Multiresistente Bakterien & BARF: Studienlage & Relevanz für Menschen und Hunde
Inhalt
BARF gilt als natürliche Form der Fütterung und wird von vielen Hundehaltern bewusst gewählt. Gleichzeitig rückt ein Thema zunehmend in den Fokus der veterinärmedizinischen Forschung: multiresistente Bakterien im Rohfutter.
Rohes Fleisch kann Bakterien enthalten, die gegen bestimmte Antibiotika unempfindlich sind. Einige dieser Bakterien können den Hund besiedeln und mit dem Kot wieder ausgeschieden werden. Damit stellt sich eine Frage, die über die Fütterung des einzelnen Hundes hinausgeht: Können resistente Bakterien vom Futter über den Hund und seine Umgebung weitergegeben und damit auch für Menschen relevant werden?
Neuere Studien untersuchen genau diese Zusammenhänge. Sie beschäftigen sich unter anderem damit, welche resistenten Bakterien in kommerziellem Rohfutter vorkommen, ob sich solche Bakterien bei roh ernährten Hunden nachweisen lassen und ob es genetische Gemeinsamkeiten zwischen Bakterien aus Rohfutter und Erregern menschlicher Infektionen gibt.
Was genau bedeutet „multiresistent“ eigentlich?
Multiresistent bedeutet, dass ein Bakterium gegen mehrere verschiedene Antibiotika oder Antibiotikagruppen unempfindlich ist. Das ist vor allem dann problematisch, wenn eine Infektion behandelt werden muss. Je mehr Antibiotika gegen ein Bakterium nicht mehr wirken, desto weniger Behandlungsmöglichkeiten bleiben.
Antibiotika sind Medikamente, mit denen bakterielle Infektionen behandelt werden. Sie wirken allerdings nicht gegen alle Bakterien gleich gut. Manche Bakterien können von Natur aus gegen bestimmte Antibiotika unempfindlich sein. Andere entwickeln im Laufe der Zeit Resistenzen.
Von einer Antibiotikaresistenz spricht man, wenn ein Bakterium gegenüber einem Antibiotikum unempfindlich geworden ist. Das Medikament kann das Bakterium dann nicht mehr ausreichend hemmen oder abtöten.
Resistenzen können auf natürliche Weise entstehen. Eine wichtige Rolle spielt aber auch der Einsatz von Antibiotika. Treffen Bakterien auf ein Antibiotikum, überleben resistente Bakterien eher als empfindliche. Sie können sich weiter vermehren und ihre Resistenz unter bestimmten Umständen auch an andere Bakterien weitergeben.
Eine Resistenz gegen ein einzelnes Antibiotikum macht ein Bakterium aber noch nicht multiresistent.
Multiresistenz bedeutet nicht automatisch, dass ein Bakterium besonders gefährlich ist oder zwangsläufig eine Erkrankung verursacht. Ein Hund oder Mensch kann resistente Bakterien beispielsweise im Darm tragen, ohne selbst krank zu sein. Man spricht dann von einer Besiedlung oder Kolonisation. Erst wenn die Bakterien eine Infektion verursachen und Krankheitssymptome auslösen, handelt es sich um eine Erkrankung.
Die Bedeutung von ESBL
In Studien zu Rohfutter taucht häufig der Begriff ESBL auf. Die Abkürzung steht für „Extended-Spectrum Beta-Lactamasen“. Dahinter steckt kein bestimmtes Bakterium, sondern ein Enzym, das einige Bakterien bilden können.
Dieses Enzym kann bestimmte Antibiotika unwirksam machen. Dazu gehören unter anderem verschiedene Penicilline und Cephalosporine. Bakterien mit solchen ESBL-Eigenschaften sind deshalb schwieriger zu behandeln.
Besonders häufig werden ESBL bei Escherichia coli, kurz E. coli, gefunden. E. coli gehört normalerweise zur natürlichen Darmflora von Mensch und Hund. Einige Stämme können jedoch Krankheiten verursachen.
Wichtig ist deshalb die Unterscheidung: ESBL ist keine Bakterienart. Es beschreibt die Eigenschaft eines Bakteriums, durch die bestimmte Antibiotika ihre Wirkung verlieren können.
Und auch ein ESBL-bildendes Bakterium muss nicht automatisch eine Erkrankung auslösen. Es kann zunächst unbemerkt im Darm leben. Problematisch wird es vor allem dann, wenn es weitergegeben wird oder eine Infektion verursacht, die mit üblichen Antibiotika nur noch schwer zu behandeln ist.
Wie entstehen multiresistente Bakterien bzw. wo kommen sie vor?
