Schwanz ab und arm dran? Coupieren beim Hund
Obwohl in Deutschland, Österreich und der Schweiz verboten, begegnet man noch immer kupierten Hunden. Die Strafen reichen bis zu 25.000 Euro, die gesundheitlichen Folgen sind schwerwiegender als oft angenommen.
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Der Dobermann an der Hundeausstellung – Stehohren, Stummelschwanz, tadelloses Erscheinungsbild. Wer ihn so sieht, denkt vielleicht: typischer Dobermann. Dabei würden seine Ohren natürlich herabhängen, und sein Schwanz wäre lang und kräftig. Das Coupieren (in Deutschland meist Kupieren genannt) ist in der D-A-CH-Region seit Jahrzehnten verboten – und trotzdem begegnet man immer wieder Hunden, denen Ohren oder Schwanz chirurgisch verändert wurden.
Was passiert beim Coupieren von Hunden?
Vereinfacht gesagt: Ohren oder Schwanz werden operativ gekürzt oder ganz entfernt. Der Eingriff läuft unter Vollnarkose ab, mit einem speziellen Kupiermesser. Für Ohren kommen oft Schablonen zum Einsatz, die die gewünschte Stehform vorgeben – als würde man einen Hund nach Muster zuschneiden.
Welpen werden meist zwischen der 7. und 12. Lebenswoche kupiert, solange die Knorpel noch weich sind. Den Schwanz amputieren manche Züchter schon in den ersten Lebenstagen – und das teilweise ohne jede Betäubung.
Danach folgt das Nähen der Wunde und eine wochenlange Nachbehandlung. Stehohren brauchen zusätzlich eine aufwendige Tape-Konstruktion, damit sie tatsächlich aufrecht bleiben. Kein kleiner Eingriff – für einen Welpen schon gar nicht.
Warum wurden Hunde früher kupiert?
Die Erklärungen klingen im ersten Moment plausibel. Jagdhunde, so die überlieferte Begründung, sollten keinen langen Schwanz haben, der im Dornengestrüpp hängen bleibt und verletzt wird. Diese Geschichte hält sich hartnäckig – dabei zeigen neuere Studien, dass unkupierte Jagdhunde sich nicht häufiger am Schwanz verletzen als kupierte. Die Prämisse war also schlicht falsch.
Bei Kampfhunden sollten kurze Ohren angeblich weniger Angriffsfläche bieten. In Wirklichkeit ging es aber fast immer um Rassestandards und ein bestimmtes „hartes“ Aussehen – nicht um den Schutz des Tieres.
Heute wird kupiert, weil es so aussieht, wie ein Zuchtstandard es verlangt. Und diese Standards sind in vielen Ländern längst überholt. Trotzdem lassen manche Züchter ihre Hunde im Ausland kupieren, um sie anschliessend als „standardkonform“ in Deutschland zu verkaufen – eine Grauzone, die das Verbot gezielt umgeht.
Welche Strafen drohen beim Kupieren in Deutschland, Österreich und der Schweiz?
In Deutschland ist Kupieren nach §6 Tierschutzgesetz verboten. Wer gegen das Gesetz verstösst, riskiert Geldstrafen bis 25.000 Euro oder eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren. Eine Ausnahme gibt es: Tierärzte dürfen Jagdhunde kupieren, wenn diese tatsächlich im Jagdeinsatz verwendet werden.
Österreich ahndet Verstösse seit 2008 mit bis zu 7.500 Euro – und geht noch weiter: Ausstellungen, Import und Handel mit kupierten Hunden sind dort komplett untersagt. Wer einen kupierten Hund aus dem Ausland mitbringt, macht sich strafbar.
Die Schweiz verhängt Bussgelder bis 20.000 Franken oder bis zu drei Jahre Haft. Auch hier dürfen kupierte Hunde weder eingeführt noch ausgestellt werden.
Tierärzte, die trotzdem kupieren, verlieren zusätzlich ihre Approbation. In der Praxis werden allerdings viele Fälle nicht verfolgt – der Nachweis ist schwierig, besonders wenn der Eingriff im Ausland stattgefunden hat.
Welche gesundheitlichen Folgen hat das Coupieren?
Der vielleicht unterschätzteste Aspekt: chronische Nervenschmerzen. Bei amputierten Schwänzen entwickeln sich in rund 30 % der Fälle sogenannte Neurome – schmerzhafte Nervenwucherungen am Stumpf, die den Hund dauerhaft belasten können.
Kupierte Ohren heilen häufig schief, fallen trotz Taping wieder um, oder hinterlassen Narbengewebe und Entzündungen. Dazu kommt ein Verlust, der oft übersehen wird: Ohren und Schwanz sind zentrale Ausdrucksmittel der Hunde-Körpersprache. Ein Hund ohne funktionierenden Schwanz kann bestimmte Signale schlicht nicht mehr senden.
Das hat messbare Konsequenzen: Verhaltensstudien zeigen, dass Hunde mit kupiertem Schwanz von anderen Hunden und Menschen häufiger als aggressiv eingeschätzt werden – weil ihre beschwichtigenden Signale nicht mehr lesbar sind. Das führt zu mehr Konflikten im Alltag.
Und noch etwas: Viele Eingriffe finden ohne ausreichende Schmerzmedikation statt. Was das für ein junges Tier bedeutet, lässt sich nur erahnen – dauerhaft traumatisierende Erfahrungen in der frühen Prägephase sind keine Seltenheit.
Wie erkenne ich kupierte Hunde?
Kupierte Schwänze sind in der Regel nur wenige Zentimeter lang und enden abrupt. Wer unsicher ist: Natürliche Stummelruten, wie sie beim Australian Shepherd vorkommen, sehen anders aus und sind zudem mit Papieren belegbar. Narben am Stumpf können ein weiterer Hinweis sein.
Kupierte Ohren stehen unnatürlich gerade aufrecht und haben gerade, erkennbar geschnittene Kanten. Natürliche Stehohren – etwa beim Schäferhund – laufen spitz zu und sind narbenfrei.
Besondere Vorsicht ist bei Welpen aus dem Ausland geboten. Wer seriös züchtet, kann die Papiere der Elterntiere vorweisen und erklären, unter welchen rechtlichen Umständen im Herkunftsland kupiert wurde – falls das dort überhaupt erlaubt war.
Was können Hundehalter tun?
Keine Kompromisse beim Kauf: Wer bewusst einen kupierten Welpen kauft – auch aus Mitleid –, finanziert die Praxis mit. Das klingt hart, ist aber die Realität. Statt zu kaufen: das örtliche Veterinäramt informieren, wenn kupierte Welpen zum Verkauf angeboten werden.
Wer bereits einen kupierten Hund hat, steht vor anderen Aufgaben. Der Hund ist nicht „defekt“ – aber er braucht möglicherweise mehr Aufmerksamkeit im Kontakt mit Artgenossen, weil seine Körpersprache eingeschränkt ist. Beobachte ihn genau auf Anzeichen chronischer Schmerzen: Schonhaltung, Empfindlichkeit am Stumpf oder veränderte Stimmung können Hinweise sein.
Und schliesslich: Zuchtverbände, die ihre Standards überarbeitet haben, verdienen Unterstützung. Der Deutsche Boxer-Club ist ein konkretes Beispiel dafür, wie modernes Züchten ohne Kupieren aussehen kann – und funktioniert.