Qualzucht bei Hunden: Ästhetik vs. Moral

Qualzucht bei Hunden ist ein kontroverses Thema, da es oft mit Gesundheitsproblemen und somit Leid einhergeht. Ästhetik streitet mit Moral. Was können verantwortungsbewusste Hundehalter tun, um gegen Qualzuchten vorzugehen? Wir möchten eine bessere Welt für Hunde und Halter erschaffen und setzen deshalb auf Information und Aufklärung anstatt Werbung.

Qualzucht bei Hunden – was genau ist das eigentlich?

Einige Hunderassen werden so gezüchtet, dass sie bestimmte Merkmale aufweisen, die als ästhetisch oder modisch angesehen werden, wie bestimmte Fellfarben oder -Musterungen, kurze Schnauzen, ausgeprägte Hautfalten oder extrem lange Ohren.

Früher oder später führen ebendiese Merkmale jedoch zu Atemproblemen, Augenerkrankungen, Hautinfektionen oder allerlei anderen Krankheiten und gesundheitlichen Einschränkungen und beeinträchtigen dadurch das Leben der betroffenen Hunde.

Und wie kommt es zu einer derartigen Verbreitung von Qualzuchten?

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Bestimmt hast du diesen Spruch schon mal gehört. Viele Käufer von Qualzüchtungen sind sich nicht einmal bewusst, dass sie gerade eine Qualzucht erworben haben und das System damit weiter unterstützen. Darüber hinaus zeigen sich die Auswirkungen von Qualzüchtungen in einigen Fällen erst, nachdem der Hund ein gewisses Alter erreicht hat.

Gesetze und Vorschriften in den Ländern sind kaum in der Lage, Qualzuchten weitreichend oder gar vollumfänglich Einhalt zu gebieten. In den meisten Gesetzgebungen gibt es rechtliche Grauzonen zum Thema Qualzucht bei Hunden. Ein wichtiger, aber in der Praxis tragischerweise fast unwesentlicher Aspekt ist der Umstand, dass Tiere rechtlich und gesetzlich in der Regel als Sachen angesehen werden.

Liegt Schönheit nicht im Auge des Betrachters?

Die Wahrnehmung von Niedlichkeit oder Schönheit ist subjektiv und dementsprechend von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Es gibt aber durchaus einige allgemeine Faktoren, die beeinflussen, wie Menschen empfinden, was sie als niedlich oder schön ansehen.

So gibt es einige biologische Faktoren, die unsere Wahrnehmung von Niedlichkeit beeinflussen. Zum Beispiel sind runde Gesichter, grosse Augen, eine hohe Stirn und ein kleiner Mund oft Merkmale, die wir als niedlich empfinden, da sie uns an Babys erinnern. Dies wird oft als “Baby Schema” oder “Kindchenschema” bezeichnet und führt dazu, dass wir Tiere mit ähnlichen optischen Merkmal als besonders niedlich wahrnehmen.

Darüber hinaus gibt es weitere (äussere) Einflüsse, die den Ausschlag dafür geben, was für uns “schön” ist und was nicht. Dazu zählen kulturelle Normen und damit einhergehende gesellschaftliche Vorstellungen sowie persönliche Erfahrungen (sowohl positive Erinnerungen als auch negative Erlebnisse und Assoziationen).

Ein sehr entscheidender Aspekt bleibt allerdings die soziale Konditionierung. Alle Medien inklusive Werbung sowie unser soziales Umfeld beeinflussen unsere Wahrnehmung enorm stark. In Summe ist Qualzucht bei Hunden ein Zustand, den die Mehrheit der Menschen erschaffen und geprägt hat.

Überzüchtete Hunde Liste

Beispielsweise das Projekt QUEN (Qualzucht Evidenz Netzwerk) widmet sich der Aufstellung einer Datenbank, bei dem interessierte Hundehalter oder solche, die es werden wollen, sich einen Überblick über von Qualzucht betroffene Hunderassen verschaffen können. Auf der Seite https://qualzucht-datenbank.eu/ findest du nähere Informationen. Hier aber noch eine weiterführende Liste, auf welche Merkmale du vor der Anschaffung eines eventuell betroffenen Hundes achten kannst.

