Training & Erziehung

Manchmal ist nicht der Hund das Problem – Ehrliches Hundetraining beginnt beim Menschen

5 Min Lesezeit
Manchmal ist nicht der Hund das Problem – Ehrliches Hundetraining beginnt beim Menschen
Inhalt
  1. Wenn Ehrlichkeit schwerer fällt als Training
  2. Warum Training nicht nach Schema F funktioniert
  3. Wann Training nicht mehr fair ist
  4. Emotionen, Stress und ein sensibler Hund
  5. Teamarbeit statt Erwartungsdruck
  6. Social Media ist kein Massstab für Hundetraining
  7. Verantwortung übernehmen statt Schuld verteilen
  8. Lernen beginnt beim Menschen

Natürlich gab es konkrete Momente, in denen mir klar wurde: Heute liegt es nicht am Hund. Das sind fast immer die Situationen, in denen ich mit einer überzogenen Erwartungshaltung ins Training gegangen bin. Und ja, ich sage ganz bewusst bin, denn auch ich habe in diesem Punkt einen grossen Lernprozess durchlaufen.

Mit der Zeit wurde mir klar, dass in etwa neunzig Prozent der Fälle, in denen etwas im Training scheitert, nicht der Hund das Problem ist. Es liegt an mir. An meiner Erwartungshaltung, an meinem Timing, an meiner inneren Verfassung.

Wenn Ehrlichkeit schwerer fällt als Training

Mir selbst einzugestehen, dass ich etwas gerade nicht kann oder es in diesem Moment einfach nicht geht, fällt mir deutlich schwerer, als es dem Hund zuzugestehen. Grundsätzlich gibt es für mich kein „Das kann ich nicht“. Genau deshalb ist dieser Punkt so herausfordernd.

Ich will für Carl alles tun. Er steht für mich an erster Stelle. Wenn ich priorisieren muss, ordne ich vieles dem unter, mit Ausnahme meiner Frau und meiner Kinder. Familie hat immer Vorrang. Gleichzeitig leben wir als Hundefamilie sehr bewusst und achten darauf, dass es auch den Tieren gut geht.

Warum Training nicht nach Schema F funktioniert

Vielen Menschen fällt es schwer, diesen Gedanken überhaupt zuzulassen. Oft, weil irgendwo geschrieben steht, dass Training in genau dieser Reihenfolge zu funktionieren hat. Oder weil jemand anderes es so gemacht hat. Aber jedes Mensch-Hund-Team ist unterschiedlich.

Menschen und Hunde haben unterschiedliche Lernfähigkeiten, unterschiedliche Auffassungsgeschwindigkeiten und unterschiedliche Stärken. Dinge, die einem leichtfallen, sitzen schnell. Andere benötigen mehr Wiederholungen, mehr Zeit, mehr Geduld. Sich das einzugestehen, setzt Selbstreflexion voraus. Und genau daran scheitern viele, im Hundesport genauso wie im Alltag. Weil sie glauben, es muss jetzt so funktionieren, schliesslich steht es so im Buch oder jemand anderes hat es vorgemacht.

Wann Training nicht mehr fair ist

Ich merke sehr deutlich, wann Training für mich nicht mehr fair ist. Immer dann, wenn ich innerlich aufgekratzt bin. Wenn Emotionen hochkochen. Wenn Wut, Frust oder Ärger im Spiel sind, sei es aus privaten Gründen oder weil der Hund zuvor vielleicht Mist gebaut hat. In diesen Momenten bringt Training nichts.

Auf dem Hundeplatz habe ich mir deshalb ein festes Ritual angewöhnt. Ich setze den Hund zunächst in die Box, trinke in Ruhe eine Tasse Tee, rauche eine Zigarette, schaue den anderen beim Training zu und komme erst einmal runter. Erst dann beginne ich selbst. Auch das musste ich schmerzhaft lernen.

Emotionen, Stress und ein sensibler Hund

Ich versuche heute, so emotionslos wie möglich ins Training zu gehen. Und damit meine ich ausdrücklich nicht freudlos. Freude überträgt sich positiv auf den Hund. Was ich meine, sind negative Emotionen.

