Sind Hunde Rudeltiere? Ein Blick auf Wolf, Strassenhund und Haushund
Inhalt
- Was ist eigentlich ein „Rudel“?
- Rudel, Herde, Gruppe oder Familie?
- Und was ist mit dem „Alpha“?
- Wölfe und das Rudel: Wie lebt der Wolf wirklich?
- Strassenhunde: Einzelgänger oder im Rudel unterwegs?
- Der heutige Haushund
- Muss ein Hund in einer Gruppe leben?
- Hunde sind soziale Tiere, aber keine „Rudeltiere“
„Der Hund ist ein Rudeltier.“ Diesen Satz hört und liest man häufig. Er soll erklären, warum Hunde Gesellschaft brauchen, weshalb sie nicht allein bleiben sollten oder warum ein zweiter Hund für ihre Haltung wichtig sei. Doch so einfach ist es nicht. Hunde sind zweifellos soziale Tiere. Sie bauen enge Beziehungen zu Artgenossen und Menschen auf und können in sozialen Gruppen leben. Doch bedeutet das automatisch, dass Hunde Rudeltiere sind? Und lässt sich die Lebensweise von Wölfen oder freilebenden Hunden einfach auf unseren Haushund übertragen?
Was ist eigentlich ein „Rudel“?
Wenn von Wölfen die Rede ist, wird der Begriff „Rudel“ quasi selbstverständlich verwendet. Mehrere Wölfe leben zusammen, also bilden sie ein Rudel. Doch biologisch ist der Begriff etwas genauer.
In der Verhaltensbiologie bezeichnet ein Rudel einen sozialen Verband von Tieren derselben Art, die über längere Zeit miteinander verbunden sind und soziale Beziehungen zueinander unterhalten. Je nach Tierart kann ein Rudel unterschiedlich aufgebaut sein und unterschiedliche Funktionen haben. Es gibt deshalb nicht das eine typische Rudelmodell.
Entscheidend ist: Ein Rudel ist mehr als eine zufällige Ansammlung von Tieren. Die Mitglieder stehen in sozialen Beziehungen zueinander. Sie können beispielsweise gemeinsam leben, sich gegenseitig erkennen, miteinander kommunizieren, Jungtiere aufziehen, Ressourcen nutzen oder ein gemeinsames Gebiet nutzen und verteidigen. Welche dieser Merkmale tatsächlich vorkommen, hängt von der jeweiligen Tierart ab.
Rudel, Herde, Gruppe oder Familie?
Die Begriffe werden im Alltag meistens durcheinandergebracht. Zoologisch beschreiben sie nämlich nicht dasselbe.
Eine Gruppe ist der neutralste Begriff. Er sagt lediglich aus, dass mehrere Individuen zusammenkommen. Daraus lässt sich noch nicht ableiten, wie eng ihre Beziehungen sind oder wie lange sie zusammenbleiben.
Eine Herde bezeichnet meist einen Verband von Tieren, die sich gemeinsam fortbewegen oder aufhalten. Der Begriff wird vor allem bei Huftieren verwendet. Auch eine Herde kann unterschiedlich stabil organisiert sein.
Ein Sozialverband ist ebenfalls ein allgemeinerer wissenschaftlicher Begriff. Er beschreibt eine Gruppe von Individuen, die soziale Beziehungen miteinander unterhalten. Ein Sozialverband muss deshalb nicht zwingend als „Rudel“ bezeichnet werden.
Eine Familie beschreibt dagegen vor allem eine verwandtschaftliche Beziehung. Bei manchen Tierarten überschneiden sich Familie und Rudel weitgehend. Beim Wolf ist das besonders deutlich: Ein Wolfsrudel besteht typischerweise aus einem fortpflanzenden Paar und dessen Nachwuchs verschiedener Altersstufen. Das Rudel ist damit im Kern ein Familienverband.
Diese Unterscheidung ist für die Frage, ob Hunde Rudeltiere sind, wichtig. Mehrere Hunde bilden nicht automatisch ein Rudel, nur weil sie zusammenleben. Und wenn ein Hund mit Menschen zusammenlebt, wird daraus biologisch ebenfalls kein Rudel.
Und was ist mit dem „Alpha“?
Mit dem Begriff „Rudel“ wird häufig auch die Vorstellung einer festen Hierarchie verbunden. Danach soll es einen dominanten „Alpha“ geben, der alle anderen Mitglieder anführt und seinen Rang verteidigt.
