Gerade in meinem Fall kann ich Alltagstraining und Hundesport nicht voneinander trennen.
Carl hat bei mir von Anfang an eine Hybridrolle gehabt: bestimmte Assistenzaufgaben im Alltag – und später stellte sich heraus, eine große Leidenschaft für den Hundesport. Beides gehört für uns zusammen.
Alltag und Hundesport sind für mich kein Gegensatz
Am Anfang war das allerdings noch nicht so. Die ersten Monate bestanden fast ausschließlich aus Ruhe. Wir haben sehr früh mit Impulskontrolle begonnen und fast ein Jahr lang in einer bewusst sehr niedrigen Trieblage gearbeitet. Das ist mir wichtig zu betonen. Kein Hochfahren, kein unnötiges Pushen, sondern sauberes, ruhiges Lernen. Grundlagen. Beziehung. Vertrauen.
Warum ruhiger Aufbau die Basis für alles war
Eines Tages kam der Punkt, an dem mir klar wurde: Das Portfolio an Alltagsaufgaben, die ich von meinem Hund benötige, ist im Grunde ausgeschöpft. Ich bin trotz Rollstuhl ein sehr eigenständiger Mensch. Aber mein Hund hat mir etwas anderes gezeigt: Ich kann mehr. Ich will mehr. Ich habe diesen Arbeitswillen.
Über Freunde bekam ich erste tiefere Einblicke in den Hundesport. Gedanklich hatte ich mich damit schon länger beschäftigt, vorrangig mit der Frage, ob Hundesport im Rollstuhl überhaupt realistisch umsetzbar ist. Mit Carl wurde rasch klar: Ich habe dafür den perfekten Begleiter. Einen Hund, der Lust hat, mitzudenken und zu arbeiten.
Entscheidend dafür war rückblickend, dass wir von Anfang an den Alltag trainiert haben. Ruhig. Strukturiert. Ohne ihn hochzudrehen. Dadurch ist eine extrem enge Bindung entstanden, in der wir beide sehr genau wissen, wie der andere funktioniert.
Sicherheit im Alltag ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit
Im Alltag übernimmt Carl Aufgaben, die für mich sicherheitsrelevant sind. Er hebt Dinge vom Boden auf, bringt sie mir, gibt sie mir in die Hand. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wenn ich mich nach vorn beuge, kann es durch meine Polyneuropathie zu Spastiken kommen. Das kann dazu führen, dass ich aus dem Rollstuhl kippe.
Solche Situationen überlasse ich bewusst meinem Hund – kontrolliert, zuverlässig und sicher.
Auslösen ist erlaubt – Kontrollverlust nicht
Gleichzeitig ist Karl ein Hund mit hoher Arbeitsbereitschaft und entsprechendem Trieb. Das bedeutet auch: Es gibt Situationen, in denen er auslöst. Und das ist völlig in Ordnung. Auslösen ist ein natürlicher Abwehrmechanismus und an sich nichts Negatives – solange es kontrolliert bleibt.
Genau hier zeigt sich der Wert von Impulskontrolle. Karl hat gelernt, bei einem Auslöser nicht unkontrolliert nach vorn zu schießen, sondern in meiner Nähe zu bleiben. Er bleibt ansprechbar, gibt keinen massiven Druck auf die Leine und bringt mich dadurch nicht in eine Situation, die für mich gefährlich werden könnte. Jeder unkontrollierte Leinenzug birgt für mich ein reales Risiko.
Wie viel Kraft in diesem Hund steckt, habe ich sehr bewusst getestet. Ich habe Karl einmal mit einem Zuggeschirr an meinem Rollstuhl auf einer präparierten Strecke laufen lassen. Er hat mich dabei auf rund 30 km/h beschleunigt. Mein Rollstuhl und ich wiegen zusammen etwa 90 Kilogramm. Das zeigt sehr deutlich, über welches körperliche Potenzial wir hier sprechen.
Umso wichtiger ist es, dass Auslösen nicht mit Kontrollverlust einhergeht. Impulskontrolle sorgt dafür, dass Kraft nicht ungerichtet freigesetzt wird – weder im Alltag noch im Hundesport.
Warum Hundesport bei uns Alltag widerspiegelt
Erst kürzlich hatten wir dieses Thema wieder in einer Trainingsbesprechung mit meinen Freunden, die mich auf dem Weg zum Mondioring begleiten. Es ging um Apportierarbeit. Für uns ist das nichts Neues. Viele dieser Aufgaben machen wir im Alltag ohnehin. Deshalb fühlt sich ein großer Teil des sportlichen Trainings für uns nicht wie Training an, sondern wie Alltag.
Wenn man sich die Aufgaben im Mondioring anschaut und sich ehrlich einmal selbst in einen Rollstuhl setzt, merkt man schnell, wie nah dieser Sport an realen Alltagssituationen sein kann. Für mich bildet er vieles ab, was ich im täglichen Leben mit meinem Hund benötige.
Ruhe, Impulskontrolle und Frustrationstoleranz als Schlüssel
Ein weiterer zentraler Punkt ist Ruhe. Carl ist ein triebstarker Hund. Er hat Leistungsbereitschaft, Will to please, Tempo. Aber er hat auch gelernt, herunterzufahren. Das war von Anfang an ein Kernpunkt unserer Arbeit. Gerade weil es Phasen gibt, in denen es mir gesundheitlich nicht gut geht, muss mein Hund in der Lage sein, zur Ruhe zu kommen.
Impulskontrolle und Frustrationstoleranz sind im Hundesport essenziell – und für mich im Alltag unverzichtbar. Ich kann im Rollstuhl keinen Hund gebrauchen, der jedem Reiz nachgibt, der frustriert reagiert oder mich in gefährliche Situationen bringt. Genau deshalb ergänzen sich Alltagstraining und Hundesport bei uns so gut.
Ein Appell an das Mindset im Hundesport
Für mich ist Hundesport kein Selbstzweck und keine Bühne. Er ist eine logische Konsequenz aus unserem Alltag. Und vielleicht auch der beste Beweis dafür, dass guter Hundesport nicht im Widerspruch zur Alltagstauglichkeit steht – sondern sie erst möglich macht.
Vielleicht ist dieser Blickwinkel auch eine Einladung an all jene, die gesundheitlich nicht mit vergleichbaren Einschränkungen leben müssen, die eigene Einstellung zum Thema Hundesport noch einmal zu hinterfragen. Nicht im Sinne von höher, schneller, weiter – sondern im Sinne von Konsequenz, Ehrlichkeit und Verantwortung gegenüber dem eigenen Hund.
Viele Probleme, die im Alltag zwischen Mensch und Hund entstehen, würden möglicherweise gar nicht erst entstehen, wenn Training von Anfang an ehrlich wäre. Wenn man sich selbst nichts vormacht, dem Hund klare Strukturen bietet und bereit ist, an sich genauso zu arbeiten wie am Tier. Das gilt im Alltag genauso wie im Hundesport – unabhängig von der Disziplin.
Denn Hundesport funktioniert nur dann wirklich, wenn man lernt, als Team zusammenzuarbeiten. Wenn Vertrauen keine Floskel ist, sondern Grundlage. Und genau dieses Teamgefühl ist es, das aus meiner Sicht nicht nur sportliche Entwicklung ermöglicht, sondern auch ein gutes, stabiles Zusammenleben im Alltag.





