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Cherry Eye beim Hund (Nickhautdrüsenvorfall): Ursachen, Symptome & Behandlung

5 Min Lesezeit
Definition

Cherry Eye (Nickhautdrüsenvorfall) ist der Vorfall der Tränendrüse des dritten Augenlids (Nickhaut) beim Hund, bei dem die Drüse ihre Verankerung verliert und als rote, runde Masse im inneren Augenwinkel sichtbar wird.

Inhalt
  1. Was ist der Nickhautdrüsenvorfall?
  2. Welche Rassen sind besonders betroffen?
  3. Symptome: Was du sehen und bemerken wirst
  4. Behandlung: Warum die Drüse erhalten werden muss
  5. Ist Cherry Eye gefährlich — und wie dringend ist der Tierarztbesuch?
  6. Prognose und Nachsorge
  7. Häufige Fragen
  8. Quellen

Im inneren Augenwinkel deines Hundes taucht plötzlich eine rote, fleischige Vorwölbung auf — das ist Cherry Eye, der Vorfall der Tränendrüse des dritten Augenlids (Nickhaut). Die Drüse ist nicht verschwunden, sie hat nur ihre Verankerung verloren und quillt nach vorne.

Kein akuter Notfall, aber ein Fall für den Tierarzt. Je länger die Drüse unversorgt vorgefallen bleibt, desto stärker entzündet sie sich — und desto wichtiger ist es, sie chirurgisch zu erhalten statt zu entfernen.

Was ist der Nickhautdrüsenvorfall?

Hunde besitzen drei Augenlider. Das dritte Augenlid (Nickhaut, Membrana nictitans) liegt im inneren Augenwinkel und enthält eine eigene Tränendrüse. Diese Drüse ist über ein Bindegewebsband in der Augenhöhle verankert. Reißt oder lockert sich diese Verbindung, prolabiert die Drüse nach vorne und wird als rote, runde Masse sichtbar — daher der englische Name Cherry Eye.

Die Drüse produziert bis zu 50 % des wässrigen Anteils des Tränenfilms. Sie ist damit unverzichtbar für die Augengesundheit. Eine Entfernung erhöht das Risiko für Keratoconjunctivitis sicca (KCS, trockenes Auge) erheblich — in Studien zeigten Augen nach Drüsenexzision ein 3,4-fach erhöhtes KCS-Risiko verglichen mit Augen nach erhaltender Reposition.

Welche Rassen sind besonders betroffen?

Brachyzephale (kurznasige) Rassen und Großhunderassen mit lockerer Bindegewebsstruktur erkranken deutlich häufiger. Eine genomweite Assoziationsstudie (2024) fand die höchsten Prävalenzen bei:

  • Neapolitanischer Mastiff (~22 % betroffene Tiere in der Studie)
  • Englische Bulldogge (~18 %)
  • Cocker Spaniel (~9 %)
  • Tibetanischer Mastiff (~6 %)
  • Deutsche Dogge (~5 %)

Weitere häufig genannte Rassen: Französische Bulldogge, Beagle, Lhasa Apso, Shih Tzu, Mops, Boston Terrier, Bluthund und Shar-Pei. Das Odds Ratio für brachyzephale Hunde liegt dabei bei 7,6 gegenüber Hunden mit normalem Schädelindex. Die Erkrankung tritt überwiegend in den ersten zwei Lebensjahren auf — in einer großen Studienpopulation waren 79 % der Fälle bei Hunden unter einem Jahr.

Symptome: Was du sehen und bemerken wirst

Das auffälligste Zeichen ist eine rosafarbene bis kräftig rote, runde Masse im inneren Augenwinkel, die mehr oder weniger prominent hervorsteht. Anfangs ist sie oft schmerzlos und stört den Hund kaum. Mit zunehmender Exposition trocknet die Drüse ein, entzündet sich und kann Beschwerden verursachen.

  • Rote, fleischige Vorwölbung im inneren Lidwinkel (ein- oder beidseitig)
  • Vermehrter Tränenfluss oder Augenausfluss
  • Rötung der Bindehaut (Konjunktivitis)
  • Häufiges Blinzeln oder Reiben am Auge
  • Im Verlauf: verminderte Tränenproduktion durch chronische Reizung

Das zweite Auge erkrankt häufig zeitversetzt ebenfalls. Hast du Cherry Eye an einem Auge festgestellt, solltest du das andere im Blick behalten.

Behandlung: Warum die Drüse erhalten werden muss

Die chirurgische Reposition der Drüse ist der Goldstandard — aktuelle systematische Übersichtsarbeiten sind da eindeutig. Eine alleinige Entfernung (Exzision) gilt als überholt und sollte nur in absoluten Ausnahmefällen erwogen werden.

