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Cambridge-Test & VDH-Fitnesstest: Alles, was du über Atemtests bei brachycephalen Hunden wissen musst

4 Min Lesezeit
Cambridge-Test & VDH-Fitnesstest: Alles, was du über Atemtests bei brachycephalen Hunden wissen musst
Inhalt
  1. Wozu spezielle Atemtests?
  2. Was ist der Cambridge-Test (Respiratory Function Grading Scheme)?
  3. Was ist der VDH-Fitnesstest?
  4. Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es?
  5. Welche Vorteile haben die Tests für die Hundezucht?
  6. Häufig gestellte Fragen
  7. Fazit

Brachycephale Hunderassen wie Mops, Französische oder Englische Bulldogge kämpfen strukturbedingt häufiger mit Atemproblemen als andere Rassen. Das Brachycephale Obstruktive Atemwegssyndrom – kurz BOAS – kann die Lebensqualität erheblich einschränken, manchmal sogar dramatisch. Damit Züchter das Risiko einschätzen und verantwortungsvoll handeln können, wurden in den letzten Jahren zwei wissenschaftlich geprüfte Verfahren etabliert: der Cambridge-Test (Respiratory Function Grading Scheme, RFGS) und der VDH-Fitnesstest.

Wozu spezielle Atemtests?

BOAS zeigt sich oft erst dann, wenn ein Hund wirklich gefordert wird. Im Alltag wirkt manches Tier entspannt – schnarcht halt ein bisschen –, doch beim Laufen, Spielen oder bei sommerlicher Hitze kann genau derselbe Hund schnell an seine Grenzen stossen. Eine Routineuntersuchung in der Praxis fängt das kaum ab. Standardisierte Belastungstests hingegen machen sichtbar, ob ein Hund die körperlichen Anforderungen von Zucht oder Alltagsleben wirklich bewältigt.

Was ist der Cambridge-Test (Respiratory Function Grading Scheme)?

Entwickelt wurde der Cambridge-Test an der Universität Cambridge in Zusammenarbeit mit dem britischen Kennel Club. Inzwischen ist er in vielen Ländern im Einsatz – UK, USA, Deutschland, Österreich und die Schweiz eingeschlossen.

Ablauf des Tests

  • Kurzer Fragebogen zum Atemverhalten des Hundes
  • Abhören (Auskultation) in Ruhe
  • Drei Minuten Trab auf dem Laufband oder im Flur
  • Erneute Auskultation und abschliessende Bewertung

Bewertung

  • Grad 0: Keine Anzeichen, klinisch unauffällig
  • Grad I: Leichte Geräusche, aber keine klinische Relevanz
  • Grad II: Moderate Einschränkungen, medizinisch relevant
  • Grad III: Schwere BOAS, dringender Handlungsbedarf

Der Test ist kurz, praxistauglich und international anerkannt. Züchter schätzen ihn vor allem, weil er nachvollziehbare, objektive Kriterien für die Zuchttauglichkeit liefert – und nicht bloss den subjektiven Eindruck des Untersuchers widerspiegelt.

Was ist der VDH-Fitnesstest?

Der VDH-Fitnesstest stammt aus der TiHo Hannover. Er ist aufwändiger als der Cambridge-Test – dafür liefert er ein deutlich detaillierteres Bild.

Ablauf

  • 15 Minuten Laufen auf dem Laufband im Wohlfühltempo
  • Kontrolle von Atemfrequenz, Geräuschen, Vitalparametern und Erholungszeit
  • Beurteilung, ob der Hund die Belastung ohne Atemprobleme durchhält

Ergebnisse aus Studien

  • Bei Möpsen trat BOAS häufig erst unter Belastung zutage – in Ruhe war nichts zu erkennen.
  • 68 % der getesteten Hunde bestanden den Test (Grad 0/1 und normale Erholung).
  • 32 % fielen durch – meist wegen BOAS, in einigen Fällen aber auch ohne eindeutige Symptome zuvor.