Multiresistente Bakterien entstehen nicht erst durch die Fütterung von rohem Fleisch. Resistenzen gibt es in der Natur schon sehr lange. Bakterien verändern sich und entwickeln dabei Eigenschaften, die sie gegenüber bestimmten Antibiotika unempfindlich machen.
Eine wichtige Rolle spielt der Selektionsdruck durch Antibiotika. Werden Bakterien einem Antibiotikum ausgesetzt, überleben empfindliche Bakterien schlechter als resistente. Die resistenten Bakterien können sich anschliessend weiter vermehren. Sie können ihre Resistenz ausserdem unter bestimmten Bedingungen an andere Bakterien weitergeben.
Je häufiger bestimmte Antibiotika eingesetzt werden, desto häufiger setzen sich resistente Bakterien in einer Population durch.
Dabei spielt nicht nur die Behandlung einzelner Tiere oder Menschen eine Rolle. Resistente Bakterien und ihre Resistenzgene können sich auch zwischen Menschen, Tieren und der Umwelt verbreiten.
Vorkommen
Multiresistente Bakterien sind kein spezielles Problem der Hundefütterung. Sie können an vielen Stellen vorkommen:
- bei Menschen und Haustieren
- bei Nutztieren
- bei Wildtieren
- in Krankenhäusern und anderen Einrichtungen
- in Böden und Gewässern
- auf rohen Lebensmitteln
- in Fleisch und anderen tierischen Produkten
- in der Umwelt
Auch gesunde Menschen und Tiere können resistente Bakterien in sich tragen, ohne krank zu sein. Besonders häufig werden sie im Darm gefunden. Von dort können sie mit dem Kot ausgeschieden und weiterverbreitet werden.
Was haben multiresistente Bakterien mit BARF zu tun?
Antibiotika werden unter anderem in der Nutztierhaltung eingesetzt, beispielsweise zur Behandlung oder auch Vorbeugung bakterieller Erkrankungen. Dadurch können auch bei Nutztieren resistente Bakterien entstehen oder sich bereits vorhandene resistente Bakterien stärker ausbreiten.
Bei der Schlachtung und Verarbeitung können Bakterien vom Tier in das Fleisch und andere tierische Produkte gelangen. Rohes Fleisch kann deshalb neben empfindlichen auch resistente Bakterien enthalten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass Fleisch grundsätzlich mit multiresistenten Bakterien belastet ist. Das Vorkommen hängt unter anderem vom jeweiligen Erreger, Tier, Produkt und Herstellungsprozess ab.
Für BARF ist dieser Zusammenhang trotzdem relevant: Rohes Fleisch kann eine mögliche Quelle für multiresistente Bakterien im Haushalt sein. Wird es als Hundefutter verwendet, kommt zusätzlich der Hund als möglicher Überträger ins Spiel.
Aus Sicht des Gesundheitsschutzes geht es deshalb nicht nur darum, ob ein Bakterium einen Menschen oder Hund krank macht. Auch die Weitergabe resistenter Bakterien ist relevant. Jeder zusätzliche Übertragungsweg trägt dazu bei, dass sich solche Bakterien weiter verbreiten.
Aktuelle Studienlage zu multiresistenten Bakterien & Hundefütterung
Dass rohes Fleisch mit Bakterien belastet sein kann, ist keine neue Erkenntnis. In den vergangenen Jahren hat sich die Forschung jedoch zunehmend einer speziellen Frage gewidmet: Welche Rolle spielt Rohfutter bei der Verbreitung antibiotikaresistenter und multiresistenter Bakterien?
