Warum ich Alltagstraining und Hundesport nicht trenne
Inhalt
- Alltag und Hundesport sind für mich kein Gegensatz
- Warum ruhiger Aufbau die Basis für alles war
- Sicherheit im Alltag ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit
- Auslösen ist erlaubt – Kontrollverlust nicht
- Warum Hundesport bei uns Alltag widerspiegelt
- Ruhe, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz als Schlüssel
- Ein Appell an das Mindset im Hundesport
Alltagstraining und Hundesport – für mich lassen sich die beiden schlicht nicht trennen. Das ist kein theoretisches Konzept, das ist unser Leben.
Carl hat von Anfang an eine Hybridrolle bei mir gehabt: bestimmte Assistenzaufgaben im Alltag – und dann stellte sich heraus, eine echte Leidenschaft für den Hundesport. Beides gehört für uns zusammen. So war das von Anfang an aber nicht.
Alltag und Hundesport sind für mich kein Gegensatz
Die ersten Monate bestanden fast ausschliesslich aus Ruhe. Wir haben sehr früh mit Impulskontrolle begonnen und fast ein Jahr lang in einer bewusst niedrigen Trieblage gearbeitet – und das betone ich gern. Kein Hochfahren, kein unnötiges Pushen. Sauberes, ruhiges Lernen. Grundlagen. Beziehung. Vertrauen.
Warum ruhiger Aufbau die Basis für alles war
Irgendwann kam dieser Moment, in dem ich gemerkt habe: Das Portfolio an Alltagsaufgaben, das ich von meinem Hund brauche, ist im Grunde ausgeschöpft. Ich bin trotz Rollstuhl ein sehr eigenständiger Mensch. Aber Carl hat mir etwas anderes gezeigt. Er hat mir klargemacht: Ich kann mehr. Ich will mehr. Ich habe diesen Arbeitswillen.
Über Freunde bekam ich erste tiefere Einblicke in den Hundesport. Gedanklich hatte ich mich damit schon länger beschäftigt – hauptsächlich mit der Frage, ob Hundesport im Rollstuhl überhaupt realistisch umsetzbar ist. Mit Carl wurde das schnell klar: Ich habe dafür den perfekten Begleiter. Einen Hund, der Lust hat, mitzudenken und zu arbeiten.
Rückblickend war entscheidend, dass wir von Anfang an den Alltag trainiert haben. Ruhig. Strukturiert. Ohne ihn hochzudrehen. Daraus ist eine extrem enge Bindung entstanden – wir beide wissen sehr genau, wie der andere tickt.
Sicherheit im Alltag ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit
Im Alltag übernimmt Carl Aufgaben, die für mich sicherheitsrelevant sind. Er hebt Dinge vom Boden auf, bringt sie mir, gibt sie mir in die Hand. Das klingt banal – ist es aber nicht. Wenn ich mich nach vorn beuge, kann es durch meine Polyneuropathie zu Spastiken kommen. Das kann dazu führen, dass ich aus dem Rollstuhl kippe.
Solche Situationen überlasse ich bewusst meinem Hund. Kontrolliert, zuverlässig, sicher.
Auslösen ist erlaubt – Kontrollverlust nicht
Carl ist gleichzeitig ein Hund mit hoher Arbeitsbereitschaft und entsprechendem Trieb. Das heisst auch: Es gibt Situationen, in denen er auslöst. Und das ist völlig in Ordnung. Auslösen ist ein natürlicher Abwehrmechanismus, an sich nichts Negatives – solange es kontrolliert bleibt.
Genau hier zeigt sich, wozu Impulskontrolle wirklich gut ist. Carl hat gelernt, bei einem Auslöser nicht unkontrolliert nach vorn zu schiessen, sondern in meiner Nähe zu bleiben. Er bleibt ansprechbar, gibt keinen massiven Druck auf die Leine – und bringt mich dadurch nicht in Situationen, die für mich gefährlich werden könnten. Jeder unkontrollierte Leinenzug ist für mich ein reales Risiko. Kein theoretisches.
