Ich bilde gerade meinen zweiten Blindenführhund aus.
Mit dem ersten hatte ich unglaublich viel Arbeit – und leider hat er es am Ende in der Vermittlung als Blindenführhund nicht geschafft. Viele kleine Zufälle haben dazu beigetragen.
Trotzdem blicke ich auf unsere Geschichte mit einem weinenden und einem lächelnden Auge zurück.
Weinend, weil er nicht zu der Person durfte, für die er ursprünglich vorgesehen war.
Lächelnd, weil mir die Zeit mit ihm so viel gegeben und mich so viel gelehrt hat.
Blindenführhund-Ausbildung bedeutet nicht nur Training.
Sie bedeutet Beziehung, Verantwortung, Loslassen – und ganz viel Herz.
Vertrauen lernen – auch als Ausbilder
Es ist nicht leicht, sich in einen blinden Menschen hineinzuversetzen, wenn man selbst ein kleiner Kontrollfreak ist.
Und trotzdem habe ich mein Bestes gegeben.
Die Momente, in denen wir gemeinsam am Geschirr gelaufen sind, habe ich absolut genossen.
Ich habe die Präzision seiner Arbeit bewundert – wie klar, ruhig und zuverlässig er mich geführt hat.
Sich von einem Blindenführhund führen zu lassen, ist ein wahnsinniges Gefühl.
In dem Moment, in dem du merkst, dass sich all die Monate harter Arbeit gelohnt haben.
Dass der Hund selbstständig reagiert, Signale erkennt und sie sicher umsetzt.
Du gibst die Kontrolle ab.
Du vertraust.
Und genau das macht diese Arbeit so besonders – und auch emotional.
Der Moment mit den Pfützen
An einen Tag erinnere ich mich besonders gut.
Es war Spätsommer, hinter uns lagen viele regnerische Tage, und überall auf den Wegen standen große Pfützen.
Wie gewohnt ließ ich mich von meinem Azubi-Hund führen.
Auf dem Gehweg standen geparkte Autos. Er, wie immer präzise, suchte zuerst den sicheren Umweg, um mich daran vorbeizuführen.
Plötzlich stoppte er – aber nicht wie sonst zwei Meter vor dem Auto.
Ich schaute instinktiv nach unten und dachte nur: Wow.
Er hatte nicht nur das Hindernis im Blick, sondern auch die Pfützen.
Er wollte mich nicht einfach vorbeiführen – er wollte sie mit mir umgehen.
Dieser Moment hat mich tief berührt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
So eine Situation hatte ich vorher noch nie mit ihm erlebt.
Aber wie selbstverständlich er mich um jede einzelne Pfütze geführt hat, war einfach Wahnsinn.
Da wurde mir klar: Ein Blindenführhund sieht nicht nur Wege – er denkt mit, fühlt mit und trägt Verantwortung.
Ein falsches Bild von Arbeitshunden
Viele Menschen haben leider ein falsches Bild von diesen Hunden.
Man hört oft: „Nein, mein Welpe soll nicht arbeiten müssen.“
Was dabei vergessen wird: Diese Hunde bekommen eine wundervolle Aufgabe – und sie führen sie mit großer Freude aus.
Früher wurden Hunde für bestimmte Zwecke gezüchtet.
Der Hütehund bewachte Haus und Hof, der Herdenschutzhund beschützte die Schafe vor Wölfen und Bären, andere Hunde jagten, trugen oder führten. Fast jeder Hund hatte eine Aufgabe.
Heute haben wir ihnen diese Aufgaben genommen.
Wir erwarten, dass sie ruhig sind, überall funktionieren, alleine zu Hause warten, bis wir von der Arbeit kommen – und uns dann bitte noch bespaßen. Aber nur in Maßen.
Sie sollen brav an der Leine gehen, nicht bellen, nicht auffallen – einfach begleiten.
Was wir unseren Hunden mittlerweile abverlangen, ist eigentlich Wahnsinn.
Und dann bekommt ein passender Hund endlich seine Lebensaufgabe als Blindenführhund – und plötzlich heißt es: „Das ist doch zu viel Arbeit.“
Die Mission eines Blindenführhundes
Dabei hat ein Blindenführhund eine echte Mission.
Er arbeitet mit Freude, er ist lebenslang abgesichert und wird hervorragend betreut.
Wenn der Ausbilder es schafft, dass der Hund seine Aufgaben mit Begeisterung ausführt – und genau so sollte es sein – dann ist er ein Leben lang ein großartiger Helfer und Begleiter für einen Menschen, der auf ihn angewiesen ist.
Der Hund wird zu den Augen dieses Menschen.
Glücklicher Mensch – glücklicher Hund.
Und das für sehr lange Zeit.
Darum bitte:
Hört auf, diese Aufgabe als etwas Negatives zu sehen.
Ein Blindenführhund führt kein schweres Leben – sondern ein sinnvolles, erfülltes und glückliches.


