Und schon wieder eine Zeitungsente: Warum falsche Feel-Good-Storys auf Social Media langfristig schaden
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Bis vor kurzem mochte ich sie noch, diese romantisch klingenden, weichgespuelten Feel-Good-Storys auf den sozialen Medien. Doch neuerdings erkenne ich einen Trend, der einen bitteren Beigeschmack hinterlaesst: Es werden komplett erfundene oder nicht ueberpruefbare Quellen als „Beweis“ fuer Behauptungen angegeben, oder es werden journalistische, eigentlich serioese Seiten genannt, bei denen das Thema dann aber niemals aufgetaucht ist. Zufall? Ich glaube nicht. Der Trend auf Social Media geht in Richtung Irrefuehrung und Taeuschung, und das untergraebt langfristig das Vertrauen in echten Tierschutz-Journalismus.
Mein Aufhaenger: Die Feel-Good-Story von umfunktionierten Briefkaesten in Estland
Mein Ausgangspunkt ist ein Post, der wiederholt von vielen unterschiedlichen Seiten (auch bekannten Tierschutzorganisationen) geteilt wurde und dadurch in meinem News Feed sehr prominent war.
Es geht um Estland: Dort sollen ausgediente Briefkaesten zu Hundehuetten umgebaut worden sein, damit streunende Hunde bei der Eiseskaelte nicht im Freien schlafen muessen. Die Posts beschreiben das teilweise bis ins kleinste Detail: Die Kaesten seien fuer Waerme mit Filz und Wolle ausgekleidet, gegen Bodennaesse erhoeht aufgestellt, und „Freiwillige“ beliefern die Stellen mit Futter- und Wassernaepfen. Ausserdem sind die umfunktionierten Behausungen angeblich sogar mit GPS ausgestattet, damit Tieraerzte und Helfer jederzeit wissen, wo Unterstuetzung noetig ist.
Es fallen bedeutungsschwangere Worte: Naechstenliebe. Nachhaltigkeit. Mitgefuehl. Herzen erwaermen.
Und als kroenenden Abschluss gibt es offizielle Quellen: etablierte estnische Medien und eine (echte?) Tierschutzorganisation.
Wenn echte Medien als falsche Beweise herhalten
Versteht mich bitte nicht falsch. Ich mag solche Geschichten. Sie sind herzerwaermend, wenn sie denn wahr waeren. Und genau hier liegt das Problem.
Als Zusatz bei der Estland-Story war als Quellen immer folgender Zusatz angegeben: „Quelle: ERR / Eesti Paevaleht / Animal Rescue Union„. Weil ich mehr ueber dieses offenbar so grossartige Projekt erfahren wollte, habe ich also recherchiert. Und wurde ziemlich schnell bitter enttaeuscht.
- Bei ERR handelt es sich um den oeffentlichen Rundfunk Estlands. (Webseite: https://news.err.ee/) Dort gibt es eine Vielzahl von Text-, Audio- und Videobeitraegen. Allerdings nichts, was auch nur ansatzweise mit Briefkaesten und Hunden zu tun hat.
- Eesti Paevaleht ist nicht nur eine grosse Tageszeitung in Estland, sie ist eine Qualitaetszeitung. Das heisst: Sie arbeiten nach professionellen Standards und lassen sich dadurch klar von Boulevard- oder reinen Meinungsmedien abgrenzen. Suchst du dort nach dem Thema Briefkaesten / Hundehuetten oder Nachrichten zu Hunden im Allgemeinen, wirst du aber auch hier nichts finden.
- Animal Rescue Union: Klingt gross, serioes und natuerlich nach Tierschutz. Gibst du das in Google ein, wirst du erstmal unzaehlige Treffer auf deine Region oder dein Land bezogen finden. Ich erweitere das deshalb um „Estland“. Ich finde die ESPA (Estonian Society for the Protection of Animals) und verschiedenste NGOs oder lokale Tierrettungsorganisationen. Aber eben keine „Animal Rescue Union“. Was am naechsten dran ist, waere noch die LOOMA PAASTE Animal Rescue Group Estonia. Ich stoebere durch deren Arbeit und Projekte, aber nichts zu Briefkaesten oder Hundehuetten.
Zwischenfazit: Nicht jede erfundene Feel-Good-Story ist „arglistige Taeuschung“. Aber: Wer echten, renommierten Medien oder Organisationen Aussagen zuschreibt, die sie nie gemacht haben, ueberschreitet eine Grenze.
Denn in diesem Moment wird aus einer netten Erzaehlung eine Irrefuehrung, unabhaengig davon, wie gut die Absicht dahinter sein mag.
