Haltung & Alltag

Wenn die Psyche den Hundealltag verändert

Von Andrea Hemmert 8 Min Lesezeit
Wenn die Psyche den Hundealltag verändertQuelle: eigene · Andrea Hemmert
Inhalt
  1. Ein Hund kennt keine Diagnose. Er erlebt die Veränderung.
  2. Der Hund erlebt die Veränderung, nicht die Diagnose
  3. Wenn für den Alltag plötzlich die Kraft fehlt
  4. „Meld dich, wenn du etwas brauchst“ reicht manchmal nicht
  5. Ein Netzwerk entsteht oft, bevor man merkt, dass man eines braucht
  6. Und wenn der Mensch plötzlich ganz ausfällt?
  7. Hilfe hat auch Grenzen
  8. Hilfe anzunehmen ist kein Versagen
  9. Psychisch krank und trotzdem ein guter Hundehalter

Was psychische Krisen eines Menschen für seinen Hund bedeuten können und warum Hinsehen oft wichtiger ist als Urteilen

Der Gedanke zu diesem Artikel entstand nicht aus einem Lehrbuch, sondern aus einer Situation, die ich erst vor Kurzem in meinem Umfeld erlebt habe. Ein Mensch geriet in eine schwere psychische Krise und plötzlich stellte sich ganz praktisch die Frage, was in einer solchen Situation eigentlich mit dem Tier passiert.

Das hat mich länger beschäftigt. Nicht nur wegen dieses einen Erlebnisses, sondern weil mir dabei bewusst wurde, wie selten über die Tiere gesprochen wird, die mitten im Alltag eines psychisch erkrankten Menschen leben. Also habe ich angefangen, meine Gedanken dazu aufzuschreiben.

Ein Hund kennt keine Diagnose. Er erlebt die Veränderung.

Er weiß nicht, was eine Depression, eine Angststörung oder eine andere psychische Erkrankung ist. Was er aber sehr wohl wahrnimmt, ist sein Mensch.

Er merkt, wenn sich Stimme und Körpersprache verändern. Wenn Bewegungen hektischer oder langsamer werden. Wenn sein Mensch plötzlich viel schläft, sich zurückzieht, schneller gereizt reagiert oder kaum noch Energie hat. Er merkt auch, wenn der gewohnte Tagesablauf durcheinandergerät und aus einer langen Gassirunde plötzlich nur noch eine kurze Runde vor die Tür wird.

Psychische Erkrankungen betreffen deshalb nicht ausschließlich den Menschen. Wenn ein Hund mit diesem Menschen zusammenlebt, kann sich auch sein Alltag verändern.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen schlechte Tierhalter sind. Viele finden gerade durch ihren Hund Struktur, Nähe und einen Grund, auch an schlechten Tagen aufzustehen. Für manche ist das Tier einer der wichtigsten stabilen Faktoren im Alltag.

Trotzdem gehört auch die andere Seite zur Wahrheit: Es kann Phasen geben, in denen selbst alltägliche Dinge plötzlich enorm schwer werden.

Der Hund erlebt die Veränderung, nicht die Diagnose

Hunde orientieren sich stark an ihrem Alltag und an ihren Bezugspersonen. Wann wird gefüttert? Wann geht es raus? Wie reagiert mein Mensch auf mich? Ist heute ungefähr alles so wie gestern?

Verändert sich dieser Alltag über längere Zeit, kann auch ein Hund darauf reagieren. Manche Tiere werden anhänglicher. Andere ziehen sich eher zurück. Manche wirken unruhiger oder beobachten ihren Menschen auffallend häufig.

Verändert sich das Verhalten eines Hundes stark oder plötzlich, können allerdings viele Ursachen dahinterstecken. Deshalb sollte nicht automatisch eine psychische Belastung des Halters dafür verantwortlich gemacht werden. Gegebenenfalls gehört auch eine tierärztliche Abklärung dazu.

Fest steht aber: Ein Hund lebt nicht unabhängig von seinem Umfeld. Wenn sich dieses Umfeld verändert, bekommt er das mit.

Wenn für den Alltag plötzlich die Kraft fehlt

Eine schwere psychische Phase kann ganz banale Dinge enorm erschweren.

Duschen. Einkaufen. Kochen. Aufräumen. Termine einhalten.

Und eben auch, mit dem Hund eine große Runde zu laufen, Beschäftigung anzubieten oder den gesamten Alltag so zu organisieren wie sonst.

Vielleicht werden Spaziergänge kürzer. Vielleicht fällt Beschäftigung weg. Vielleicht bleibt mehr liegen als gewohnt. In sehr schweren Phasen kann irgendwann sogar die Versorgung des Tieres schwieriger werden.

