Reanimation beim Hund – Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW/CPR)
Die Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW/CPR) beim Hund ist eine Notfallmassnahme, die bei Herzkreislaufstillstand lebensrettend überbrückt, bis tierärztliche Versorgung eintrifft.
Inhalt
Notfall: Sofort handeln
Bei Atem- oder Herzstillstand sofort mit der Herzdruckmassage beginnen und gleichzeitig jemanden bitten, die nächste Tierklinik anzurufen. Jede Sekunde zählt. Die HLW überbrückt die Zeit bis zur tierärztlichen Versorgung – sie ersetzt sie nicht.
Wenn dein Hund bewusstlos zusammenbricht, nicht mehr atmet und kein Herzschlag zu spüren ist, kann die Herz-Lungen-Wiederbelebung (HLW) lebensrettend sein. Die Technik ist lernbar.
Die RECOVER-Initiative (Reassessment Campaign on Veterinary Resuscitation) hat 2012 erstmals evidenzbasierte Leitlinien für die veterinäre CPR entwickelt und diese 2024 aktualisiert. Die folgenden Schritte basieren auf diesen Empfehlungen sowie auf Angaben des MSD Veterinary Manual und der American Veterinary Medical Association (AVMA).
Wann ist eine Reanimation notwendig?
Eine Herz-Lungen-Wiederbelebung ist notwendig, wenn dein Hund alle drei folgenden Zeichen zeigt: Er reagiert nicht auf Ansprechen oder Schütteln, seine Brust hebt und senkt sich nicht mehr, und du spürst keinen Herzschlag. Diesen Zustand nennt man Herzkreislaufstillstand.
Den Puls kannst du an der Innenseite des Oberschenkels tasten, indem du mit zwei Fingern (nicht dem Daumen) leichten Druck gegen den Oberschenkelknochen ausübst. Dauert die Überprüfung länger als 10–15 Sekunden, starte sofort mit den Kompressionen. Laut RECOVER-Leitlinien 2024 verursacht eine verzögerte Pulsprüfung gefährliche Zeitverluste.
- Keine Reaktion auf Ansprechen und Schütteln
- Keine sichtbare Atembewegung am Brustkorb
- Kein tastbarer Puls oder Herzschlag (Innenseite Oberschenkel)
- Ggf. agonale Atemzüge (verkrampfte Schnappatmung) – diese zählen nicht als normale Atmung
Schritt für Schritt: Ablauf der Reanimation
Führe diese Schritte in der richtigen Reihenfolge durch. Ruf, wenn möglich, gleichzeitig jemanden zur Hilfe – eine zweite Person kann beatmen, während du komprimierst.
- Sicherheit prüfen: Vergewissere dich, dass keine Gefahr für dich besteht (z. B. Straßenverkehr, Elektrizität).
- Bewusstsein testen: Hund laut ansprechen und vorsichtig schütteln. Keine Reaktion? Weiter zu Schritt 3.
- Um Hilfe rufen: Lass jemanden sofort die nächste Tierklinik anrufen, während du weitermachst.
- Atemwege freimachen: Hund in rechte Seitenlage bringen. Maul öffnen, Zunge hervorziehen und prüfen, ob ein Fremdkörper die Atemwege blockiert. Hals leicht strecken.
- Beatmung vorbereiten: Maul des Hundes mit einer Hand geschlossen halten. Mund über die Nasenlöcher legen, abdichten und langsam ausatmen, bis sich der Brustkorb sichtbar hebt (ca. 1 Sekunde). 2 Atemstöße geben.
- Herzdruckmassage starten: Hände auf der Brust positionieren (Technik je nach Körperbau, siehe unten). 30 Kompressionen geben – gleichmäßig, ohne Pause.
- Rhythmus einhalten: 30 Kompressionen, dann 2 Beatmungen. Diesen Zyklus etwa 2 Minuten lang wiederholen, dann kurz innehalten und prüfen, ob Atmung oder Puls zurückgekehrt sind.
- Weiter bis zur Tierklinik: Unterbreche die HLW so selten wie möglich. Sobald jemand verfügbar ist, in die Tierklinik fahren – HLW während der Fahrt fortsetzen.
Technik der Herzdruckmassage: Frequenz und Tiefe
Die RECOVER-Leitlinien 2024 empfehlen 100–120 Kompressionen pro Minute – etwas schneller als ein Schlag pro Sekunde. Als Taktgeber dient vielen Ersthelfern der Rhythmus des Lieds Stayin‘ Alive, das genau dieses Tempo hat. Drücke den Brustkorb bei jedem Stoß auf etwa ein Drittel bis zur Hälfte seiner Breite ein. Zwischen den Kompressionen muss sich der Brustkorb vollständig entfalten – lass den Druck also vollständig los, behalte aber die Handposition.
Die Qualität der Kompressionen entscheidet über den Kreislauf. Langsame, flache oder unvollständige Kompressionen verringern die Überlebenschancen deutlich.
Handposition je nach Körperbau
Hunde unterscheiden sich stark im Körperbau. Die AVMA und RECOVER empfehlen deshalb unterschiedliche Techniken:
- Mittelgroße und große Hunde mit normalem Brustkorb (z. B. Labrador, Schäferhund): In rechte Seitenlage bringen. Beide Hände übereinander auf den breitesten Punkt des Brustkorbs legen und komprimieren.