Zwei bewährte erhaltende Operationsverfahren:

  • Taschentechnik (Morgan Pocket Technique): An der Innenseite der Nickhaut wird eine Gewebstasche präpariert, die Drüse darin versenkt und die Öffnung mit feinem, resorbierbarem Nahtmaterial verschlossen. Rezidivrate in Metaanalysen: rund 3 %.
  • Anheftungs-/Tacking-Technik: Die Drüse wird mit Nähten an Perioribitalfaszie oder Nickhautknorpel fixiert. Vergleichbar niedrige Versageraten — außer bei der inferioren Skleralverankerung (ca. 59 % Rezidiv), die nicht mehr empfohlen wird.

Beide Eingriffe erfolgen unter Vollnarkose. Postoperativ bekommen Hunde in der Regel antibiotische Augensalben und tragen vorübergehend einen Halskragen. In etwa 15 % der Fälle kann auch nach erfolgreicher Operation langfristig ein trockenes Auge entstehen — dann sind regelmäßige Befeuchtungstropfen oder Salben dauerhaft nötig.

Konservative Maßnahmen (Befeuchtungstropfen, entzündungshemmende Salben) können vorübergehend Reizungen lindern, beheben den Vorfall aber nicht. Sie sind kein Ersatz für die Operation.

Ist Cherry Eye gefährlich — und wie dringend ist der Tierarztbesuch?

Cherry Eye ist kein akuter Notfall. Trotzdem solltest du zeitnah einen Termin vereinbaren: Je länger die Drüse exponiert ist, desto mehr trocknet und entzündet sie sich — das verschlechtert die Prognose und kann das Operationsrisiko steigern.

Die Diagnose stellt der Tierarzt meist durch eine einfache Augenuntersuchung. Eine Spaltlampenuntersuchung oder ein Schirmer-Tränentest kann ergänzend sinnvoll sein, um die Tränenproduktion zu messen und eine gleichzeitig bestehende KCS auszuschließen.

Prognose und Nachsorge

Nach einer erhaltenden Operation erholen sich die meisten Hunde innerhalb weniger Wochen. Die Prognose ist bei frühzeitiger Behandlung und leichten bis mittleren Vorfällen gut. Bei brachyzephalen Rassen und großen Hunden mit besonders lockerer Bindegewebsstruktur ist die Rezidivrate etwas höher.

Da die Veranlagung genetisch mitbedingt ist, lässt sich ein Wiederauftreten nicht immer verhindern. Ein weiterer Eingriff ist dann möglich und sinnvoll — die Drüse behält trotz wiederholter Operationen ihre Funktion.

Häufige Fragen

Kann Cherry Eye beim Hund von selbst zurückgehen?

Selten. Gelegentlich fällt eine vorgefallene Drüse bei jungen Welpen spontan zurück. In den meisten Fällen bleibt die Drüse vorgefallen und entzündet sich zunehmend. Wartet man ab, verschlechtert sich die Ausgangssituation für die Operation in der Regel.

Warum soll die Drüse nicht einfach entfernt werden?

Die Nickhautdrüse produziert bis zu 50 % des wässrigen Tränenfilms. Ohne sie steigt das Risiko für ein dauerhaft trockenes Auge (Keratoconjunctivitis sicca) erheblich — Studien zeigen ein 3,4-fach erhöhtes KCS-Risiko nach Exzision. KCS muss lebenslang behandelt werden und kann unversorgt zu Hornhautschäden und Sehverlust führen.

Welche Operation ist die beste bei Cherry Eye?

Die Taschentechnik (Morgan Pocket Technique) hat die beste Evidenz: Metaanalysen ergeben eine Rezidivrate von rund 3 %. Die Tacking-Technik (Anheftung) ist ebenfalls etabliert und zeigt ähnlich gute Ergebnisse. Welches Verfahren im Einzelfall geeignet ist, entscheidet der Augenarzt oder Chirurg.

Können beide Augen betroffen sein?

Ja. Bei prädisponierten Rassen tritt Cherry Eye häufig zeitversetzt auch am zweiten Auge auf. Wenn du einen Vorfall an einem Auge bemerkst, sollte der Tierarzt beide Augen untersuchen.

Ist Cherry Eye schmerzhaft für den Hund?

Anfangs meist nicht. Die vorgefallene Drüse verursacht in frühen Stadien wenig Schmerz. Mit zunehmender Austrocknung und Entzündung kann Unbehagen entstehen — der Hund reibt oder kratzt dann häufiger am Auge.

Quellen