Dabei muss man unterscheiden. Ein bisschen Unordnung interessiert einen Hund vermutlich herzlich wenig. Kritisch wird es dort, wo seine Versorgung, Sicherheit oder Gesundheit betroffen sind.

Herumliegende Medikamente, verdorbene Lebensmittel, Müll oder Ausscheidungen können beispielsweise irgendwann auch für ein Tier problematisch werden. Ebenso, wenn ein Hund über längere Zeit nicht ausreichend nach draußen kommt oder seine grundlegenden Bedürfnisse nicht mehr erfüllt werden können.

Die entscheidende Frage sollte in solchen Situationen aber nicht zuerst lauten: Wie kann man seine Wohnung nur so aussehen lassen?

Sondern vielleicht: Braucht hier gerade jemand Hilfe?

„Meld dich, wenn du etwas brauchst“ reicht manchmal nicht

Dieser Satz ist gut gemeint. In einer schweren psychischen Krise kann er trotzdem kaum etwas bewirken.

Manche Menschen ziehen sich gerade dann zurück. Manche schämen sich. Andere möchten niemandem zur Last fallen oder haben schlicht nicht die Kraft, selbst Kontakt aufzunehmen, eine Bitte zu formulieren und Hilfe zu organisieren.

Deshalb kann es hilfreicher sein, konkret zu werden.

Nicht nur: Meld dich, wenn du etwas brauchst.

Sondern vielleicht: Ich gehe nachher sowieso eine Runde. Soll ich deinen Hund mitnehmen?

Oder: Brauchst du Hundefutter? Ich kann dir welches mitbringen.

Oder ganz schlicht: Ich habe dich länger nicht gesehen. Ist bei dir alles in Ordnung?

Natürlich darf Hilfe nicht zu Bevormundung werden. Ein Nein bleibt ein Nein.

Aber vielleicht dürfen wir wieder etwas aufmerksamer füreinander werden. Wenn ein Mensch sich plötzlich stark zurückzieht und gleichzeitig auffällt, dass sich auch beim Hund etwas verändert, muss die erste Reaktion nicht automatisch Kritik sein.

Manchmal braucht nicht nur der Hund Hilfe, sondern auch der Mensch am anderen Ende der Leine.

Ein Netzwerk entsteht oft, bevor man merkt, dass man eines braucht

Ein verlässliches Netzwerk lässt sich nicht einfach auf Bestellung aufbauen. Die wenigsten Menschen suchen gezielt nach jemandem, der im Falle einer psychischen Krise ihren Hund betreuen könnte.

Oft entstehen solche Kontakte viel unspektakulärer. Vielleicht gibt es Nachbarn, die den Hund ohnehin mögen. Menschen von der täglichen Gassirunde. Freunde, Familienmitglieder oder Bekannte, die schon einmal eingesprungen sind. Manchmal entwickelt sich Vertrauen dadurch, dass jemand gelegentlich eine Runde übernimmt oder den Hund für ein paar Stunden betreut.

Dafür muss niemand seine gesamte Krankengeschichte offenlegen. Es reicht zunächst völlig, miteinander ins Gespräch zu kommen und irgendwann zu wissen: Wenn bei mir einmal etwas passiert, gäbe es jemanden, den ich anrufen könnte.

Hilfreich ist es allerdings, solche Möglichkeiten nicht erst dann zu klären, wenn der Notfall bereits eingetreten ist. Denn nicht jeder Mensch, der Hunde mag, kann automatisch mit jedem Hund umgehen.

Ein großer, ängstlicher, alter oder sehr temperamentvoller Hund kann ganz andere Anforderungen stellen als ein unkomplizierter Hund, der mit jedem Menschen sofort mitgeht.

Deshalb ist es sinnvoll, mögliche Betreuungspersonen und Hund vorher miteinander vertraut werden zu lassen. Eine gemeinsame Gassirunde oder eine gelegentliche Betreuung kann schon zeigen, ob beide miteinander zurechtkommen.

Und ein Netzwerk muss nicht aus einer einzigen Person bestehen, die im Ernstfall plötzlich alles übernimmt. Vielleicht kann jemand nur eine Gassirunde machen. Eine andere Person könnte den Hund für eine Nacht aufnehmen. Jemand anderes könnte Futter oder Medikamente besorgen.

Gerade solche kleinen, gewachsenen Strukturen können im Ernstfall enorm wertvoll sein.

Und wenn der Mensch plötzlich ganz ausfällt?

Psychische Krisen lassen sich nicht immer planen. Manchmal ist ein Klinikaufenthalt vorhersehbar. Manchmal passiert alles innerhalb weniger Stunden.

