Gibt es den Weg zum gesunden Hund?
Von Anja Geretschläger
Stellen Sie sich vor, es gäbe Tinder für Hunde. Ja, ja, ganz richtig, eine Datingplattform zur Partnersuche, aber nicht für den Zweibeiner am Ende der Leine, sondern für den Vierbeiner. Für die meisten von Ihnen mag das wirklich verrückt klingen! Aber lassen Sie mich die Geschichte von vorne erzählen, denn das Ende kommt ganz klar der Gesundheit unserer Hunde zugute.
Was wünschen wir Hundehalter uns am meisten?
Möglichst viele Jahre gemeinsam mit unseren Vierbeinern verbringen zu können. Doch was ist ein langes Leben, wenn die Gesundheit unserer Hunde auf der Strecke bleibt?
Das Thema Gesundheit beginnt bei unseren Hunden bereits beim Züchter, und zwar nicht erst dann, wenn die Welpen geboren werden, sondern bereits, wenn der Züchter plant, wer denn die Eltern der Kinder sein sollen. Hier beginnt die Reise. Gerade bei Rassehunden muss ganz besonders auf die Auswahl der Elterntiere geachtet werden, um gesundheitliche Probleme in den Nachkommen zu vermeiden. Auch bei Mischlingshunden sind Erkrankungen ein Thema, aber in Bezug auf erbliche Probleme haben verschiedenste Hunderassen leider klar die Nase vorne.
In der Auswahl der Eltern gibt es also verschiedene Gesichtspunkte, die ein Züchter berücksichtigen sollte. Dazu zählen genetische Erkrankungen, aber auch genetische Diversität. Zwei Begriffe, die danach schreien, dass die Story ab hier jetzt richtig kompliziert wird. Aber keine Sorge, alles der Reihe nach.
Genetische Diversität
Vielleicht haben Sie den Begriff genetische Diversität ja schon einmal gehört. Genetische Diversität beschreibt, wie vielfältig das Erbgut eines Lebewesens ist. Und in diesem Fall gilt, nicht kleckern, sondern klotzen.
Je diverser das genetische Material, umso höher ist die Chance, unbeschadet durchs tägliche Leben zu kommen. Egal was passiert, genetisch ist immer das richtige Werkzeug dabei, um sich zur Wehr zu setzen. Versuchen Sie doch mal mit einem Hammer und einen Schraubendreher einen Schrank zu bauen. Da sind Sie mit einer ganzen Werkstätte wahrscheinlich besser bedient. Gleich verhält es sich mit der genetischen Ausstattung. Je mehr Werkzeug einem Lebewesen zur Verfügung steht, umso eher wird es entsprechend den Umständen das richtige zur Hand haben.
Doch warum wird das Thema genetische Diversität gerade bei Züchtern immer wichtiger? Weil sie die Gesundheit unserer Hunde maßgeblich beeinflusst! Die Sache mit der genetischen Diversität begann in Wahrheit schon sehr früh, zum Zeitpunkt der Domestikation, als sich der Wolf mehr und mehr in eine wechselseitige Beziehung mit dem Menschen manövrierte. Im Lauf dieses Entwicklungsprozesses gab es mehrere einschneidende Ereignisse, die dazu führten, dass sich die Vorläufer unserer Hunde zusehends an den Menschen anpassten und somit ein Zusammenleben zwischen den beiden Spezies möglich machte.
Die Schritte, die diese Anpassung an den Menschen ermöglichten, hatten allerdings den Nebeneffekt, dass es zu einer zunehmenden genetischen Verarmung kam. Dies war der Preis, der für die Domestikation bezahlt werden musste. Nachdem das Thema der Domestikation erledigt war und sich der Hund als solcher etabliert hatte, folgten in jüngerer Zeit aber noch weitere Ereignisse, die sich auf die genetische Diversität nicht zwingend positiv auswirken sollten.
Genetische Verarmung
Eines davon war die Etablierung von Rassen. Das Bestreben des Menschen, Hunderassen zu »erschaffen« und diese stetig weiterzuentwickeln, führte zu einer zusätzlichen genetischen Verarmung.
