fixierung, einfach so, weil sie mitmachen wollen – klingt nach einer ziemlich verrückten Idee. Und trotzdem hat es funktioniert. Berns und seine Kollegen trainierten mehrere Hunde über Monate, freiwillig den Kopf in eine spezielle Halterung zu legen und ruhig liegen zu bleiben, während das Gerät dröhnte und ratterte. Wer schon mal mit dem eigenen Hund an einem lauten Staubsauger vorbeigelaufen ist, kann ungefähr erahnen, was das bedeutet.

Die Studie gilt bis heute als Grundstein der modernen Hundeneurowissenschaft. Sie hat erstmals messbar gemacht, dass Hunde bekannte Gerüche nicht nur registrieren – ihr Belohnungszentrum, der sogenannte Nucleus Caudatus, reagiert besonders stark, wenn sie den Geruch ihrer Bezugsperson wahrnehmen.

Die vollständige Studie findest du unter anderem hier:

Studie bei sciencedirect.com

Studie auf researchgate.net

Ziele der Forschung

Die Wissenschaftler wollten eine schlichte, aber bisher unbeantwortete Frage klären: Was passiert im Hundehirn, wenn ein Hund riecht? Nicht theoretisch, sondern messbar. Konkret untersuchten sie mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), wie das Hundegehirn auf verschiedene Düfte reagiert – von bekannten und fremden Menschen, von Artgenossen aus dem eigenen Haushalt oder von gänzlich unbekannten Hunden.

Damit die Messungen überhaupt aussagekräftig waren, mussten die Hunde wach, entspannt und – das ist der knifflige Teil – völlig unbeweglich im lauten Scanner liegen. Das Training dafür war intensiv: Die Tiere gewöhnten sich schrittweise an die enge Röhre, den Lärm und sogar an Ohrenschützer.

Weil im dröhnenden MRT kein Klicker zu hören gewesen wäre, ersetzte ein Handsignal das sonst übliche Trainings-Hilfsmittel. Das Handzeichen bedeutete: Gleich gibt’s was – und half nebenbei, im Gehirn jene Region zu finden, die auf positive Erwartungen anspringt.

Der Versuchsaufbau im Detail

Zwölf Hunde nahmen an der Untersuchung teil. Während sie im Scanner lagen, bekamen sie nacheinander verschiedene Gerüche präsentiert – jeweils rund drei Sekunden, mit kurzen Pausen dazwischen.

Die Geruchsproben kamen nicht aus dem Labor, sondern aus dem echten Alltag: Menschliche Gerüche wurden mit sterilen Mullbinden aus der Achselhöhle gewonnen – ohne Deodorant, versteht sich. Hundegerüche stammten aus der Perinealregion. Alle Proben wanderten in luftdicht verschlossene Mylar-Umschläge und wurden erst unmittelbar vor dem Test geöffnet.

Der Ablauf war streng kontrolliert: Der jeweilige Halter des Hundes wusste nicht, welcher Geruch gerade präsentiert wurde. Zwischen den einzelnen Darbietungen lagen 10 bis 15 Sekunden Pause, damit sich die Gehirnaktivität sauber zuordnen ließ.

Eingestreut wurden immer wieder zufällige Belohnungsdurchgänge – Handzeichen, dann Leckerli. Das hielt die Hunde motiviert und entspannt, ganz ohne Druck oder Zwang.

Die fünf Geruchsproben

Fünf klar definierte Kategorien standen auf dem Prüfstand:

  1. der eigene Geruch des Hundes
  2. der Geruch eines vertrauten Menschen (etwa ein Familienmitglied)
  3. der Geruch eines fremden Menschen
  4. der Geruch eines vertrauten Hundes aus demselben Haushalt
  5. der Geruch eines fremden Hundes

Keiner dieser Geruchsspender war während der Messung anwesend. Die Reaktion wurde ausschliesslich durch die Duftprobe ausgelöst – kein Sichtkontakt, kein Ton, nichts.

Und hier wird es interessant: Der Bulbus olfactorius, die Riechzentrale des Gehirns, reagierte auf alle Düfte ähnlich stark – er verarbeitet eben alles, was riecht. Im Nucleus Caudatus dagegen zeigte sich ein klares Muster: Die stärkste Reaktion erfolgte beim Geruch eines vertrauten Menschen. Stärker als bei bekannten Hunden, stärker sogar als beim eigenen Körpergeruch.

Die Forschenden schliessen daraus, dass Hunde vertraute Menschen nicht nur erkennen, sondern mit positiven Gefühlen verbinden – selbst wenn diese gar nicht im Raum sind.

Der Nucleus Caudatus: Das Belohnungszentrum im Hundegehirn

Der Nucleus Caudatus gehört zu den Basalganglien und ist bei vielen Tierarten ein zentraler Teil des Belohnungssystems. Er wird aktiv, wenn ein Lebewesen etwas Gutes erwartet – Futter, Lob, die Nähe eines vertrauten Wesens.

Bei Hunden springt dieser Bereich nicht nur auf Fressen an. Schon das Handzeichen für eine bevorstehende Belohnung lässt die Aktivität steigen. Und wenn der Hund den Geruch seines Menschen wahrnimmt, passiert dasselbe – ganz ohne Futter, ganz ohne direkten Kontakt.

Das Gehirn des Hundes reagiert also, als würde es sagen: „Das ist jemand, der mir wichtig ist.“ Eine positive Erwartung, ausgelöst allein durch einen Duft.

Was diese Erkenntnisse für uns bedeuten

Für Hunde ist der Geruchssinn kein reines Such- und Spürwerkzeug. Er ist ein emotionales Bindungsinstrument – vielleicht das wichtigste, das sie haben.

Wer einmal beobachtet hat, wie ein Hund sich in das Kissen seines Menschen vergräbt, an alten Schuhen schnüffelt oder eine liegengelassene Jacke als Schlafplatz wählt, der hat das eigentlich schon geahnt. Für den Hund sind das Duftanker der Geborgenheit – keine Einbildung, sondern Neurologie.

Die fMRT-Studie belegt: Hunde erkennen ihre Menschen nicht nur mit der Nase, sie verarbeiten deren Geruch tief emotional. Das Gehirn reagiert dabei auf eine Weise, die uns – wenn wir ehrlich sind – ziemlich vertraut vorkommt. Ähnlich wie wir, wenn wir jemanden sehen, den wir wirklich mögen.

Das ist kein sentimentaler Gedanke. Es ist ein neurologischer Befund – und ein ziemlich eindeutiger Beleg dafür, wie stark die Verbindung zwischen Mensch und Hund wirklich ist.