Brachycephale Hunderassen wie Mops, Französische oder Englische Bulldogge sind besonders häufig von Atemproblemen betroffen. Das Brachyzephale Obstruktive Atemwegssyndrom (BOAS) kann ihre Lebensqualität stark einschränken. Um das Risiko zu erkennen und verantwortungsvoll zu züchten, wurden in den letzten Jahren zwei wissenschaftlich validierte Tests entwickelt: der Cambridge-Test (Respiratory Function Grading Scheme, RFGS) und der VDH-Fitnesstest.
Warum braucht es spezielle Atemtests?
BOAS zeigt sich nicht immer in Ruhe, sondern häufig erst bei Belastung. Hunde, die im Alltag scheinbar „nur schnarchen“, können beim Laufen, Spielen oder bei Hitze schwer beeinträchtigt sein. Normale Untersuchungen reichen daher nicht aus – es braucht standardisierte Belastungstests, die objektiv erfassen, ob ein Hund gesundheitlich für Zucht oder Alltag geeignet ist.
Was ist der Cambridge-Test (Respiratory Function Grading Scheme)?
Der Cambridge-Test wurde von der Universität Cambridge zusammen mit dem britischen Kennel Club entwickelt. Er wird inzwischen in vielen Ländern (UK, USA, Deutschland, Österreich, Schweiz) eingesetzt.
Ablauf des Tests
- Kurzer Fragebogen zum Atemverhalten
- Abhören (Auskultation) in Ruhe
- Drei Minuten Trab auf dem Laufband oder Flur
- Erneute Auskultation und Bewertung
Bewertung
- Grad 0: Keine Anzeichen – klinisch unauffällig
- Grad I: Leichte Geräusche, aber keine klinische Relevanz
- Grad II: Moderate Einschränkungen, medizinisch relevant
- Grad III: Schwere BOAS – dringender Handlungsbedarf
Der Test ist kurz, praktisch und international anerkannt. Besonders Züchter:innen profitieren, da er objektive Kriterien für die Zuchttauglichkeit liefert.
Was ist der VDH-Fitnesstest?
Der VDH-Fitnesstest wurde an der TiHo Hannover entwickelt. Er ist aufwändiger als der Cambridge-Test und bietet noch detailliertere Erkenntnisse.
Ablauf
- 15 Minuten Laufen auf dem Laufband im Wohlfühltempo
- Kontrolle von Atemfrequenz, Geräuschen, Vitalparametern und Erholungszeit
- Beurteilung, ob der Hund Belastung ohne Atemprobleme besteht
Ergebnisse aus Studien
- Bei Möpsen zeigte sich BOAS oft erst unter Belastung.
- 68 % bestanden den Test (Grad 0/1 + normale Erholung).
- 32 % fielen durch – meist wegen BOAS, teilweise aber auch ohne klare Symptome.
Der VDH-Fitnesstest ist ideal, um auch versteckte Atemprobleme sichtbar zu machen, die im Cambridge-Test unauffällig bleiben könnten.
Welche neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt es?
- Finnland (2017–2022): Große Auswertung von BOAS-Tests zeigte: 3–11 % der Hunde (je nach Rasse) fielen durch. Die Erblichkeit von BOAS liegt bei 0,39–0,58 – also mittel bis hoch. Das bedeutet: Durch gezielte Zucht kann man BOAS-Risiko langfristig deutlich reduzieren.
- Kardiomarker (NT-proBNP): Bluttests bei Möpsen mit und ohne BOAS zeigten keine Unterschiede. Das Herz ist also meist nicht direkt betroffen – Atemprobleme bleiben das Hauptthema.
- Internationale Nutzung: Der Cambridge-Test ist inzwischen in den USA, Australien und vielen europäischen Ländern etabliert. In Deutschland und der Schweiz ist er Teil der Zuchtordnung für bestimmte brachycephale Rassen.
Welche Vorteile haben die Tests für die Hundezucht?
- Objektive und vergleichbare Ergebnisse
- Erkennung auch „versteckter“ BOAS-Fälle
- Vermeidung von Zucht mit klinisch auffälligen Hunden
- Langfristige Verbesserung der Rassegesundheit
- Transparenz für Käufer:innen – Nachweise über Testergebnisse
FAQ: Häufig gestellte Fragen
Ist der Cambridge-Test oder der VDH-Fitnesstest besser?
Der Cambridge-Test ist kürzer und international etabliert. Der VDH-Fitnesstest ist intensiver und deckt auch versteckte Probleme auf. Am besten ist die Kombination beider Verfahren.
Kann ein Hund den Test „bestehen“, obwohl er krank ist?
In Ruhe unauffällige Hunde können beim Cambridge-Test Grad 0/1 erreichen, zeigen aber unter längerer Belastung Probleme. Darum ergänzt der VDH-Fitnesstest das Bild ideal.
Gibt es genetische Tests gegen BOAS?
Einzelne Genvarianten (z. B. DVL2-Mutation bei Bulldoggen) sind bekannt, erklären aber nicht alle Fälle. BOAS ist multifaktoriell – Genetik, Anatomie und Umwelt spielen zusammen.
Hilft eine Operation bei BOAS?
Chirurgische Eingriffe (z. B. Erweiterung der Nasenlöcher, Gaumensegelkürzung) können Symptome lindern, beheben aber nicht die genetische Ursache. Zuchtselektion bleibt entscheidend.
Sind alle brachycephalen Hunde krank?
Nein! Viele Hunde haben moderate Kopfformen ohne klinische Probleme. Ziel ist es, durch Zucht nur mit unauffälligen Tieren langfristig gesunde Linien zu fördern.
Fazit: Moderne Tests sichern die Zukunft brachycephaler Hunde
Der Cambridge-Test und der VDH-Fitnesstest sind wichtige Werkzeuge, um das BOAS-Risiko bei Mops, Französischer und Englischer Bulldogge objektiv zu erkennen. Beide Verfahren haben Stärken, die sich ergänzen: kurz und international anerkannt (Cambridge), länger und detaillierter (VDH). Neue Studien aus Finnland zeigen zudem: BOAS ist erblich – und kann durch gezielte Zucht reduziert werden. Wer Hunde liebt und züchtet, sollte diese Tests nutzen, um Verantwortung für die Gesundheit brachycephaler Rassen zu übernehmen.