Dieses Bild geht vor allem auf eine Studie des Verhaltensforschers David Mech aus den 1970er-Jahren zurück, in der Wölfe in Gefangenschaft beobachtet wurden. Mech selbst korrigierte diese Interpretation später ausdrücklich: Bei freilebenden Wölfen handelt es sich in der Regel um Familienverbände, in denen die Elterntiere und ihr Nachwuchs zusammenleben.
Wichtig ist an dieser Stelle nur: „Rudel“ bedeutet nicht automatisch „streng hierarchische Gruppe mit einem Alpha“.
Damit ist auch klar, warum die Aussage „Hunde sind Rudeltiere“ genauer betrachtet werden muss. Bevor wir sie auf den Haushund übertragen, lohnt sich zunächst ein Blick auf das Tier, mit dem der Hund am häufigsten verglichen wird: den Wolf.
Wölfe und das Rudel: Wie lebt der Wolf wirklich?
Der Wolf ist der naheliegendste Vergleich, wenn es um die Frage geht, ob Hunde Rudeltiere sind – schliesslich stammt der Hund von ihm ab.
Wölfe leben tatsächlich in sozialen Verbänden, die wir als Rudel bezeichnen. Dabei handelt es sich in der Regel nicht um eine zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Wölfen, sondern um einen Familienverband. Ein Rudel besteht typischerweise aus einem fortpflanzenden Paar und dessen Nachwuchs verschiedener Jahrgänge. Gelegentlich kommen auch nicht verwandte Tiere hinzu.
Das gemeinsame Leben erfüllt für Wölfe wichtige Funktionen. Die Tiere kooperieren bei der Aufzucht der Jungtiere, verteidigen ihr Territorium und arbeiten bei der Nahrungssuche und Jagd zusammen. Gerade die lange Abhängigkeit der Jungtiere macht die Unterstützung durch andere Rudelmitglieder wichtig.
Junge Wölfe verlassen das elterliche Rudel meistens, wenn sie geschlechtsreif werden, und suchen sich später einen Partner und ein eigenes Territorium. Die Zusammensetzung eines Rudels verändert sich dadurch.
Wölfe sind also tatsächlich stark sozial organisiert. Ihre Rudelstruktur erfüllt konkrete Funktionen für das gemeinsame Überleben. Doch genau hier beginnt der entscheidende Unterschied zum Hund.
Strassenhunde: Einzelgänger oder im Rudel unterwegs?
Wenn Hunde Rudeltiere wären und ihre soziale Organisation der von Wölfen entsprechen würde, müsste man erwarten, dass frei lebende Hunde grundsätzlich in festen Rudeln unterwegs sind.
Der Begriff „Strassenhunde“ steht an dieser Stelle synonym für „freilebende Hunde“, also solche, die nicht dauerhaft von einem Halter versorgt werden.
Eine besonders interessante Untersuchung stammt von Elizabeth A. Daniels aus dem Jahr 1983. Unter dem Titel The social organization of free-ranging urban dogs. I. Non-estrous social behavior untersuchte sie freilebende Hunde in Newark, New Jersey, während der Sommer- und Wintermonate 78 und 1979, hinsichtlich ihres Sozialverhaltens ausserhalb der Fortpflanzungszeit.
Das Ergebnis passt nicht zum klassischen Bild eines „Hunderudels“: Die Mehrheit der beobachteten Hunde war allein unterwegs. Wenn sich Hunde zu Gruppen zusammenschlossen, bestanden diese meist nur aus zwei Tieren. Die soziale Organisation war also überwiegend durch solitäres Verhalten geprägt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass diese Hunde Einzelgänger im Sinne von sozial isolierten Tieren waren. Bekanntschaft und Vertrautheit zwischen den Hunden spielten eine wichtige Rolle. Hunde, die sich kannten, interagierten anders miteinander als fremde Tiere. Aggression war insgesamt selten. Stattdessen war gegenseitiges Ausweichen die wichtigste Strategie, um Konflikte zu vermeiden.
Auch die Verfügbarkeit von Futter und Schutz beeinflusste, wo sich Hunde aufhielten und wann sie aufeinandertrafen. Die Tiere konnten sich also durchaus an Orten konzentrieren, an denen Ressourcen verfügbar waren, ohne deshalb dauerhaft eine gemeinsame Gruppe bilden zu müssen.
Die Newark-Studie beweist aber nicht, dass Strassenhunde grundsätzlich allein leben. Untersuchungen in Rom und Valencia zeigen, dass freilebende Hunde auch stabile Gruppen mit sozialen Bindungen, gemeinsamen Territorien und Dominanzbeziehungen bilden können.
