Der legendäre Schleichgang zum Sofa: Warum wir unsere Hunde nicht nur erziehen, sondern lesen lernen sollten
Inhalt
Camiro hatte einen Plan.
Er wollte auf das Sofa. Allerdings nicht auf die gewöhnliche Art, also durch Hinlaufen und Draufspringen. Das wäre vermutlich zu einfach gewesen. Stattdessen senkte er den Kopf tief nach unten und schlich konzentriert über den Wohnzimmerteppich. Langsam, vorsichtig und mit der festen Überzeugung, dass ein Hund automatisch unsichtbar wird, sobald er nur ernst genug auf den Boden schaut.
Ich saß längst auf dem Sofa und hatte ihn natürlich bemerkt. Mein eigentliches Problem bestand darin, nicht laut loszulachen und damit seine ausgeklügelte Tarnmission vorzeitig zu beenden.
Loretta beobachtete das Ganze aus ihrem Körbchen.
So unterschiedlich Hunde sein können, in einem Punkt besitzen viele von ihnen ein erstaunliches Talent: Sie halten ihre eigene Logik für absolut überzeugend.
Hunde folgen keiner Bedienungsanleitung
Bevor ein Hund einzieht, haben wir Menschen häufig eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie das Zusammenleben aussehen soll.
Der Hund bekommt einen festen Schlafplatz. Er hält sich an Regeln. Er wartet geduldig auf sein Futter. Er kommt zuverlässig, wenn man ihn ruft. Und selbstverständlich liegt er nur dann auf dem Sofa, wenn man es ihm ausdrücklich erlaubt.
Das klingt hervorragend.
Dann zieht der Hund ein.
Wenig später steht sein Körbchen an einem anderen Platz, weil ihm der ursprünglich ausgewählte nicht gefallen hat. Seine Decke liegt trotzdem auf dem Sofa. Der Mensch sitzt am äußersten Rand und erklärt Besuchern, dass das selbstverständlich nur vorübergehend sei. Der Hund schläft währenddessen quer über drei Sitzplätze und hält die Angelegenheit offensichtlich für abschließend geklärt.
Hunde verändern unseren Alltag selten mit einem großen Knall. Sie übernehmen ihn Stück für Stück. Erst steht irgendwo ein Napf. Dann liegt im Flur eine Leine. Schließlich besitzt der Hund mehr Decken als die Menschen im Haushalt und mindestens ein Familienmitglied spricht mit ihm in vollständigen Sätzen.
Niemand weiß genau, wann das passiert. Irgendwann ist es einfach so.
Verhalten ist mehr als Gehorsam oder Ungehorsam
Natürlich brauchen Hunde Orientierung, Verlässlichkeit und verständliche Grenzen. Trotzdem greift es zu kurz, jedes Verhalten nur danach zu beurteilen, ob ein Hund „funktioniert“.
Hunde kommunizieren ständig. Über ihre Körperhaltung, ihren Blick, die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen, ihre Nähe und manchmal auch darüber, dass sie plötzlich sehr beschäftigt aussehen, sobald ein Spaziergang enden soll.
Wer seinen Hund nur erziehen möchte, übersieht leicht, wer da eigentlich vor ihm steht.
Camiro und Loretta waren keine austauschbaren Hunde mit demselben Fell auf unterschiedlichen Körpern. Jeder von ihnen brachte einen eigenen Charakter, eigene Rituale und eine ganz persönliche Sicht auf die Welt mit. Genau darin lag der Zauber unseres Zusammenlebens.
Ein informierter Hundehalter kennt nicht nur allgemeine Regeln über Hunde. Er lernt vor allem den eigenen Hund kennen.
Was macht ihm Freude? Was verunsichert ihn? Wann braucht er Unterstützung? Welche Situationen überfordern ihn? Und welche vermeintliche Marotte gehört einfach zu seiner Persönlichkeit?
Nicht alles, was ein Hund tut, muss korrigiert werden. Manches darf man auch beobachten, verstehen und sehr komisch finden.
Wahre Nähe entsteht in den unspektakulären Momenten
Wenn wir über die Beziehung zwischen Mensch und Hund sprechen, denken wir häufig an große Bilder: gemeinsame Reisen, besondere Abenteuer oder den Hund, der in einer schweren Zeit nicht von unserer Seite gewichen ist.
Doch die eigentliche Verbindung entsteht meistens dazwischen.