Aber warum ist das so? Wird eine Rasse etabliert, so werden ganz bestimmte Tiere mit besonderen oder gewünschten Eigenschaften ausgewählt und für die Zucht verwendet. Dies bezeichnet man als Selektion. Sie kann dazu genutzt werden, dass ein bestimmtes Erscheinungsbild oder Verhalten in einer Rasse erreicht wird. Es werden also nur Tiere in der Zucht verwendet, die diese »Auflagen« erfüllen, während alle anderen vom Spielfeldrand zusehen müssen, auch wenn sie vielleicht hervorragende Eigenschaften mitbringen würden, diese aber nicht den Vorstellungen entsprechen. Durch diese Form der Selektion erreicht man beispielsweise eine Vereinheitlichung des Erscheinungsbildes. So lässt sich ein Labrador Retriever oder ein Rhodesian Ridgeback eindeutig als solcher identifizieren, ohne ein großer Rassekenner sein zu müssen. Die Krux an dem Ganzen ist allerdings, je einheitlicher sich Hunde einer Rasse werden, umso einheitlicher wird auch ihr genetisches Material.
Und an diesem Punkt beginnt die eigentliche Misere. Eine Rasse kann man sich als eine geschlossene Gesellschaft vorstellen. Wer nicht dazugehört, kommt nicht hinein. Anders gesagt, in der Rassehundezucht wird nur mit Hunden der gleichen Rasse gezüchtet. Es ist also wenig erwünscht, dass ein Labrador Retriever mit einem Border Collie für Nachkommen sorgt. Es sei denn, wir sprechen von Hybridhunden, wie es bei Labradoodles (Kreuzung aus Labrador Retriever mit Pudel) zum Beispiel der Fall ist. Labradore bleiben aber üblicherweise unter Labradoren und Border Collies unter Border Collies. Das heißt, fremdes genetisches Material ist nicht erwünscht. Das mag auf den ersten Blick ziemlich rassistisch klingen, aber der Grundgedanke besteht darin, die Rasse in seiner Erscheinung und in seinem Verhalten aufrechtzuerhalten. Ein wasserfreudiger, apportierender Labrador Retriever mit stark ausgeprägtem Hütetrieb würde wohl nicht dem etablierten Rassestandard entsprechen und ist ziemlich sicher unerwünscht. Hat man doch viele Jahre große Mühen in die Entwicklung von Rassen gesteckt.
Popular Sire – der LieblingsDeckrüde
Domestikation und Selektion haben und hatten also maßgeblich Einfluss auf die genetische Ausstattung unserer heutigen Hunderassen. Es gibt aber noch den Effekt der Popular Sires. Schon mal davon gehört?
Zur Erklärung ein kurzer Ausflug in die USA. Ein Fruchtbarkeitsmediziner hatte vor Jahren aufgrund von ihm durchgeführter künstlicher Befruchtungen bei Frauen für Aufsehen gesorgt. Ein DNATest zur Erforschung des eigenen Stammbaumes eines so gezeugten mittlerweile erwachsenen Einzelkindes deckte eine Verwandtschaft zu weiteren sieben Halbgeschwistern auf. Im Zuge von Nachforschungen wurden noch zahlreiche weitere Verwandtschaften ausfindig gemacht und es stellte sich heraus, dass der Mediziner Vater aller dieser Kinder war ohne das Wissen oder die Zustimmung der Patienten. In diesem Fall könnte man behaupten, dass der Mediziner ein Popular Sire ist. Also ein Vater, der sehr, sehr viele Nachkommen »produziert« hat.
Klingt seltsam? Im Zusammenhang mit Menschen ja, aber Popular Sires sind kein unübliches Phänomen in der Hundezucht. Allerdings erfolgt hier der Einsatz meist auf natürlichem Wege und mit dem Wissen der Züchter, aber das Prinzip dahinter ist vergleichbar. Ein Rüde sorgt für viele Nachkommen und diese haben eines gemein – die genetische Ausstattung des Vaters. In manchen Rassen wurde dem dahingehend Einhalt geboten, dass es eine Limitierung gibt, wie oft ein Rüde in der Zucht eingesetzt werden darf. In anderen Rassen sieht man das Ganze nicht so eng.
