Hundesport sucht Nachwuchs – aber bitte nicht zu modern

Ende April möchte ich mit meinem Hund Carl die Begleithundprüfung laufen. Carl ist ein holländischer Schäferhund. Ein junger Gebrauchshund, der arbeiten will. Unser Weg soll langfristig Richtung Mondioring gehen – eine der anspruchsvollsten Gebrauchshundesportarten überhaupt. Moderner Hundesport. Der Weg dorthin beginnt wie bei fast allen: mit Grundgehorsam, sauberer Fußarbeit und einer Begleithundprüfung. Die größere Herausforderung liegt allerdings nicht im Training. Sondern in der Frage, wo man überhaupt trainieren darf.

Ein Platz – aber nur unter Bedingungen

Nach längerer Suche fand ich endlich einen Hundeplatz in meiner Region, auf dem ich trainieren durfte. Gerade mit einem jungen Hund ist Kontinuität wichtig. Beim Training kam irgendwann die Frage auf, wo ich nach der Begleithundprüfung hin möchte. Meine Antwort war keine Überraschung: Mondioring. Darauf folgte allerdings kein Gespräch über Trainingsaufbau, Möglichkeiten oder Perspektiven. Stattdessen der Versuch, mir diese Sportart auszureden. Am Ende stand eine klare Aussage des Vereinsvorsitzenden. Auf „seinem Hundeplatz“ werde es keinen zweiten Schutzhundesport geben. Und überhaupt störe ihn schon, dass die Turnierhundesportler ihren „Krempel“ auf dem Platz stehen lassen. Der Hundeplatz ist so groß, dass man dort problemlos zwei Trainingsflächen einrichten könnte. Die Botschaft war trotzdem eindeutig: Entweder IGP – oder gar nicht.

Der nächste Verein – die nächste Überraschung

Also begann ich erneut zu suchen. Beim nächsten Hundeplatz ließ der Vorsitzende über ein Vereinsmitglied ausrichten, dass ich mit einem Rollstuhl ohnehin nicht auf den Platz komme. Und außerdem werde der Hund bei der Begleithundprüfung links geführt – alles andere gebe es nicht. Das ist bemerkenswert. Denn die Sportordnung erlaubt selbstverständlich Ausnahmen, wenn medizinische Gründe vorliegen. In solchen Fällen darf der Hund auch rechts geführt werden. Genau dafür existieren diese Regelungen. Es wäre also kein Problem. Wenn man wollte.

Es geht auch anders

Die Ironie an der Sache ist: Ich bin durchaus Mitglied in einem Hundesportverein. Allerdings in Sachsen. Dort trainieren Menschen, die offen sind für unterschiedliche Wege im Gebrauchshundesport. Menschen mit Erfahrung, mit Interesse an neuen Ansätzen und mit der Bereitschaft, Dinge auszuprobieren. Dort ist es völlig selbstverständlich, dass jemand mit einem Gebrauchshund arbeiten möchte. Und dort ist es auch kein Problem, wenn ein Hund einmal rechts geführt wird, weil die Realität eben manchmal andere Lösungen erfordert als ein Lehrbuch. Der einzige Haken: Die einfache Strecke dorthin beträgt rund 350 Kilometer. Das funktioniert für gelegentliche Trainingsbesuche. Aber nicht für das wöchentliche Training, das ein junger Hund eigentlich braucht.

Hundesport – aber bitte nur wie früher?

Was mich an solchen Situationen beschäftigt, ist weniger die persönliche Absage. Vereine dürfen entscheiden, welche Sportarten sie anbieten. Das ist ihr gutes Recht. Schwieriger wird es, wenn sich eine grundsätzliche Haltung zeigt: Hundesport – ja. Aber bitte nur so, wie man ihn schon immer gemacht hat. Der moderne Gebrauchshundesport entwickelt sich weiter. Neue Trainingsmethoden entstehen. Neue Sportarten werden populär. Und immer mehr Menschen interessieren sich für anspruchsvolle Arbeit mit ihren Hunden. Mondioring, französischer Ringsport oder auch moderne Trainingsansätze im IGP sind längst Teil dieser Entwicklung. Trotzdem wirkt es auf manchen Hundeplätzen, als wäre diese Entwicklung nie angekommen.