| Jahr | Studie / Ort | Was wurde konkret untersucht? | Wichtigstes Ergebnis | Was bedeutet das? | Externe Quelle |
|---|---|---|---|---|---|
| 2019 | Schweiz | 51 kommerzielle Rohfutterproben für Hunde und Katzen | In 62,7 % der Proben wurden antibiotikaresistente Bakterien nachgewiesen. Häufig waren ESBL-bildende E. coli vertreten. | Kommerzielles Rohfutter kann ein Reservoir für resistente Bakterien sein. Die Studie untersuchte jedoch keine Übertragung auf Hunde oder Menschen. | PubMed – Nüesch-Inderbinen et al. 2019 |
| 2020 | Schweden | Kotproben von 25 roh ernährten und 25 mit Trockenfutter ernährten Hunden | ESBL-E. coli wurden bei 13/25 (52 %) der roh ernährten Hunde und bei 1/25 (4 %) der Vergleichsgruppe gefunden. | Die Untersuchung deutete auf einen Zusammenhang zwischen Rohfütterung und dem Ausscheiden resistenter E. coli hin. Sie beweist allein aber noch nicht, dass die Bakterien aus dem Futter stammten. | PubMed – Runesvärd et al. 2020 |
| 2024 | USA | 24 kommerzielle Rohfutterprodukte | 42 % der Produkte enthielten ESBL-bildende Enterobacterales; bei den isolierten Bakterien waren 71 % multiresistent. | Auch neuere Untersuchungen kommerzieller Rohfutter zeigen, dass resistente Bakterien darin vorkommen können. Wegen der kleinen Stichprobe sind die Zahlen nicht als allgemeine Prävalenz zu verstehen. | Frontiers – Fisher et al. 2024 |
| 2024 | Grossbritannien | 432 Hunde: 193 roh ernährt, 239 nicht roh ernährt | ESBL-E. coli wurden bei 24,4 % der roh ernährten Hunde gegenüber 1,7 % der nicht roh ernährten Hunde gefunden. Multiresistente ESBL-E. coli bei 16,6 % vs. 1,3 %. | Die bislang grössere Untersuchung zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Rohfütterung und dem Tragen bzw. Ausscheiden resistenter E. coli. | Frontiers – Morgan et al. 2024 |
| 2025 | Schweiz / international | 100 kommerzielle Rohfutterproben auf verschiedene Krankheitserreger | Salmonella in 11 %, Listeria monocytogenes in 41 %, Yersinia enterocolitica in 58 % und Campylobacter in 3 %. | Die Studie untersuchte nicht primär Antibiotikaresistenzen, zeigt aber, dass Rohfutter auch mit verschiedenen krankmachenden Bakterien belastet sein kann. | MDPI – Schmid et al. 2025 |
| 2025 | Kanada | Genomische Untersuchung eines Salmonellen-Ausbruchs mit Menschen, Hunden, Nutztieren und Rohfutter | Ein identischer genetischer Salmonellen-Cluster wurde bei 20 Menschen, 3 Hunden, 16 Kälbern, 1 Ferkel, 1 Elch und 4 Rohfutterproben gefunden. | Hier liessen sich Rohfutter, Hunde und menschliche Infektionen innerhalb desselben Ausbruchsgeschehens miteinander in Verbindung bringen. Das ist stärker als ein reiner Nachweis resistenter Bakterien im Futter, bleibt aber auf diesen Ausbruch begrenzt. | Communications Medicine – Bernaquez et al. 2025 |
| 2025 | Thailand | 50 Rohfutterproben auf resistente E. coli, Salmonella und Enterococcus | In 80 % der Rohfutterproben wurden gegen Cephalosporine der 3. Generation resistente E. coli gefunden; alle diese Isolate waren ESBL-bildend. Salmonella wurde in 70 % der Proben nachgewiesen. | Die Ergebnisse zeigen eine hohe Belastung in dieser Stichprobe. Sie lassen sich wegen Land, Futterangebot und kleiner Stichprobe allerdings nicht direkt auf die Schweiz oder Europa übertragen. | PubMed – Indra et al. 2025 |
| 2026 | Grossbritannien | 200 E. coli aus Fleisch und kommerziellem Rohfutter wurden mit 1.182 menschlichen Infektionsisolaten verglichen | Vier genetisch sehr ähnliche Paare zwischen Fleisch/Rohfutter und menschlichen Infektionen wurden gefunden. Sie machten 2 % der Fleisch/Rohfutter-Isolate und 0,2 % der menschlichen Isolate aus. | Eine genetische Nähe zwischen Bakterien aus Fleisch/Rohfutter und menschlichen Infektionen ist nachweisbar, war in dieser Untersuchung aber selten. Die Autoren betonen ausdrücklich, dass daraus keine konkrete Übertragung oder ein individuelles Risiko abgeleitet werden kann. | PubMed – Sealey et al. 2026 |
Was bedeutet das für Mensch & Hund?
Die Studien zeigen ein recht klares Bild, ohne dass daraus ein pauschales Urteil über BARF abgeleitet werden kann: Rohfutter kann resistente Bakterien enthalten, und roh ernährte Hunde können solche Bakterien aufnehmen und über den Kot wieder ausscheiden.
Bei mehreren Untersuchungen wurden resistente E. coli bei roh ernährten Hunden deutlich häufiger gefunden als bei Hunden, die kein Rohfutter bekamen.
Für den Hund selbst bedeutet der Nachweis zunächst nicht, dass er krank ist. Hunde können resistente Bakterien im Darm tragen, ohne irgendwelche Beschwerden zu zeigen. Problematisch wird es vor allem dann, wenn solche Bakterien eine Infektion verursachen und die Behandlung mit bestimmten Antibiotika dadurch erschwert wird.