Unabhängig davon liegt es aber auf der Hand, dass dies nicht besonders förderlich ist, was den Erhalt der genetischen Vielfalt in einer Hunderasse betrifft. Jede Rasse verfügt also über ein gewisses Maß an genetischer Ausstattung und genetischer Diversität, was abhängig der vergangenen Zuchtpraktiken in einer Rasse besser oder minimalistischer ist. Dass der Faktor Inzucht, also die Verpaarung von nahen Verwandten gesundheitlich nicht besonders förderlich ist, haben uns die Adelshäuser aus der Vergangenheit gelehrt. Dennoch ist Inzucht ein großes Thema in der Rassehundezucht.
Restriktive Heiratsregeln beim europäischen Hochadel sorgten für Eheschließungen zwischen engen Verwandten, was am Ende zum Aussterben von großen europäischen Dynastien wie dem spanischen Zweig der Habsburger führte. Ein großes Problem, das diese Adeligen hatten, waren genetische Erkrankungen wie die Bluterkrankheit (Hämophilie), aber auch geistige Beeinträchtigungen. Das heißt, eine eingeschränkte genetische Diversität und ein hohes Maß an Inzucht können sich sehr häufig auf die Entstehung von genetischen Erkrankungen auswirken. Vom Adel zurück zu unseren Hunden. Abhängig davon, welche Rasse wir genauer unter die Lupe nehmen, kann der Inzuchtgrad mehr oder weniger ausgeprägt sein. Es besteht somit ein höheres oder geringeres Risiko, dass gesundheitliche Probleme auftreten.
Mehr als 800 genetische Erkrankungen bekannt
Aber was ist der Grund für das erhöhte Risiko von erblichen Krankheiten bei Inzucht? Ganz einfach erklärt!
Je enger zwei Eltern miteinander verwandt sind, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass genetische Probleme an die Welpen weitergegeben werden. Ist beispielsweise ein Gen der Mutter an einer Stelle beschädigt, so kann ein unbeschädigtes Gen des Vaters das Problem umgehen. Wenn aber nun von beiden Elternteilen ein kaputtes Gen an den Welpen weitergegeben wird, was umso wahrscheinlicher ist, je näher beide Elternteile miteinander verwandt sind, dann hat der Welpe kein Backup mehr und kann Symptome entwickeln. Genetische Erkrankungen sind wirklich ernst zu nehmen, da es in den meisten Fällen keine Heilung gibt und sie schlimme Beeinträchtigungen der Gesundheit darstellen können. Vermeidung ist in diesem Fall der beste Schutz.
Bei unseren Hunden kennen wir aktuell mehr als 800 genetische Erkrankungen. Von etwa der Hälfte ist die genaue Ursache bekannt und sie können mit einem DNA-Test untersucht werden. Leider gibt es aber auch zahlreiche Erkrankungen, die nicht so einfach testbar sind. Sie umfassen meist mehrere Gene oder ein Ausbruch von Symptomen wird durch Umweltfaktoren beeinflusst. Solche Erkrankungen können verschiedenste Formen von Krebs, aber auch Autoimmunerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Schilddrüsenunterfunktion umfassen. Ja, ja, ganz recht! Das sind Erkrankungen, die auch bei unseren Hunden vorkommen, nicht nur beim Menschen.
Sie sehen also, dass es viele Faktoren gibt, die die genetische Diversität in unseren vierbeinigen Freunden beeinflussen, weshalb es umso wichtiger ist, dass dem Thema entsprechend Aufmerksamkeit geschenkt wird. Hunde zu züchten, nimmt an Komplexität zu, auch wenn manche das so gar nicht gerne hören wollen. Eine gute Zuchtplanung mit all seinen Schikanen ist das um und auf für gesunde Welpen.