Sie wächst bei den immer gleichen Spazierwegen. Beim Geräusch der Pfoten auf dem Boden. Beim morgendlichen Blick, der unmissverständlich erklärt, dass der Hund bereits seit mindestens sieben Minuten wach ist und diese Vernachlässigung nicht länger hinnehmen wird.
Sie entsteht auch in den Momenten, in denen der Hund etwas tut, das objektiv betrachtet vollkommen unsinnig ist und für ihn selbst trotzdem einer inneren Meisterleistung gleichkommt.
Wie Camiros Schleichgang zum Sofa.
Solche Szenen wirken zunächst klein. Später sind es häufig genau diese Erinnerungen, die am deutlichsten bleiben. Nicht das Perfekte. Nicht das sorgfältig geplante Foto. Sondern das schiefe, überraschende und wunderbar Eigenwillige.
Ein Hund muss kein Held sein, um unser Leben zu verändern. Manchmal genügt es, dass er mitten im Weg liegt, obwohl der restliche Raum vollständig frei wäre.
Unsere Hunde beobachten uns ebenfalls
Während wir versuchen, das Verhalten unserer Hunde zu verstehen, studieren sie längst unseres.
Sie wissen, welches Familienmitglied bei Leckerchen besonders leicht zu überzeugen ist. Sie kennen den Unterschied zwischen einer ernst gemeinten Regel und einer, die nach dreimaligem Augenaufschlag verhandelbar wird. Sie erkennen das Geräusch einer geöffneten Käseverpackung aus mehreren Räumen Entfernung, hören aber den eigenen Namen erstaunlicherweise nicht, wenn der Rückruf gerade ungelegen kommt.
Man kann das Manipulation nennen.
Man kann aber auch anerkennen, dass Hunde ausgezeichnete Menschenkenner sind.
Sie beobachten unsere Bewegungen, Stimmungen und Gewohnheiten. Häufig bemerken sie lange vor uns, dass wir Ruhe brauchen. Sie fragen nicht, ob wir erfolgreich, ordentlich, gut gelaunt oder gesellschaftlich besonders vorzeigbar sind.
Für einen Hund sind wir einfach sein Mensch.
Vielleicht lieben wir sie auch deshalb so sehr. In ihrer Nähe müssen wir nicht ständig erklären, wer wir sind.
Aus acht Pfoten wurde ein Buch
Camiro und Loretta haben mein Leben nicht durch große Kunststücke verändert. Sie taten es durch ihre Anwesenheit, ihre Eigenarten, ihre Rituale und jene schräge Hundelogik, die im jeweiligen Moment absolut unangreifbar erschien.
Viele dieser kleinen Geschichten wollte ich bewahren. Nicht als Sammlung perfekter Hundeerlebnisse, sondern so, wie das Leben mit Hunden tatsächlich ist: warm, chaotisch, komisch, manchmal anstrengend und gerade deshalb unersetzlich.
Daraus entstand mein Buch „Als der Himmel nach Hund roch: Erinnerungen an die Liebe von acht Pfoten“.
Es erzählt die wahre Geschichte von Camiro und Loretta, von gemeinsamen Abenteuern, stillen Momenten, besetzten Sofas und zwei ganz eigenen Hundepersönlichkeiten. Es ist ein Buch für Menschen, die Hunde lieben, mit ihnen leben oder schon einmal festgestellt haben, dass die behauptete Rangordnung im Haushalt möglicherweise nicht ganz den Tatsachen entspricht.
Denn vielleicht besteht eine gute Beziehung zu einem Hund nicht darin, immer das letzte Wort zu haben.
Vielleicht besteht sie darin, einander lesen zu lernen.
Und gelegentlich so zu tun, als hätte man den schleichenden Hund auf dem Weg zum Sofa wirklich nicht bemerkt.
Das Buch „Als der Himmel nach Hund roch: Erinnerungen an die Liebe von acht Pfoten“ ist als E-Book, Taschenbuch und Hardcover erhältlich.
Direkt bei Amazon: https://amzn.eu/d/0aL8rcA1
Weitere Informationen über das Buch und die Autorin: https://verena-glass.com/als-der-himmel-nach-hund-roch/
Über die Autorin
Verena Glass lebt und arbeitet in Paderborn. Seit 2006 begleitet sie als Autorin, Ghostwriterin, Lektorin und Schreibberaterin andere Menschen dabei, aus Gedanken und Erlebnissen Geschichten zu machen. In „Als der Himmel nach Hund roch“ erzählt sie ihre eigene: die wahre Geschichte von Camiro und Loretta und von der besonderen Liebe, die acht Pfoten in einem Menschenleben hinterlassen können.