Dann bleibt zuhause möglicherweise ein Hund zurück, der trotzdem Futter, Bewegung, Betreuung und Sicherheit braucht.

Für solche Situationen kann ein einfacher Notfallplan viel erleichtern.

Wer hat einen Wohnungsschlüssel? Wer könnte den Hund kurzfristig übernehmen? Wer könnte ihn auch mehrere Tage betreuen? Welches Futter bekommt er? Benötigt er Medikamente? Welcher Tierarzt behandelt ihn? Gibt es Ängste, Unverträglichkeiten oder besondere Verhaltensweisen, die eine Betreuungsperson wissen sollte?

Solche Fragen wirken unnötig, solange alles funktioniert. Im Ernstfall können sie aber darüber entscheiden, ob hektisch irgendeine Lösung gesucht werden muss oder ob bereits Menschen da sind, die wissen, was zu tun ist.

Und das gilt übrigens nicht ausschließlich für psychische Erkrankungen. Auch ein Unfall, eine plötzlich notwendige Operation oder jede andere schwere Erkrankung kann einen Hundehalter unerwartet aus dem Alltag reißen.

Hilfe hat auch Grenzen

Unterstützung durch Freunde, Nachbarn oder Familie kann viel auffangen. Aber sie kann nicht alles ersetzen.

Niemand aus dem persönlichen Umfeld muss dauerhaft die gesamte Versorgung eines fremden Hundes übernehmen. Und Freunde oder Nachbarn sind auch keine Therapeuten.

Helfen bedeutet deshalb nicht, jede Verantwortung für einen anderen Menschen zu übernehmen. Es kann schon viel bewirken, eine konkrete Aufgabe abzunehmen, aufmerksam zu bleiben und frühzeitig anzusprechen, wenn etwas nicht mehr funktioniert.

Und wenn die Versorgung oder Sicherheit eines Tieres tatsächlich gefährdet ist, darf Hinsehen irgendwann auch bedeuten, weitere Hilfe zu organisieren. Nicht aus Strafe, sondern weil sowohl Mensch als auch Tier Unterstützung brauchen können.

Hilfe anzunehmen ist kein Versagen

Auch außerhalb einer akuten Krise muss niemand alles alleine schaffen.

Ich befinde mich selbst derzeit in einer beruflichen Umschulung. Dadurch haben sich auch für meine Hunde die Tagesabläufe verändert. Es bleibt weniger freie Zeit als früher und vieles muss besser organisiert werden.

Meine Hunde werden deshalb natürlich nicht weniger wichtig. Aber Verantwortung bedeutet für mich auch nicht, jede einzelne Aufgabe zwingend allein erledigen zu müssen.

Wenn Menschen aus dem Umfeld gelegentlich eine Gassirunde übernehmen oder im Notfall einspringen können, kann das für alle Beteiligten eine Entlastung sein.

Vielleicht sollten wir genau davon wieder etwas mehr haben: kleine Netzwerke, bevor überhaupt ein Notfall entsteht.

Psychisch krank und trotzdem ein guter Hundehalter

Psychische Erkrankungen sind sehr unterschiedlich. Ebenso unterschiedlich sind Menschen und Hunde.

Es wäre genauso falsch zu behaupten, Menschen mit psychischen Erkrankungen könnten ihre Tiere grundsätzlich nicht gut versorgen, wie die Vorstellung, ein Haustier würde automatisch vor einer psychischen Erkrankung schützen.

Hunde können Halt geben. Sie können Struktur schaffen, Gesellschaft bieten und Menschen dazu bringen, an Tagen vor die Tür zu gehen, an denen sie es ohne Hund vielleicht nicht geschafft hätten.

Aber ein Hund ist keine Therapiegarantie. Und sein Mensch bleibt ein Mensch, der krank werden kann.

Verantwortungsvolle Tierhaltung bedeutet deshalb nicht, niemals Schwierigkeiten zu haben. Sie bedeutet, hinzusehen, wenn Probleme entstehen. Hilfe anzunehmen, wenn sie nötig wird. Und möglichst dafür zu sorgen, dass der Hund auch dann sicher versorgt ist, wenn man selbst gerade nicht alles schaffen kann.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger schnell fragen: Warum bekommt dieser Mensch das nicht hin?

Und stattdessen öfter: Was braucht dieser Mensch gerade, damit es ihm und seinem Hund wieder besser geht?

Viele der beschriebenen Situationen können selbstverständlich auch Menschen betreffen, die mit anderen Haustieren zusammenleben. Da dieser Beitrag für eine Hundeseite gedacht ist, liegt der Fokus hier bewusst auf dem Zusammenleben mit Hunden.