Und hier kommen wir zurück zur Datingplattform für Hunde. Wir helfen Züchtern dabei, den optimalen Zuchtpartner für ihre Hündin bzw. ihren Rüden zu finden. Dabei setzen diese auf genetische Daten, die uns eine Einschätzung darüber geben, wie hoch der Inzuchtgrad eines einzelnen Hundes ist, bzw. wie eng beide Hunde miteinander verwandt sind. Um das bewerkstelligen zu können, werden Hunde genetisch getestet. Als Probenmaterial eignet sich ein Backenabstrich üblicherweise hervorragend. Aus den Zellen wird genetisches Material des Hundes isoliert und dann ganz genau unter die Lupe genommen. Komplexe genetische Analysen werden dazu verwendet, um mehr als 70.000 unterschiedliche Bereiche in der DNA eines jeden einzelnen Hundes zu untersuchen. Diese Daten werden anschließend mit speziellen bioinformatischen Programmen ausgewertet und die Ergebnisse in die Plattform eingespielt. Für jeden Hund kann dann eine sehr genaue Aussage darüber getroffen werden, wie hoch der Inzuchtgrad basierend auf genetischen Daten ist.
Man kann sich vorstellen, je geringer dieser Wert, umso besser für den Hund. Für den Einzelnen ist es oft schwierig, einschätzen zu können, ob das ein hoher oder ein niedriger Wert ist, den der eigene Hund da an den Tag legt. In diesem Fall gibt es Vergleichswerte zu Hunden der eigenen Rasse, aber auch anderer Rassen, um für sich eine persönliche Einschätzung treffen zu können.
Verwandtschaftsverhältnisse
Die genetischen Daten werden aber auch dafür verwendet, den Grad der Verwandtschaft zu anderen Hunden der gleichen Rasse ausfindig zu machen. Es ist zwar gut zu wissen, ob ich als Züchter einen mehr oder weniger diversen Hund besitze, am Ende kommt es aber auf den Verwandtschaftsgrad der gewünschten Elterntiere an. Wie auch bei uns Menschen gibt jeder Elternteil 50% des Erbmaterials an seine Nachkommen weiter. Ist die DNA von Vater und Mutter sehr ähnlich, wird die genetische Diversität in den Nachkommen eher limitiert sein, während bei größtmöglichem Unterschied eine hohe genetische Diversität gegeben ist.
Und wie schon vorangegangen erwähnt, kann das Vorkommen von Erkrankungen dadurch begünstigt oder das Risiko reduziert werden. Ein wichtiger Aspekt ist aber auch die Berücksichtigung von genetischen Erkrankungen. Hierfür werden zahlreiche genetische Erkrankungen für jeden einzelnen Hund untersucht. Aktuell sind es mehr als 250 Erkrankungen, die aus unterschiedlichsten Rassen bekannt sind. Durch einen Vergleich der Ergebnisse von Mutter und Vater wird deutlich, ob beide Eltern womöglich das gleiche Risiko für eine Erkrankung mitbringen. So kann verhindert werden, dass Welpen Erkrankungen von beiden Elterntieren erben und somit keine Backup-Funktion mehr zur Verfügung haben.
Eine Datingplattform für Hunde ist also ein sinnvolles Tool, um die Suche nach geeigneten Eltern für den nächsten Wurf zu unterstützen. Wichtig ist aber auch, dass das Wissen und die langjährige Erfahrung des Züchters in die Zuchtentscheidung miteinfließen. Schließlich kann dieser am besten beurteilen, ob die beiden geplanten Elterntiere auch die optischen Eigenschaften und entsprechendes Verhalten, das sie für die Zucht qualifiziert, mitbringen. Zuchtentscheidungen sollten demnach basierend auf vielfältigen Faktoren getroffen werden, um so den besten Grundstein für ein gesundes Hundeleben von Welpen zu legen.
Dogdating für Hunde – zwar ein bisschen anders als vielleicht eingangs gedacht, aber definitiv keine Fiktion.