Die Rolle der Verbände

Besonders schwer verständlich wird es, wenn man einen Schritt weiter denkt. Nahezu jeder Hundeplatz in Deutschland gehört zu einem Verband. Diese Verbände werben mit bestimmten Sportarten. Sie schreiben Prüfungsordnungen, veranstalten Meisterschaften und sprechen öffentlich davon, wie wichtig Nachwuchs im Hundesport ist. Gleichzeitig scheint es vielerorts völlig akzeptiert zu sein, dass auf angeschlossenen Hundeplätzen genau diese Sportarten gar nicht stattfinden dürfen. Oder dass Menschen mit anderen Trainingszielen schlicht vor verschlossenen Türen stehen. Das ist ein Widerspruch. Wer Hundesport in der Öffentlichkeit stärken will, kann sich nicht darauf beschränken, Prüfungen zu organisieren. Man muss auch dafür sorgen, dass neue Ideen, neue Sportarten und neue Menschen auf den Hundeplätzen überhaupt willkommen sind.

Carl interessiert das alles nicht

Carl interessiert sich nicht für Vereinsstrukturen oder Verbandsdebatten. Er interessiert sich für Arbeit. Für präzise Fußarbeit. Für Konzentration. Für Training. Für ihn zählt nur, dass wir als Team funktionieren. Die Begleithundprüfung werden wir trotzdem laufen. Und irgendwo wird es auch einen Hundeplatz geben, auf dem moderner Hundesport nicht als Bedrohung gesehen wird. Sondern als das, was er eigentlich ist: die Zukunft dieses Sports.

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Ich bin Journalist und seit Februar 2026 redaktionell verantwortlich für das Portal rundum.dog. In dieser Funktion trage ich die journalistische Verantwortung für die inhaltliche Ausrichtung, die redaktionelle Qualität sowie die Veröffentlichung der Beiträge. Meine Arbeit ist geprägt von einer sachlichen, faktenbasierten Herangehensweise und dem Anspruch, auch komplexe oder kontrovers diskutierte Themen nachvollziehbar und differenziert einzuordnen. Mich interessiert weniger das Idealbild als die praktische Realität: Wie funktionieren Strukturen im Alltag tatsächlich? Wo entstehen Barrieren – offen oder unbewusst? Und wie lassen sich Zusammenhänge verständlich darstellen, ohne sie zu vereinfachen oder zu verkürzen? Thematisch bewege ich mich an der Schnittstelle von Hundehaltung, Hundesport und gesellschaftlichen Fragestellungen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf Hundetraining und Hundesport unter realen Bedingungen. Ich bin ein Mensch mit Handicap und nutze einen Rollstuhl. Eigene Alltagserfahrungen fließen in die Arbeit ein, ohne sie zum Maßstab zu machen. Über das Leben und Training mit meinem Hund Carl veröffentliche ich bei rundum.dog regelmäßig Kolumnen, jeweils mittwochs und samstags. Im Fokus stehen dabei Fragen nach Verantwortlichkeit, Trainingspraxis, Belastbarkeit von Konzepten und dem Zusammenspiel von Alltag, Leistung und Anspruch. Meine journalistische Arbeit orientiert sich an etablierten redaktionellen und ethischen Standards. Dazu gehören sorgfältige Recherche, transparente Arbeitsweisen und eine klare Trennung von Berichterstattung, Meinung und Interessen. Ziel ist eine sachliche, überprüfbare Darstellung von Themen, die unterschiedliche Perspektiven berücksichtigt und Argumente nachvollziehbar einordnet. Entscheidend ist für mich eine Berichterstattung, die erklärt, kontextualisiert und offen bleibt für begründete Gegenpositionen. Journalistisch arbeite ich seit vielen Jahren für regionale und überregionale Medien. Unter anderem habe ich für Titel der Neuen Pressegesellschaft geschrieben, zu der auch die Märkische Oderzeitung gehört. 2023 habe ich im Rahmen meiner journalistischen Tätigkeit in Osteuropa recherchiert und berichtet, unter anderem zu den Auswirkungen des Krieges auf den Alltag der Zivilbevölkerung. Gemeinsam mit dem Herausgeber verstehen wir rundum.dog als journalistisches Magazin für Hundehalterinnen und Hundehalter aus unterschiedlichen Lebensrealitäten und mit unterschiedlichen Anforderungen. Tierschutz ist dabei eine zentrale Leitlinie der redaktionellen Arbeit und wird als Verantwortung verstanden, die Fachlichkeit, Alltagstauglichkeit und Praxisbezug verbindet. Ziel des Magazins ist es, Orientierung zu bieten und dazu beizutragen, dass Mensch und Hund als Team verlässlich und nachhaltig zusammenarbeiten – im Alltag, im Training und im Sport.
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