- Rundbrüstige, breite Hunde (z. B. Bulldogge, Mops): In Rückenlage drehen. Hände übereinander auf das Brustbein legen. Hier nur etwa ein Viertel der Brustbreite eindrücken – weniger tief als bei seitlicher Lagerung.
- Kielbrüstige Hunde mit tiefem, schmalem Brustkorb (z. B. Greyhound, Windhund): In rechte Seitenlage, Hände direkt über dem Herzen platzieren (3. bis 5. Zwischenrippenraum, links unten am Brustkorb).
- Kleine Hunde und Welpen (unter ca. 10 kg): Eine Hand oder beide Hände den Brustkorb umgreifen (Daumen oben, Finger unten) und mit gleichmäßigem Druck komprimieren – kein volles Gewicht aufbringen.
Beatmung: So geht es richtig
Beim Hund beatmest du über die Nase, nicht über das Maul. Halte das Maul mit einer Hand fest geschlossen. Lege deinen Mund dicht um beide Nasenlöcher und atme langsam und gleichmäßig aus – nicht reinblasen, sondern ausatmen. Der Brustkorb des Hundes muss sich dabei sichtbar heben. Hebt er sich nicht, prüfe nochmals, ob die Atemwege frei sind.
Das Verhältnis beträgt 30 Kompressionen zu 2 Atemstößen (30:2). Bei einem einzelnen Helfer gilt dieser Rhythmus. Sind zwei Helfer anwesend, kann eine Person kontinuierlich komprimieren, während die andere beatmet – das erhöht die Effektivität. Die empfohlene Beatmungsrate liegt laut RECOVER bei 10 Atemstößen pro Minute.
Wer die Mund-zu-Nase-Beatmung aus hygienischen Gründen vermeiden möchte, konzentriert sich auf reine Herzdruckmassage. Kontinuierliche Kompressionen ohne Beatmung sind besser als Inaktivität.
Grenzen der Laien-HLW und Prognose
Die HLW durch Tierhalter kann lebensrettend sein – sie überbrückt den Zeitraum bis zur tierärztlichen Versorgung. Sie ersetzt diese jedoch nicht. Laut Daten der AVMA überleben bei optimalen Bedingungen (Narkosezwischenfall) etwa 17-mal mehr Tiere als bei einem ungeplanten Herzstillstand. Die allgemeine Überlebensrate bis zur Entlassung liegt in der Veterinärmedizin bei 6–19 %. Ohne HLW wäre sie nahe null.
Beende die Reanimation, wenn der Hund wieder eigenständig atmet, wenn du körperlich nicht mehr in der Lage bist, weiterzumachen, oder wenn ein Tierarzt die Versorgung übernimmt. Zeige dem Tierarzt, wann du begonnen hast und was du getan hast.
Häufige Fragen
Kann ich meinem Hund beim Beatmen schaden?
Nein – im Herzkreislaufstillstand ist jeder Atemversuch besser als keiner. Achte darauf, nicht zu kräftig zu blasen: Der Brustkorb soll sich nur leicht heben. Zu viel Luftdruck kann den Magen aufblähen und die Reanimation erschweren.
Wie lange muss ich die HLW durchführen?
Führe die HLW in 2-Minuten-Zyklen durch und prüfe jeweils kurz, ob Atmung oder Puls zurückgekehrt sind. Fahre fort bis zum Eintreffen in der Tierklinik oder bis ein Tierarzt übernimmt. Nach 20–30 Minuten ohne Reaktion ist die Prognose in den meisten Fällen sehr schlecht – diese Entscheidung trifft jedoch der Tierarzt.
Muss ich beim kleinen Hund anders vorgehen?
Ja. Bei kleinen Hunden und Welpen (unter ca. 10 kg) umgreifst du den Brustkorb mit einer oder beiden Händen und drückst gleichmäßig zusammen – Daumen oben, Finger unten. Kein volles Körpergewicht einsetzen, da sonst Rippen brechen können. Die Frequenz bleibt dieselbe: 100–120 Kompressionen pro Minute.
Was ist, wenn mein Hund noch atmet, aber bewusstlos ist?
Dann ist keine HLW nötig. Bringe den Hund in stabile Seitenlage, halte die Atemwege frei und fahre sofort zur Tierklinik. Beobachte die Atmung kontinuierlich – ändert sie sich oder setzt sie aus, beginne sofort mit der HLW.
Kann ich mir die Reanimationstechnik vorher üben?
Ja – und das wird ausdrücklich empfohlen. Die RECOVER-Initiative bietet zertifizierte CPR-Kurse für Tierhalter an (recoverinitiative.org). Viele Tierkliniken führen auch Erste-Hilfe-Kurse für Hunde durch. Wer die Handgriffe einmal geübt hat, handelt im Ernstfall deutlich schneller und sicherer.
Quellen
- Journal of Veterinary Emergency and Critical Care / Wiley Online Library: 2024 RECOVER Guidelines: Updated treatment recommendations for CPR in dogs and cats
- MSD Veterinary Manual: Cardiopulmonary Resuscitation of Small Animals – MSD Veterinary Manual
- American Veterinary Medical Association (AVMA): Revised CPR guidelines in dogs, cats emphasize speed, standard techniques
- Today’s Veterinary Nurse: Advancing Veterinary CPR: Key Updates From the 2024 RECOVER Guidelines
- NCBI Bookshelf / StatPearls (National Library of Medicine): EMS Canine Cardiopulmonary Resuscitation – StatPearls
- AniCura Deutschland: Wiederbelebung beim Tier – AniCura Deutschland
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