Der VDH-Fitnesstest macht also auch versteckte Atemprobleme sichtbar, die beim Cambridge-Test unentdeckt blieben.

Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es?

  • Finnland (2017–2022): Eine grosse Auswertung von BOAS-Testergebnissen zeigte: Je nach Rasse fielen 3 bis 11 % der Hunde durch. Die Erblichkeit von BOAS liegt bei 0,39 bis 0,58 – ein mittlerer bis hoher Wert. Das bedeutet: Durch gezielte Selektion lässt sich das BOAS-Risiko über Generationen spürbar reduzieren.
  • Kardiomarker (NT-proBNP): Bluttests bei Möpsen mit und ohne BOAS ergaben keine relevanten Unterschiede. Das Herz ist in den meisten Fällen nicht direkt betroffen; die Atemwegsproblematik bleibt das eigentliche Thema.
  • Internationale Nutzung: Der Cambridge-Test ist inzwischen in den USA, Australien und zahlreichen europäischen Ländern etabliert. In Deutschland und der Schweiz ist er für bestimmte brachycephale Rassen Teil der Zuchtordnung.

Welche Vorteile haben die Tests für die Hundezucht?

  • Objektive, vergleichbare Ergebnisse – unabhängig vom Untersucher
  • Erkennung auch versteckter BOAS-Fälle, die im Alltag nicht auffallen
  • Kein Zuchteinsatz für klinisch auffällige Hunde
  • Langfristige Verbesserung der Rassegesundheit über mehrere Generationen
  • Transparenz für Käufer durch dokumentierte Testergebnisse

Häufig gestellte Fragen

Ist der Cambridge-Test oder der VDH-Fitnesstest besser?

Das kommt auf den Zweck an. Der Cambridge-Test ist kürzer und international weit verbreitet. Der VDH-Fitnesstest geht tiefer und deckt Probleme auf, die sich erst bei längerer Belastung zeigen. Wer wirklich auf Nummer sicher gehen will, setzt beide ein – sie ergänzen sich.

Kann ein Hund den Test bestehen, obwohl er krank ist?

Durchaus möglich. In Ruhe unauffällige Hunde können beim Cambridge-Test Grad 0/1 erreichen und zeigen erst unter längerer Belastung Probleme. Genau deshalb ergänzt der VDH-Fitnesstest das Bild so sinnvoll.

Existieren genetische Tests gegen BOAS?

Einzelne Genvarianten sind bekannt – etwa die DVL2-Mutation bei Bulldoggen –, erklären aber längst nicht alle Fälle. BOAS ist multifaktoriell: Genetik, Anatomie und Umwelt spielen zusammen, und ein einziger Gentest greift da zu kurz.

Hilft eine Operation bei BOAS?

Chirurgische Eingriffe wie die Erweiterung der Nasenlöcher oder eine Gaumensegelkürzung können Symptome deutlich lindern. Die genetische Ursache beheben sie jedoch nicht. Langfristig bleibt die Zuchtselektion das wirksamste Mittel.

Sind alle brachycephalen Hunde krank?

Nein – das wäre eine unfaire Verallgemeinerung. Viele Hunde mit moderat geformtem Schädel haben keinerlei klinische Probleme. Das Ziel der Zucht ist es, durch konsequente Auswahl unauffälliger Tiere langfristig gesunde Linien zu fördern.

Fazit

Cambridge-Test und VDH-Fitnesstest sind heute unverzichtbare Werkzeuge, um das BOAS-Risiko bei Mops, Französischer und Englischer Bulldogge realistisch einzuschätzen. Der Cambridge-Test überzeugt durch seine Kürze und internationale Akzeptanz; der VDH-Fitnesstest punktet mit Tiefe und Detailgenauigkeit. Und die Daten aus Finnland sprechen eine klare Sprache: BOAS ist erblich – und durch gezielte Selektion über Generationen hinweg reduzierbar.