Insgesamt verfügen sie also über eine flexible soziale Organisation: Sie leben je nach Umweltbedingungen allein, zeitweise in Gruppen oder dauerhaft in stabilen Verbänden. Im Gegensatz zu Wölfen sind sie jedoch weniger auf ein festes Rudel, gemeinsame Jagd und gemeinschaftliche Aufzucht angewiesen.
Strassenhunde sind daher weder grundsätzlich Einzelgänger noch einfach Wölfe in anderer Gestalt. Sie können soziale Gruppen bilden, müssen aber nicht dauerhaft in einem festen Rudel leben.
Der heutige Haushund
Hunde und Wölfe haben eine gemeinsame evolutionäre Geschichte. Durch die Domestikation passten sich Hunde jedoch über viele Generationen an das Leben mit Menschen an. Dabei entwickelten sie eine besondere Fähigkeit, soziale Beziehungen zu Menschen aufzubauen und in sehr unterschiedlichen Umwelten zu leben.
Der heutige Haushund ist also nicht einfach ein Wolf, der in menschlicher Obhut lebt. Die Domestikation hat nicht einfach aus einem wilden Tier ein abhängiges Haustier gemacht. Sie hat die soziale Ökologie des Hundes grundlegend verändert.
Deshalb kann der Wolf nicht als direktes Modell für den Haushund dienen: Wölfe leben typischerweise in Familienverbänden und sind auf deren Zusammenarbeit angewiesen. Haushunde dagegen sind sozial anpassungsfähiger und können in ganz unterschiedlichen Beziehungen zu Menschen und anderen Hunden leben.
Hunde sind soziale Tiere
Dass Hunde keine kleinen Wölfe sind, bedeutet allerdings nicht, dass sie Einzelgänger wären. Im Gegenteil: Hunde sind soziale Tiere.
Sie können enge Beziehungen zu anderen Hunden aufbauen und miteinander kommunizieren, spielen, ruhen und lernen. Gleichzeitig besitzen sie die besondere Fähigkeit, Beziehungen zu Menschen einzugehen. Die Forschung beschreibt Hunde als sozial sehr anpassungsfähig. Sie können soziale Beziehungen sowohl innerhalb ihrer eigenen Art als auch über Artgrenzen hinweg aufbauen.
Für den Haushund ist dabei gerade die Beziehung zum Menschen von grosser Bedeutung. Hunde können enge Bindungen zu ihren Bezugspersonen entwickeln und orientieren sich in vielen Situationen an ihnen. Diese besondere Form der Mensch-Hund-Beziehung ist ein wesentlicher Teil dessen, was den domestizierten Hund von seinem wilden Vorfahren unterscheidet.
Muss ein Hund in einer Gruppe leben?
Sozialität bedeutet allerdings nicht, dass jeder Hund dieselben sozialen Bedürfnisse hat. Hunde unterscheiden sich unter anderem in ihrem Temperament, ihren bisherigen Erfahrungen, ihrer Sozialisation und ihrer individuellen Bereitschaft zu sozialen Kontakten.
Während der eine Hund kontaktfreudig ist und die Nähe anderer Hunde sucht, fühlt sich der andere nur mit ausgewählten Sozialpartnern wohl und möchte fremden Hunden lieber ausweichen.
Beim Haushund gibt es deshalb keinen biologischen Zwang zu einer bestimmten Gruppengrösse. Ein Hund kann als Einzelhund leben und trotzdem regelmässige und positive soziale Kontakte zu Menschen und anderen Hunden haben.
Ein Mehrhundehaushalt ist deshalb nicht automatisch artgerechter als die Haltung eines Einzelhundes. Umgekehrt bedeutet Einzelhaltung nicht zwangsläufig soziale Isolation.
Hunde sind soziale Tiere, aber keine „Rudeltiere“
Die aufgeführten Studien und Beispiele zeigen, warum die Aussage „Hunde sind Rudeltiere“ zu kurz greift. Die passendere Beschreibung lautet eher: Hunde sind soziale Tiere, aber daraus folgt nicht, dass sie Rudeltiere im Sinne einer zwingend notwendigen, festen sozialen Gruppe sind.
Das bedeutet auch nicht, dass Sozialkontakte für Hunde unwichtig wären. Im Gegenteil. Die entscheidende Frage ist vielmehr, welche sozialen Beziehungen ein einzelner Hund braucht und wie er diese ausleben kann.