Wie viel Kraft in diesem Hund steckt, habe ich sehr bewusst getestet. Ich habe Carl einmal mit einem Zuggeschirr an meinem Rollstuhl auf einer präparierten Strecke laufen lassen. Er hat mich dabei auf rund 30 km/h beschleunigt. Mein Rollstuhl und ich wiegen zusammen etwa 90 Kilogramm. Das zeigt sehr deutlich, über welches körperliche Potenzial wir hier reden.
Umso wichtiger, dass Auslösen nicht mit Kontrollverlust einhergeht. Impulskontrolle sorgt dafür, dass Kraft nicht ungerichtet freigesetzt wird – weder im Alltag noch im Sport.
Warum Hundesport bei uns Alltag widerspiegelt
Erst kürzlich hatten wir dieses Thema wieder in einer Trainingsbesprechung mit meinen Freunden, die mich auf dem Weg zum Mondioring begleiten. Es ging um Apportierarbeit. Für uns ist das nichts Neues – viele dieser Aufgaben machen wir im Alltag ohnehin. Deshalb fühlt sich ein grosser Teil des sportlichen Trainings für uns nicht wie Training an, sondern wie Alltag.
Wer sich die Aufgaben im Mondioring anschaut und sich ehrlich einmal selbst in einen Rollstuhl setzt, merkt schnell, wie nah dieser Sport an realen Alltagssituationen sein kann. Für mich bildet er vieles ab, was ich täglich mit meinem Hund brauche.
Ruhe, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz als Schlüssel
Carl ist ein triebstarker Hund. Er hat Leistungsbereitschaft, Will to please, Tempo. Aber er hat auch gelernt, runterzufahren. Das war von Anfang an ein Kernpunkt unserer Arbeit – gerade weil es Phasen gibt, in denen es mir gesundheitlich nicht gut geht. Dann muss mein Hund in der Lage sein, zur Ruhe zu kommen. Das ist keine Option, das ist Voraussetzung.
Impulskontrolle und Frustrationstoleranz sind im Hundesport essenziell – und für mich im Alltag unverzichtbar. Ich kann im Rollstuhl keinen Hund gebrauchen, der jedem Reiz nachgibt oder mich in gefährliche Situationen bringt. Genau deshalb ergänzen sich Alltagstraining und Hundesport bei uns so gut. Das eine macht das andere möglich.
Ein Appell an das Mindset im Hundesport
Für mich ist Hundesport kein Selbstzweck und keine Bühne. Er ist eine logische Konsequenz aus unserem Alltag. Und vielleicht auch der beste Beweis dafür, dass guter Hundesport nicht im Widerspruch zur Alltagstauglichkeit steht – sondern sie erst möglich macht.
Vielleicht ist das auch eine Einladung an alle, die nicht mit vergleichbaren gesundheitlichen Einschränkungen leben: die eigene Haltung zum Thema Hundesport nochmal ehrlich zu hinterfragen. Nicht im Sinne von höher, schneller, weiter – sondern im Sinne von Konsequenz und Verantwortung gegenüber dem eigenen Hund.
Viele Probleme, die im Alltag zwischen Mensch und Hund entstehen, würden möglicherweise gar nicht entstehen, wenn Training von Anfang an ehrlich wäre. Wenn man sich selbst nichts vormacht, dem Hund klare Strukturen gibt – und bereit ist, an sich genauso zu arbeiten wie am Tier. Das gilt unabhängig von der Disziplin.
Hundesport funktioniert wirklich nur dann, wenn man als Team zusammenarbeitet. Wenn Vertrauen keine Floskel ist, sondern Grundlage. Dieses Teamgefühl ist es, das aus meiner Sicht nicht nur sportliche Entwicklung ermöglicht – sondern auch ein stabiles, gutes Zusammenleben im Alltag.