Social Media: Ein Wust aus Fakes und News
Storytelling ist uebrigens eine Marketing-Methode. Und dass die funktioniert, sehen wir bestens am Estland-Briefkaesten-Hundehuetten-Beispiel.
Emotion schlaegt Fakten
Geschichten wie diese bedienen gleich mehrere starke Emotionen:
- Mitgefuehl fuer Tiere
- Hoffnung („Menschen tun etwas Gutes fuer die Tiere“)
- Nachhaltigkeit („Das ist ein Projekt mit Langzeitwirkung“)
- Einfachheit („Kleine Idee, grosse Wirkung“)
Unser Gehirn liebt Feel-Good-Storys. Sie sind leicht verstaendlich, moralisch eindeutig und emotional belohnend. Beim Teilen fuehlt man sich selbst ein bisschen als Teil von etwas Gutem, ganz ohne viel tun zu muessen.
Das Weiterverbreiten passiert also nicht aus boeser Absicht, sondern weil Menschen denken: „Das sollte wahr sein und gefaellt mir. Also teile ich es.“
Der Trick mit den serioesen Quellen
Zusaetze mit Quellenangaben (meist aber ohne Verlinkung, sondern nur Namen oder Bezeichnungen) erfuellen eine klare Funktion:
- Reduziert kritisches Nachdenken
- Verleiht der Story sofortige Glaubwuerdigkeit
- Verhindert Nachfragen („wird schon stimmen“)
In vielen Faellen wurde nie vor der (Weiter)Verbreitung ueberprueft, ob diese Quelle das tatsaechlich berichtet hat.
Stattdessen passiert Folgendes:
- Jemand erfindet oder romantisiert eine Geschichte
- Eine andere Person ergaenzt „eine bekannte Quelle“
- Spaetere Posts uebernehmen diese Angaben ungeprueft
- Nach 20 Reposts gilt sie als „bekannt aus den Medien“
Estland als perfekte Projektionsflaeche
Laender wie Estland, Skandinavien/Nordische Laender, Kleinstaaten oder Inseln, aber auch Ozeanien (Neuseeland, Australien) werden online oft fuer solche Feel-Good-Storys genutzt, weil sie:
- als fortschrittlich und sozial oder aber als „exotisch“ wahrgenommen werden
- fuer viele Leser nicht alltaeglich ueberpruefbar sind
- sprachlich eine gewisse Distanz haben (nicht alle estnische Originalquellen haben eine Uebersetzung, und wenn, dann oft nur ins Englische)
Das senkt die Wahrscheinlichkeit, dass jemand sagt: „Moment, das habe ich dort noch nie gelesen.“
Der Social-Media-Verstaerker
Algorithmen belohnen positive Gefuehle, kurze, visuelle, ruehrende Inhalte und Geschichten ohne Reibung oder offenkundiger Unstimmigkeit.
Eine nuechterne Realitaet („Projekt existiert nicht / nur vereinzelt / anders“) waere fuer den Algorithmus unattraktiv. Eine herzerwaermende Geschichte mit Hunden? Perfekt fuer hohe Reichweite.
Je oefter sie geteilt wird, desto „wahrer“ fuehlt sie sich an, obwohl kein neuer Fakt hinzukommt.
Warum falsche Feel-Good-Storys gefaehrlich sind
Die Idee mit den umfunktionierten Briefkaesten fuer streunende Hunde zum Schutz gegen Wind und Wetter finde ich nach wie vor gut. Also, sie waere in der Realitaet und in Wahrheit schoen.
Ich halte diese Art von Geschichten fuer gut gemeint, aber langfristig schaedlich.
Warum?
- Sie erzeugen ein falsches Bild von Engagement, wo es vielleicht gar keines gibt
- Lenken von realen, existierenden Projekten ab, die den Erfolg auf Social Media viel mehr verdient haetten
- Vermitteln ein Bild von Tierschutz, das nur dann wertvoll ist, solange es spektakulaer inszeniert wird
Tierschutz braucht keine Maerchen. Echte Projekte sind leiser, komplexer und weniger „snackable Content“ oder dafuer gedacht, viral zu gehen, aber sie existieren wenigstens tatsaechlich.
Deshalb: Feel-Good-Storys auch mal kritisch begegnen, hinterfragen und den Blick auf die realen Helden richten, die jeden Tag echt und verlaesslich fuer Tiere arbeiten.
Und ja, man kann solche Geschichten durchaus geniessen, aber bitte im Stillen, ohne sie blind weiterzuverbreiten.