Carl ist ein sehr sensibler Hund. Durch unsere enge Bindung spiegelt er mich extrem stark. Wenn ich innerlich am Rand bin, setzt ihn das unter Stress. Und Stress produziert Fehler. Nicht aus Ungehorsam, sondern aus übertriebenem Will-to-pleas, aus Hibbeligkeit, aus dem Wunsch, alles richtig zu machen.

Relativ schnell wurde mir klar: Ich bin der entscheidende Faktor. Wenn ich ruhig, klar und ohne negative Emotionen ins Training gehe, funktioniert es. Wenn nicht, dann nicht.

Teamarbeit statt Erwartungsdruck

Erwartungsdruck von aussen spüre ich dabei kaum. Alles, was wir erreichen, ist Teamarbeit. Ich bin im Rollstuhl nicht in der Lage, bestimmte Leistungen allein zu erbringen. Meine Freunde und Ausbilder sind in jeden Schritt eingebunden, in die positiven wie in die negativen. Wir stehen nahezu täglich im Austausch, analysieren, passen an, schieben Trainingsschritte zurück oder ersetzen sie durch sinnvollere Alternativen.

Social Media ist kein Massstab für Hundetraining

Was mich allerdings zunehmend stört, ist der Druck, den viele Menschen aus Social Media ableiten. Dort entsteht eine Welt, in der suggeriert wird, man könne anhand von 15- bis 30-sekündigen Reels komplexe Trainingsprobleme erkennen, analysieren und lösen.

Menschen, die ihren eigenen Hund kaum kontrolliert durch den Alltag führen, geben dort mit erstaunlicher Selbstsicherheit Trainingsratschläge, bewerten fremde Teams und erklären, was angeblich falsch läuft. Besonders absurd wird es dann, wenn in einem Video erklärt wird, wie einfach sich Problemverhalten beheben lasse, während im nächsten Reel derselbe Mensch darüber klagt, dass der eigene Hund dieses oder jenes nicht kann.

Das ist keine Ehrlichkeit, das ist Selbstdarstellung. Für mich hat das mit seriösem Hundetraining nichts zu tun. Social Media kann inspirieren, unterhalten und vernetzen. Mehr aber auch nicht. Wer daraus einen Massstab für Training, Leistung oder Beziehung macht, wird zwangsläufig enttäuscht. Training findet nicht im Hochformat statt, sondern im Alltag, im Wiederholen, im Scheitern und im Nachjustieren.

Verantwortung übernehmen statt Schuld verteilen

An sich selbst zu arbeiten, ist kein Versagen. Es ist die logische Konsequenz aus Selbstreflexion. Wer reflektiert ist, schaut zuerst auf sich. Dabei hilft es sogar, sich selbst zu filmen. Aus der Aussenperspektive erkennt man oft plötzlich, woran es lag. War es die Körperhaltung? Das Timing? Der Aufbau der Übung?

Wer Probleme immer beim Hund sucht, zerstört langfristig die Beziehung. Der Hund wird unsicher, hat Angst, Fehler zu machen. Man kennt diese Hunde, die mit eingeklemmter Rute laufen und permanent versuchen, bloss nichts falsch zu machen. Das ist oft ein deutliches Zeichen dafür, dass der Mensch seine Verantwortung nicht erkannt hat.

Lernen beginnt beim Menschen

Training verändert sich immer positiv, wenn man Verantwortung übernimmt, ohne sich selbst fertigzumachen. Das ist für mich der eigentliche Game Changer. Ich schaue zuerst, was ich falsch gemacht habe, und erst dann, welcher Fehler daraus beim Hund entstanden ist. Symptome zu bekämpfen, bringt nichts. Man muss an die Ursache.

Ein kleines, aber sehr konkretes Beispiel aus unserem Training: Ich habe aus Nachlässigkeit lange nicht darauf geachtet, dass Carl in der Grundstellung exakt parallel zum Rollstuhl sitzt. Auch im Fusslaufen habe ich das zu spät konsequent eingefordert. Die Folge ist, dass er den Po leicht hinausdreht. Eine Kleinigkeit. Im Alltag egal. Im Sport kostet es Punkte. Und jetzt bedeutet es zusätzliche Arbeit, weil sich dieses Verhalten bereits verfestigt hat.

Genau solche Dinge zeigen mir immer wieder:
Manchmal braucht nicht der Hund mehr Training.
Sondern der Mensch mehr Ehrlichkeit.