  1. Extreme oder übermässig viele Hautfalten: Betroffene Rassen sind zum Beispiel Bulldoggen, Shar-Pei oder Mastino Napoletano (Neapolitanischer Mastiff). Ihre Hautfalten führen im Alltag häufig zu Hautreizungen, Infektionen und Schmerzen und bedürfen daher einer sehr aufwändigen Pflege, die Haltern im Vorfeld nur selten bewusst ist.
  2. Verkürzte Nasen/Schnauzen: Hunderassen wie der Mops, Französische oder Englische Bulldoggen haben oft kurze Schnauzen und flache Gesichter aufgrund von selektiver Zucht. Dies kann zu Atembeschwerden, Schwierigkeiten beim Atmen, Überhitzung und anderen gesundheitlichen Problemen führen. Eine sehr verbreitetes Krankheitsbild unter ihnen ist die Brachyzephalie.
  3. In Summe stark verminderte oder gesteigerte Körpergrösse: Bei einigen Hunderassen werden übermäßig grosse oder kleine Körpergrössen gezüchtet, wie zum Beispiel bei Deutschen Doggen oder Chihuahuas. Dies kann zu orthopädischen, Herz- und anderen Gesundheitsproblemen führen.
  4. Veränderte Fellbeschaffenheit und/oder –Färbung: Einige Hunderassen weisen nach selektiver Züchtung eine andere Beschaffenheit oder Farbe ihres Fells auf, als es ihr ursprünglicher (und natürlicher) Zustand war. Die folgenden Beispiele sind nur ein Auszug und nicht erschöpfend: “silberne” Labradore, Rassen mit widernatürlichem “Merle”-Muster, Dalmatiner ohne Flecken, Afghane oder Malteser mit extrem verdichtetem Fell. Das sogenannte Dilute Gen sorgt bei vielen Rassen später für entsprechende Krankheitsbilder.
  5. Besondere Stellungen und Formen von Ruten: Zum Glück nicht ganz so weit verbreitet, gibt es sie trotzdem – Hunde mit einer veränderten Form ihrer Rute. Beispielsweise die sogenannten “Stummel-” oder “Ringelruten” kommen bei bestimmten Rassen natürlicherweise vor, allerdings gibt es inzwischen auch fragwürdige Abwandlungen in der Züchtung.

Welche Hunde sind keine Qualzuchten?

An dieser Stelle eine Liste zu liefern, wäre weder zielführend noch realistisch. Denn Erkennungsmerkmale für Qualzucht bei Hunden hängen davon ab, was ihr natürliches Erscheinungsbild ist und inwiefern – und ob überhaupt! – es innerhalb der Zuchtlinie verändert wurde. Wenn man es ganz genau nimmt, würde ohne Zucht heute überhaupt kein Hund, wie wir ihn kennen, existieren. Die Domestizierung von Hunden fand vor mehreren tausend Jahren statt und über die Zeit hinweg entwickelten sich Hunde durch menschliche Zucht und Selektion in verschiedene Rassen, wie wir sie heute kennen, mit unterschiedlichen physischen und Verhaltensmerkmalen.

Was kann ich gegen Qualzucht bei Hunden tun?

Falls du gerade erst überlegst, dir einen Hund anzuschaffen, beginnt alles mit der Recherche: Informiere dich über verschiedene Hunderassen und ihre typischen Merkmale, sowohl positive als auch negative. Achte darauf, welche rassetypischen Merkmale als Qualzucht gelten und potenziell gesundheitliche Probleme verursachen können.

Wann gilt ein Züchter als seriös? Möchtest du einen Rassehund erwerben, führt dich dein Weg höchstwahrscheinlich direkt zum Züchter. Achte bei Suche und Auswahl darauf, dass sich der Züchter an die Standards des jeweiligen Rassehundeverbands hält und sich auf die Gesundheit und das Wohl der Hunde konzentriert. Bemühte Züchter stellen mittels Gesundheitsüberprüfungen sicher, dass die Elterntiere des Hundes auf genetische Erkrankungen und gesundheitliche Probleme untersucht wurden und keine Anzeichen von Qualzuchtmerkmalen aufweisen. Seriöse Züchter sind bereit, alle Fragen ehrlich und ausführlich zu beantworten, auch, was potenzielle Merkmale von Qualzucht bei Hunden angeht.

Last but not least: Ein Appell an die Vernunft

Erwäge auch die Adoption eines Hundes aus einem Tierheim oder einer Tierschutzorganisation. Viele Hunde in Tierheimen und Rettungsorganisationen suchen liebevolle Zuhause und sind oft Mischlingshunde, die weniger anfällig für Qualzuchtmerkmale sind.

Es ist wichtig, sich bewusst zu sein und die nötige Sorgfalt walten zu lassen, um sicherzustellen, dass der Hund, den du erwirbst, nicht unter Qualzucht leidet. Eine gründliche Recherche, Zusammenarbeit mit seriösen Züchtern oder Adoption von geretteten Hunden aus Tierheimen können dazu beitragen, dass es mehr rundum gesunde und glückliche Hunde auf dieser Welt gibt.

Um Qualzucht bei Hunden endlich ganz zu unterbinden, bedarf es jedoch mehrerer Schritte. Wir als Hundehalter müssen uns tiefergehend über rassespezifische Merkmale informieren und das eigene Schönheitsideal darf bei der Auswahl eines Hundes keine Priorität mehr haben. Ein generelles Umdenken in diese Richtung, kritisches Hinterfragen von in den Medien präsentierten Bildern und Informationen sowie die grundsätzliche Auseinandersetzung mit dem Thema sind hierbei die ersten Schritte.

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