Für den Menschen liegt die mögliche Bedeutung vor allem in der Weitergabe. Resistente Bakterien können theoretisch vom Rohfutter auf Hände und Oberflächen oder über den Hund und seinen Kot in die Umgebung gelangen. Einzelne Untersuchungen haben zudem genetische Übereinstimmungen zwischen Bakterien aus Rohfutter, Hunden und menschlichen Infektionen gefunden. Das zeigt, dass solche Übertragungswege grundsätzlich möglich sind.
Es bedeutet aber nicht, dass jeder roh ernährte Hund resistente Bakterien auf Menschen überträgt oder dass BARF automatisch zu einer Infektion führt.
Entscheidend ist deshalb die Unterscheidung zwischen Vorkommen, Übertragung und Erkrankung: Dass resistente Bakterien im Rohfutter oder beim Hund nachgewiesen werden, ist nicht dasselbe wie eine Infektion beim Menschen. Die bisherige Forschung liefert Hinweise auf einen möglichen Übertragungsweg, zeigt aber kein allgemeines individuelles Infektionsrisiko für jeden BARF-Haushalt.
Damit rückt vor allem der Umgang mit Rohfutter in den Mittelpunkt. Gute Küchen- und Händehygiene sowie ein sorgfältiger Umgang mit Futternapf, Futterresten und Hundekot tragen dazu bei, die Weitergabe von Bakterien zu begrenzen.
FAQ
Welche multiresistente Bakterien befinden sich in Rohfutter?
In Rohfutter werden vor allem multiresistente E. coli, darunter ESBL-bildende Stämme, nachgewiesen. Daneben können auch resistente Salmonella und andere Bakterien vorkommen.
(Wie) Kann ich prüfen, ob Futter bakterienbelastet ist?
Ob Rohfutter mit Bakterien belastet ist, lässt sich nur durch eine mikrobiologische Untersuchung im Labor feststellen. Aussehen und Geruch geben keinen zuverlässigen Hinweis darauf.
Worauf sollte ich beim Barfen achten, wenn es um Bakterien geht?
Wichtig sind neben der Auswahl von qualitativem Fleisch vor allem gründliche Hand- und Küchenhygiene sowie eine saubere Aufbewahrung und Verarbeitung des Rohfutters. Näpfe, Arbeitsflächen und verwendete Utensilien müssen nach dem Kontakt mit dem Futter gründlich gereinigt werden.
Kann Einfrieren multiresistente Bakterien abtöten?
Nein, Einfrieren macht Rohfutter nicht zuverlässig frei von Bakterien. Viele Bakterien überleben das Einfrieren und können nach dem Auftauen wieder aktiv werden.
Ist gekochtes Futter sicherer als Rohfutter?
Durch ausreichendes Erhitzen lässt sich die Zahl lebensfähiger Bakterien deutlich reduzieren. Das gilt auch für resistente Bakterien, wobei einzelne Resistenzgene oder bereits gebildete Stoffe nicht zwangsläufig durch jede Form der Erhitzung verschwinden.
Wie gross ist das Risiko für den Hund selbst, durch multiresistente Bakterien zu erkranken?
Das konkrete Erkrankungsrisiko lässt sich nicht zuverlässig beziffern. Hunde können resistente Bakterien im Darm tragen und ausscheiden, ohne selbst daran zu erkranken.
Können resistente Bakterien vom Hund auf andere Hunde übertragen werden?
Ja, eine Übertragung zwischen Hunden ist grundsätzlich möglich. Eine Rolle spielen dabei vor allem Kot und gemeinsame Umgebung, etwa beim direkten Kontakt oder über kontaminierte Flächen.
Können Hunde multiresistente Bakterien auf Menschen übertragen?
Ja, eine Übertragung ist grundsätzlich möglich, beispielsweise über Kot, Fell, Näpfe oder Hände. Studien zeigen entsprechende Übertragungswege, beweisen aber nicht, dass jeder roh ernährte Hund resistente Bakterien auf Menschen überträgt.
Sind Menschen im selben Haushalt besonders gefährdet?
Für gesunde Menschen ist das individuelle Risiko nicht bekannt und lässt sich nicht mit einer konkreten Zahl angeben. Besonders sorgfältige Hygiene ist jedoch sinnvoll, wenn kleine Kinder, ältere oder immungeschwächte Personen im Haushalt leben.
Gibt es konkrete Fälle, bei denen Menschen sich durch gebarfte Hunde mit Krankheiten infiziert haben?
Ja, ein Beispiel ist ein Salmonellen-Ausbruch in Kanada, bei dem derselbe resistente Bakterienstamm bei Menschen, Hunden und Rohfutter nachgewiesen wurde. Die Untersuchung betraf jedoch einen ganz konkreten Krankheitsausbruch und lässt sich nicht auf jeden BARF-Haushalt übertragen.